Scharfe Töne aus Bern
Die Finanzmarktaufsicht FINMA stellte den Anbietern Strukturierter Produkte in punkto Anlegerschutz jüngst ein ungenügendes Zeugnis aus. Die Kritik ist aber nur zum Teil berechtigt. Droht dem Schweizer Derivatemarkt das Ende der effizienten Selbstregulierung?
von Martin Raab und Daniel Manser
Wer kennt sie nicht, die seitenlangen Beipackzettel von Medikamenten, voll mit medizinischem Fachchinesisch? Auch die Finanzindustrie bedient sich bei ihren Verkaufsunterlagen zu Strukturierten Produkten einer für den Laien anspruchsvollen Fachsprache. Doch die Branche hierzulande produziert die vielen Seiten Fachinformationen aus gutem Grund: Strukturierte Produkte dürfen, falls sie nicht an einer Börse kotiert sind, nur dann öffentlich angeboten werden, wenn ein sogenannter «vereinfachter Prospekt» vorliegt. Ein Emittent darf also nicht nur in Hochglanzformat auf die Chancen eines Derivats hinweisen. Vielmehr müssen auch die wesentlichen Merkmale des Strukturierten Produkts, dessen Gewinn- und Verlustaussichten sowie die bedeutenden Risiken für Anleger klar ersichtlich sein.
Deutsch und deutlich
Vor wenigen Tagen wirbelte nun eine Untersuchung der Schweizer Finanzmarktaufsicht FINMA gehörig Staub auf. Im Rahmen eines bereits durch die Lehman-Pleite 2008 ausgelösten Projekts nahm die Behörde insgesamt 98 vereinfachte Prospekte sowie weitere Verkaufsunterlagen von Strukturierten Produkten unter die Lupe. Das Urteil der Überwachungsbehörde fiel knallhart aus: «Die meisten Prospekte und Verkaufsunterlagen von Strukturierten Produkten sind zu wenig verständlich, zu umfangreich und nicht einheitlich gegliedert», hiess es aus Bern. Hinzu käme, dass «die Verkaufsunterlagen uneinheitlich gegliedert sind, was die Produktvergleichbarkeit erschwert». Ein weiterer Kritikpunkt ist die Sprache, viele Prospekte seien nur in Englisch verfügbar. Auch die oft fehlende Kostentransparenz stösst sauer auf. «Wir üben keine Pauschalkritik, sondern kommen aufgrund einer repräsentativen Stichprobenkontrolle zum Schluss, dass die Prospekte zwar die gesetzlichen Mindestanforderungen einhalten, den Anleger aber nicht ausreichend schützen», sagt Tobias Lux, Mediensprecher der FINMA. Alles in allem haben bei der stichprobenartigen Kontrolle nur zwei von elf untersuchten Anbietern die Vorstellungen der FINMA erfüllt. «Wir plädieren daher für eine einheitliche Struktur der Prospekte, die dem Anleger einen echten Vergleich der relevanten Kernkriterien vereinfacht», konkretisiert Lux.
Rasche Branchenreaktionen
Die Reaktionen aus der Derivate-Branche liessen nicht lange auf sich warten. Der Schweizerische Verband für Strukturierte Produkte (SVSP) bezog noch am gleichen Tag der FINMA-Veröffentlichung klar Stellung: «Der SVSP ist der Ansicht, dass sich die geltenden aufsichtsrechtlichen Regelungen und deren Konkretisierung mittels Selbstregulierung bewährt haben», so Verbandspräsident Daniel Sandmeier. Zwar sei der Verband «gewillt, den Anlegerschutz im Rahmen der bestehenden Vorschriften weiter zu verbessern». Dazu möchte die Interessenvertretung mit der Schweizerischen Bankiervereinigung und der FINMA kooperieren. Gleichwohl pocht der SVSP auf die Selbstregulierung des Marktes. Zudem unterstreichen Sandmeier sowie Verbandsgeschäftsführer Jürg Stähelin die positiven Erkenntnisse aus der Untersuchung. Beispielsweise würden «Emittenten und Vertreiber die Anleger grösstenteils vollständig über die bedeutenden Risiken von Strukturierten Produkten aufklären», so Stähelin. Dennoch nimmt der Branchenverband SVSP den FINMA-Bericht und die enthaltene Kritik ernst. «Wir werden uns zusammen mit den Mitgliedern darum bemühen, die Verständlichkeit der vereinfachten Prospekte weiter zu erhöhen», unterstreicht Sandmeier.
