«Wir wollen zu konstruktiven Gesprächen zurückfinden»
Jürg Stähelin, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbands für Strukturierte Produkte (SVSP), zur jüngsten FINMA-Kritik, bedrohter Selbstregulierung und den Plänen des Branchenverbands für 2012.
von Martin Raab
Herr Stähelin, wie lautet Ihr Fazit für das Börsenjahr 2011?
Die Gretchenfrage für alle Anleger war im vergangenen Jahr wohl: Wie kann ich überhaupt Rendite erzielen? Dies gestaltet sich in einem Marktumfeld, das geprägt war von einem sehr tiefen Zinsniveau, einem schwachen Wirtschaftswachstum und der sich verschärfenden Schuldenkrise in Europa und USA, sehr schwierig. Patentrezepte zur Renditeerzielung gab es keine und wird es auch keine geben. Diese volatile Situation und neue Überraschungen werden uns wohl auch noch länger begleiten.
Überraschung ist ein gutes Stichwort: Kurz vor Jahresende meldete sich die FINMA. Offenbar schützen die Angaben in den Termsheets den Anleger nicht ausreichend. Wurde mit dem SVSP zuvor gesprochen?
Unser Verhältnis zur FINMA war bislang von einem offenen und konstruktiven Gedankenaustausch geprägt. Leider hatten weder der Verband noch die von der Untersuchung betroffenen Emittenten vorgängig Gelegenheit, zum Bericht Stellung zu nehmen. Kurz vor der Veröffentlichung hatte die FINMA bereits die Zusammenarbeit bei der unter der Leitung des SVSP gestarteten Überarbeitung der geltenden Richtlinien der Bankiervereinigung über die Anleger-Information zu Strukturierten Produkten überraschend sistiert.
Stünde hier denn die Türe des SVSP für die FINMA noch offen?
Absolut. Wir hoffen, dass wir wieder zu einer konstruktiven Gesprächskultur zurückfinden. Unsere Türen sind offen.
Welche Punkte haben der FINMA besonders aufgestossen – was war gut erfüllt?
Die FINMA hat in ihren Stichprobenkontrollen festgestellt, dass einzelne Emittenten in ihren vereinfachten Prospekten die von der FINMA festgehaltenen Dokumentationsgrundsätze bezüglich Gliederung und Etikettierung teilweise nicht erfüllt haben. Sollte dies zutreffen, ist dies aus der Sicht des SVSP bedauerlich und muss von den betroffenen Emittenten korrigiert werden.
Was wurde konkret moniert?
Die Verständlichkeit und der Umfang einzelner vereinfachter Prospekte. Im Bericht wird jedoch nicht verdeutlicht, was als «unverständlich» betrachtet wird.
Strafbare Verletzungen durch einen Emittenten gab es aber keine?
Nein, in keiner Weise. Die FINMA hält auch fest, dass die Anleger über die bedeutenden Risiken durch Emittenten und Vertreiber grösstenteils vollständig aufgeklärt werden. Ebenso das Aufzeigen der Gewinn- und Verlustaussichten. Zudem wurden die am Point of Sale verwendeten Verkaufsdokumentationen mehrheitlich als gut und verständlich beurteilt. Vor diesem Hintergrund erstaunt die Schlussfolgerung der FINMA, dass Käufer von Strukturierten Produkten nicht genügend geschützt sein sollen.
Erwarten Sie eine gesetzliche Regelung, die klar vorgibt, was im Termsheet wiedergegeben werden muss?
Wir gehen grundsätzlich vom Prinzip des mündigen Anlegers aus. Eine übermässige Regulierung entmündigt den Anleger und schadet letztlich auch der Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes. Die geltenden aufsichtsrechtlichen Regelungen und deren Konkretisierung mittels Selbstregulierung haben sich aus unserer Warte bewährt. Eine weitergehende gesetzliche Regelung erachten wir nicht als zielführend.
Was tut der SVSP aktiv dafür, dass an der Praxis der Selbstregulierung festgehalten werden kann?
Die vorgebrachte Kritik nehmen wir ernst und werden den Anlegerschutz im Rahmen der bestehenden Vorschriften weiter verbessern – in enger Zusammenarbeit mit der Bankiervereinigung und der FINMA.
Welche Mehrkosten würden, geschätzt, im Falle einer Umstellung und Vereinheitlichung der Termsheets aufseiten der Emittenten entstehen?
