Frontier Markets Asien: Lockruf des Fernen Ostens
Die etablierten Aktienmärkte sorgten im Jahr 2011 eher für Frust statt Lust im Portfolio. Exotische Märkte hingegen glänzten mit positiver Performance und heiteren Aussichten. In einer neuen Serie porträtieren wir die Anlegerchancen in ausgewählten Frontier Markets – Teil 1 startet in Fernost.
von Matthias Niklowitz
Wachstumsschwäche, Schuldenkrise und Frankenstärke sind einige Schlagworte, die Anlegern in den bekannten breiten Aktienmärkten wie Euro Stoxx 50, S&P 500 oder SMI die Laune im abgelaufenen Jahr teilweise ordentlich verdarben. Die erfolgreichsten Börsenplätze in Sachen Wertentwicklung lagen in 2011 definitiv in exotischen Gefilden. Grund genug, die Chancen und Risiken dieser sog. Frontier Markets genauer zu analysieren. Unter diesem Begriff wird ein Land bezeichnet, das in seiner Wirtschaftsentwicklung ein hohes Wachstum aufweist, jedoch noch nicht den Entwicklungsstand eines klassischen Emerging Markets (wie z.B. China, Indien oder Russland) erreicht hat. Frontier Markets stehen sozusagen an der Grenze («Frontier») zu einem Emerging Market. Und der Performance-Gewinner 2011 heisst bei den Frontier Markets – Mongolei! So war die Börse des Landes mit 2,8 Mio. Einwohnern mit einem Plus von 20% in Franken gerechnet viel stärker gestiegen als die lokalen Märkte in Indonesien, Philippinen, Vietnam oder Pakistan.
Die Hausse nährt die Hausse
Aufgrund der guten Performance und eines gigantischen Rohstoffschatzes ist die Mongolei bei westlichen Anlegern derzeit zunehmend populär. Das treibt in einem engen Markt die Kurse fast automatisch nach oben. Laut Dale Choi, Chefstratege beim mongolischen Broker Frontier Securities, sprechen die stabile demokratische Regierung, die ethnisch homogene, junge und technologieaffine Bevölkerung sowie eine gute strategische «BRIC-Sandwich»-Position in der Nähe zu den grossen potenziellen Absatzmärkten China, Indien und Russland für Anlagen in diesem Land. Obwohl erst 17% des Bodenuntergrundes der Mongolei geologisch untersucht sind, zählt das Land bereits zu den zehn Ländern mit den meisten Bodenschätzen weltweit. Laut Choi besteht weiterhin ein grosses Aufholpotenzial. In 2012 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf nach Angaben des stellvertretenden Finanzministers Ganhuyag Chuluun verdoppelt – von USD 2‘470 auf USD 5‘000. Der Preis des Wachstums ist, wie in vielen Frontier Markets, die Inflationsrate. In der Mongolei beträgt sie rund 10%.
Rating-Upgrades statt -Downgrades
«Alles im grünen Bereich» präsentiert sich die philippinische Börse in Manila. Dort fiel das Kursplus auf Jahressicht mit «nur» 3,6% nicht ganz so üppig aus wie an der Mongolia Stock Exchange, doch deutlich besser als -11% im Schweizer Leitindex SMI. Nach Angaben von Zentralbank-Chef Amando Tetangco bleibt die Regierung bei der BIP-Wachstumsprognose von 5% bis 6% für 2012. «Das Wirtschaftswachstum hat sich zuletzt zwar etwas verringert, doch von einer Eintrübung kann keine Rede sein», unterstrich er bei einem Treffen mit Auslandsjournalisten Mitte Dezember 2011. Ebenfalls mit sattem Wachstum gesegnet ist Indonesien. Gemäss einer Reuters-Analystenschätzung wird das BIP des Inselstaats in Südostasien in 2012 um satte 6,4% wachsen. Jüngst sorgte die Ratingagentur Fitch für eine Sensation: Das einzige Rating-Upgrade für Staatsschuldner seit Langem erhielt Indonesien. Die Rating-Agentur setzte am 15. Dezember die Bonität auf «Investment Grade». Ein Ritterschlag für diesen Frontier Market. Wachsendes Anlegerinteresse ist schon jetzt spürbar.
