«Liquidität ist wichtiger als Inflation.»
Jeff Molitor, Chief Investment Officer Europe Vanguard International, über die aktuelle Notenbankpolitik, Währungsspiele und Anlagestrategien für 2012
von Martin Raab und Daniel Manser
Herr Molitor, die EZB flutet die Märkte mit frischer Liquidität, parallel will die Politik Eurobonds als Lösungsalternative einführen. Liegt das Schlimmste der EU-Schuldenkrise nun hinter uns?
Nein, gelöst wurde noch kein einziges Problem. Bislang vermisse ich seitens der Politik und der Notenbank eine klare Antwort auf die Krise. Gerade Deutschland und Frankreich sollten jetzt endlich das Heft noch stärker in die Hand nehmen und als Katalysator mit konkreten Massnahmen die Lage unter Kontrolle bringen. 40% der deutschen Exporte gehen zurzeit in die EU. Da liegt es nahe, den Nachbarn höflich, aber bestimmt unter die Arme zu greifen. Ganz klar: Budget-Disziplin muss elementarer Bestandteil der Hilfszusagen an die bedürftigen Länder sein.
Wird die aktuelle Notenbankpolitik die Inflation weiter anheizen?
Inflation sehe ich derzeit nicht als das dringende Problem. Vielmehr – und das zeigt sich in den letzten Tagen sehr gut – ist mal wieder Liquidität das viel entscheidendere Thema. Die Banken und Unternehmen müssen zwingend mit ausreichend Liquidität versorgt werden. Der Geldfluss und das Kreditgeschäft müssen intakt bleiben. Sonst drohen ähnliche Verhältnisse wie 2008, wo der Kreditmarkt regelrecht ausgetrocknet war und keine Bank einer anderen mehr Geld geliehen hat. Liquidität ist somit wichtiger als Inflation.
Jeffrey S. Molitor ist Chief Investment Officer Europe, beim amerikanischen Investmenthaus Vanguard. Er ist dort seit 1987 in diversen Senior Investment Positionen tätig. Sein akademisches Profil umfasst einen BA in "Economics and Biology" des Trinity College, Connecticut sowie ein MBA der University of Virginia. Jeffrey Molitor ist CFA-Charterholder und in diversen Nonprofit-Organisationen im Investmentkomitee tätig.
Ist der Euro, auch mit Blick auf 2012, noch eine werthaltige Währung bzw. welche Währungen sind für Anleger spannend?
Im Devisengeschäft gilt es aufzupassen. Das grösste Risiko dort sind Leute, die meinen, zu verstehen, wie die Devisenmärkte funktionieren. Meine klare Empfehlung: Gehen Sie bewusst kein FX-Risiko ein, sichern Sie es, wenn möglich, einfach ab. Das sollte es mit Spielen am Devisenmarkt gewesen sein.
Von Carry-Trades sollten Anleger dann also besser die Finger lassen?
Da gibt es eine alte Grundregel: Carry-Trades gehen so lange gut, bis sie schiefgehen. Und in der Vergangenheit hat es schon genug Beispiele gegeben, bei denen diese Art der FX-Positionierung gänzlich in die falsche Richtung ging. Das ist nur etwas für Zocker, das hat mit Anlagestrategie nichts mehr zu tun. Man sollte generell nur in der Währung Kredit aufnehmen, in der man auch entsprechend investiert. Fremdwährungskredite können sich rasch als böse Überraschung entpuppen.
Welche Anlageempfehlung können Sie mit Blick auf das neue Jahr geben?
Die langfristigen Wachstumstreiber sind und bleiben Aktien. Hier gibt es für Anleger global nach wie vor sehr attraktiv bewertete Blue Chips, Aktien, die stabile Cash-Flows haben und eine starke Wettbewerbsposition. Langfristig sorgen Aktien für guten und gesunden Wertzuwachs im Portfolio. Von Obligationen erwarte ich mir aktuell eher wenig. Dort schlummern noch einige Risiken. Wer aber dennoch Anleihen in sein Depot nehmen will, sollte auf einen guten Mix aus erstklassigen Unternehmensschuldnern und liquiden Staatsobligationen mit gutem Rating achten. Die Auswahl wird hier ja von Tag zu Tag übersichtlicher.
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