Teils berechtigte Kritik
Einige Punkte der FINMA-Kritik erscheinen berechtigt. Zwar wurde in Sachen Vergleichbarkeit schon sehr viel getan – alle Anbieter ordnen ihre Produkte mittlerweile klar und nachvollziehbar nach der «Swiss Derivative Map» ein – doch in Anzeigen und Publikationen verwenden viele Institute nach wie vor hauseigene Bezeichnungen und Produktbegriffe, die teilweise abenteuerlich komplex klingen. Auch in punkto Kostentransparenz hat die Derivat-Branche Nachholbedarf. So kann durchaus vertreten werden, dass Vertriebsgebühren bei Strukturierten Produkten dem Anleger auf Wunsch kommuniziert werden müssen. Eine ähnliche Regelung besteht bereits im Fondsvertrieb, obwohl in diesem Geschäft, anders als bei Derivaten, der Grossteil der Gebühren an die Banken und Vermögensverwalter mittels Bestandsprovisionen vergütet werden. Die Höhe dieser Provisionen kennen die Fondsanleger allerdings nur selten. In Sachen Sprache bemängelt die FINMA zu Recht die teils englische Eintönigkeit. Andererseits bieten bei genauem Hinsehen die marktführenden Banken Termsheets in bis zu vier verschiedenen Sprachen an. Wer als Finanzhaus in der Schweiz Produkte für den Retailmarkt emittiert und kein Termsheet oder zumindest eine Produktbeschreibung in einer der Landessprachen anbietet, muss sich selbst nach dem lokalen Gespür fragen.
Sind telefonbuchstarke Prospekte sinnvoll?
Nichtsdestotrotz könnte ein «Zuviel» an Vorschriften bei den Anlegern mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Schliesslich hat sich die Selbstregulierung bezahlt gemacht. Bislang konnte sich der Schweizer Markt zur weltweiten Nummer eins beim verwalteten Volumen in Strukturierten Produkten entwickeln – «mitunter wohl auch, weil der aus Brüssel kommende EU-Regulierungswahnsinn die EU-Finanzmärkte in ihrer Dynamik und Innovationskraft hemmt bzw. in Zukunft noch viel mehr hemmen wird», wie Dr. Christoph Steiner, Rechtsanwalt bei Naegeli & Partner Rechtsanwälte AG, meint. In der EU müssen sich Anleger beim Kauf von üblichen Finanzprodukten inzwischen durch einen Wust von formalisierten Informationsblättern und Beipackzetteln kämpfen. So wurde beispielsweise erst kürzlich eine Produktserie einer deutschen Bank von einem Basisprospekt mit über 2‘000 Seiten begleitet. Ob damit ein effizienterer Markt mit mehr Transparenz geschaffen wird, ist fraglich. Und ob damit der private Anleger besser geschützt ist, muss ebenfalls stark bezweifelt werden. Die geltende Schweizer Gesetzgebung und Rechtsprechung geht, im Gegensatz zu derjenigen in der EU, von einem mündigen Anleger aus, der seine Anlage-Entscheide durchaus nachvollziehen kann. Es wäre ein Rückschritt, wenn hierzulande von diesem Grundsatz Abstand genommen würde. Aktuell ist mehr denn je gesundes Augenmass gefragt – für die Branche selbst und auch aufseiten der Aufsicht. Gemeinsam lässt sich letztlich mehr für die Schweizer Anleger erreichen und die internationale Spitzenposition im Markt für Strukturierte Produkte erfolgreich verteidigen.
ALL ABOUT DERIVATIVE INVESTMENTS