Rangfolge kann sich rasch ändern
Dennoch sollten sich Anleger bei Investments in Frontier Markets auch des Risikos bewusst sein. So galten vor drei Jahren Vietnam und Pakistan als vielversprechende Highflyer in der Region. Die lokalen Börsen dort zogen sehr schnell sehr viel westliches Kapital an. Das Interesse hat sich inzwischen jedoch relativiert. Viele Anleger bekamen in der Finanzkrise 2008 kurzfristig kalte Füsse und zogen das Kapital ab – das Wachstum bei den lokalen Unternehmen ignorierend. Pakistan ist heute zum politischen Sorgenkind verkommen, Vietnam gebrandmarkt vom Kursabsturz. Der MSCI-Frontier-Index bezogen auf Vietnam liegt rund 14% im Minus, Pakistan-Anleger liegen für das Jahr 2011 rund 10% hinten. Die Verhältnisse ändern sich auch hier sehr rasch. Die Analysten der US-Investmentbank Morgan Stanley haben die asiatischen Länderbörsen (Frontier Marktes und Emerging Markets) mit der jeweils besten Wertentwicklung kürzlich skizziert (siehe Tabelle). Hier wird offensichtlich: Die Stars von heute können schon morgen an das Liga-Ende gerutscht sein.
Sektoranlagen mit Vorsicht geniessen
Rohstoffnahe Anlagen sind typisch für Frontier Markets im Frühstadium der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein gutes Beispiel ist hier auch die Mongolei. Das Land sitzt auf dem grössten Kohlevorkommen der Erde. Solche Anlagen zählen zusammen mit privaten Telekom- und teilprivatisierten Versorgerwerten oft auch zu den ersten einigermassen liquiden und gut handelbaren Basiswerten für Tracker-Zertifikate oder ETFs. Strukturierte Produkte oder Direktanlagen mit Fokus Energie- und Industrieaktien sind in den asiatischen Frontier Markets seit einigen Jahren zurückgefallen (siehe Tabelle). Seit 2009 ist die Etablierung einer wachsenden Mittelschicht in den asiatischen Entwicklungsländern erkennbar. Daher rücken Konsumwerte zunehmend in den Vordergrund. Viele Bürger können sich die Güter, die in ihren Ländern für den Export hergestellt werden, erst jetzt zunehmend selbst leisten. Der Sektor Telekom läuft jetzt wieder gut. Nach Angaben des deutschen Marktforschers GfK wurden in den Frontier Markets wie Malaysia, Indonesien, Vietnam, Kambodscha und den Philippinen alleine im dritten Quartal 2011 rund 4,7 Millionen Smartphones verkauft. Das entspricht einem Gerätewert-Umsatz von knapp USD 1.5 Milliarden. Lediglich bei einem Sektor sind die Parallelen zwischen den aufstrebenden Märkten und den reifen westlichen Börsen augenfällig: Finanzwerte haben 2011 überall miserabel abgeschnitten.
Attraktive Produkte sind rar
Konventionelle Prognosen zu einzelnen Ländern und Sektoren in den aufstrebenden asiatischen Märkten sind deshalb mit grossen Unsicherheiten behaftet. Ideal für Anleger wären deshalb Kombinationen von breit gefassten Länderindizes mit eingebauter Sektorenrotation. Index-Tracker für Länder gibt es zwar, aber keine ausgereiften Sektorrotationsprodukte. Hier läge die Chance von aktiv gemanagten Fonds, aber sie wird in der Praxis nur selten eingelöst. Und auch das Timing ist wichtig, selbst beim Anlagethema Mongolei. Anleger, welche einen der beiden von RBS begebenen Index-Tracker ULAAN und BATOR auf die Börse der Mongolei bei Emission im April 2011 gekauft hatten, haben bis Jahresende Rückschläge von 45% eingefahren. Deutlich besser hätten sich Direktinvestments an der Mongolia Stock Exchange entwickelt. Für breitere Asien-Investments – inkl. Frontier Staaten wie Philippinen, Sri Lanka und Malaysia plus «Emerging Asia» à la Hong Kong oder Thailand – ist VZBOA ein brauchbares Produkt. Der Tracker auf den Best of Asia Funds Index, emittiert von der Bank Vontobel, ist allerdings aufgrund der «Zertifikate-auf-Fonds-Struktur» ein oftmals teurer Weg. Dennoch ist das Produkt hoch korreliert mit den asiatischen, in USD quotierten Indizes und bietet dem Anleger die Möglichkeit, 1:1 an der lokalen Wertentwicklung zu partizipieren. Bei den ETFs bietet sich mit dem iShares MSCI Philippines Index (ISIN US46429B4086) eine veritable Alternative. Dieser in USD kotierte ETF ist bislang nur an der NYSE Arca gehandelt, was allerdings enge Spreads und hohe Liquidität garantiert. Insgesamt haben Frontier Markets gutes Potenzial, für attraktive Renditen zu sorgen – vorausgesetzt, man ist sich auch des Risikos bewusst, und den damit verbundenen möglichen «Achterbahnfahrten».
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