Eine Schätzung wäre zum heutigen Zeitpunkt eher «Kaffeesatz-Lesen», da mögliche neue Anforderungen noch nicht definiert bzw. bekannt sind. Es ist jedoch klar, dass verstärkter Anlegerschutz auch seinen Preis hat.
An welchen Dingen wird nun konkret gearbeitet?
Zurzeit diskutieren wir mit unseren Mitgliedern mögliche weitere Optimierungen des vereinfachten Prospektes. Auch bezüglich anderer Kritikpunkte der FINMA werden wir mit den Emittenten an Verbesserungen arbeiten. Rückblickend haben wir mit verschiedenen Informationsmitteln, wie z.B. der Swiss Derivatives Map, dem Vademecum, dem Buch über Strukturierte Produkte und zuletzt dem Online-Wissenstest, wesentlich zur besseren Verständlichkeit von Strukturierten Produkten beigetragen. Dennoch bleiben Aufklärung und Wissensvermittlung weiterhin zentrale Verbandsziele.
Jürg Stähelin (Jahrgang 1966) hat seit April 2011 das Amt des Geschäftsführer des Schweizerischen Verbands für Strukturierte Produkte von Eric Wasescha übernommen. Stählin ist parallel bei IRF Communications als Partner tätig. Zuvor war er über 15 Jahre als Kommunikations-/Marketing-Verantwortlicher in der Finanzbranche tätig (u.a. bei der Bank Vontobel und der Julius Bär-Gruppe). Jürg Stähelin studierte Betriebswirtschaft mit Vertiefung Bank und Handel an der Universität Zürich. 2006 absolvierte er ein Advanced Management Program an der Wharton School in Pennsylvania. Der Kommuniaktions-experte ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Welche weiteren wichtigen Projekte stehen nun für 2012 an?
Die Mitgestaltung möglicher regulatorischer Entwicklungen und die frühzeitige Vorbereitung unserer Mitglieder auf neue Anforderungen werden sicher zentral sein. Auch Aufklärung und Wissensvermittlung geniessen 2012 weiterhin hohe Priorität. Wir wollen noch verständlicher über Strukturierte Produkte informieren, deren Vorteile und deren richtigen Einsatz einfach erklären. Im Rahmen dieser Wissensinitiative ist die Neuauflage des Buches «Die Welt der Strukturierten Produkte» geplant. Zudem planen wir den Startschuss für eine Kommunikationsoffensive, die sich des Images und der Reputation der Branche annimmt. Schliesslich wollen wir die Mitglieder-Basis des Verbandes ausbauen und neue Mitglieder, insbesondere auf der Buy-Side, gewinnen.
Das klingt nach vielen Plänen. Wie sehen Sie die aktuelle Wahrnehmung und Präsenz von Strukturierten Produkten in der Öffentlichkeit?
Die Präsenz von Strukturierten Produkten ist sehr gut und breit. Demgegenüber kämpfen wir noch mit Vorbehalten. Anleger, die bereits in Strukturierte Produkte investiert haben, bauen weiterhin darauf. Dagegen gelingt es der Branche nur bedingt, neue Investoren zu gewinnen. Die Schwellenangst scheint noch sehr gross zu sein. Hier müssen wir ansetzen und die Vorteile sowie den richtigen Einsatz von Strukturierten Produkten einfach und verständlich aufzeigen.
Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?
Wir müssen das Image und die Reputation der Branche, der Emittenten und der Produkte nachhaltig verbessern, sodass der Mehrwert von Strukturierten Produkten unmittelbar klar wird.
Jüngst wurde die zweite Stufe des SVSP-Wissenstests lanciert. Wie ist die bisherige Resonanz?
Wir sind mit der bisherigen Resonanz sehr zufrieden. Der im September lancierte Online-Test für Einsteiger wurde bereits von über 8‘000 interessierten Anlegern absolviert. Kurz vor Weihnachten konnten wir den Test für Fortgeschrittene live schalten. Nun können auch versierte Anleger ihre Kenntnisse über Strukturierte Produkte testen. Wir hoffen natürlich, dass auch diese Möglichkeit von vielen Interessierten genutzt wird, um ihre Expertise unter Beweis zu stellen bzw. um ihr Wissen weiter zu vertiefen.
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