Trading Desk
BioNTech: Zwischen Rückschlag und Hoffnung
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Christian Ingerl
Redaktor
BioNTech bleibt an der Börse ein Wechselbad der Gefühle: Auf einen Rückschlag folgten vielversprechende Daten. Dank prall gefüllter Kassen und einer breiten Onkologie-Pipeline ist weiterhin für Fantasie gesorgt. Charttechnisch könnte die aktuelle Unterstützungszone nun den nächsten Richtungsentscheid einleiten.
Die Aktie von BioNTech erlebt derzeit eine wilde Berg- und Talfahrt. Ende August sorgte der Abbruch einer Studie zu einer mRNA-basierten Darmkrebstherapie für eine kalte Dusche. Nun aber können Anleger wieder aufatmen: Mit „Gotistobart“ meldeten die Mainzer vielversprechende Daten bei einer bestimmten Form von Lungenkrebs. Die Nachrichtenlage zeigen klar, worum es bei BioNTech inzwischen geht: Der einstige Corona-Impfstoffstar ist vor allem eine Wette auf den Erfolg einer breit aufgestellten Krebs-Pipeline.
Rückschlag
Zurück zu den News: Bei einem gemeinsam mit der Roche-Tochter Genentech entwickelten individualisierten mRNA-Krebsimmuntherapie-Kandidaten kam es zu einem Rückschlag. Untersucht wurde das Mittel in einer Phase-II-Studie bei Hochrisikopatienten mit operativ entferntem Darmkrebs und nachweisbarer zirkulierender Tumor-DNA. Ein unabhängiges Kontrollgremium stellte ein numerisches Ungleichgewicht beim Gesamtüberleben zwischen den Behandlungsgruppen fest und kam zu dem Schluss, dass eine Fortsetzung die Erfolgsaussichten voraussichtlich nicht mehr verändern würde. Das ist zwar ein herber Rückschlag, allerdings ist das Programm damit nicht vollständig vom Tisch. Eine weitere Phase-II-Studie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs läuft weiter.
Durchbruch
Ganz anders die jüngsten Nachrichten zu Gotistobart. Der gemeinsam mit OncoC4 entwickelte CTLA-4-Immunmodulator erreichte bei vorbehandelten Patienten mit einem Plattenepithelkarzinom der Lunge ein medianes Gesamtüberleben von 18.5 Monaten. Unter der Standardchemotherapie waren es lediglich zehn Monate. Das ist ein bemerkenswerter Unterschied. Zwar stammen die Daten aus dem nicht zulassungsrelevanten ersten Teil der laufenden Phase-3-Studie PRESERVE-003. Für einen regulatorischen Durchbruch reicht das also noch nicht, als klinisches Etappenziel ist das Ergebnis aber durchaus gewichtig.
Wie gross die Chancen der mRNA-Technologie in der Onkologie grundsätzlich sein können, zeigt Wettbewerber Moderna. Zusammen mit Merck erzielte das Unternehmen im August positive Phase-III-Ergebnisse mit dem personalisierten mRNA-Krebskandidaten Intismeran in Kombination mit Keytruda bei Hochrisiko-Melanomen. Die Behandlung reduzierte Rückfälle und Fernmetastasen signifikant. Bei erfolgreicher Zulassung könnte die Therapie laut Moderna schon 2027 Patienten erreichen. Es wäre der erste grosse kommerzielle Durchbruch einer individualisierten mRNA-Krebstherapie.
Volle Kassen
Finanziell kann sich BioNTech die kostspielige Entwicklungsarbeit leisten. Im ersten Halbjahr halbierte sich der Umsatz allerdings nahezu von EUR 443.6 Mio. auf EUR 223.7 Mio. Gleichzeitig weitete sich der Nettoverlust auf EUR 1.35 Mrd. Die Forschungs- und Entwicklungskosten stiegen auf EUR 1.11 Mrd. Entscheidend für ein Biotech-Unternehmen ist jedoch der finanzielle Atem: Ende Juni verfügte BioNTech über EUR 16.63 Mrd. an Zahlungsmitteln.
Der Ausblick wurde dennoch vorsichtiger. Wegen der schwächeren Nachfrage nach Corona-Impfstoffen und zeitlich verschobener Meilensteinzahlungen erwartet BioNTech 2026 nur noch EUR 1.6 bis 1.9 Mrd. statt zuvor EUR 2.0 bis 2.3 Mrd. Die F&E-Ausgaben sollen EUR 2.0 bis 2.3 Mrd. erreichen. Einen Grossteil der Jahreseinnahmen erwartet das Unternehmen erst im zweiten Halbjahr, darunter EUR 613 Mio. aus der Zusammenarbeit mit Bristol Myers Squibb. Auch die Partnerschaft mit Pfizer bleibt relevant: Beim gemeinsam entwickelten Covid-Impfstoff werden die Bruttogewinne ausserhalb Deutschlands geteilt.
Neue Wirkstoffe mit Potenzial
An Projekten mangelt es BioNTech nicht. Zuletzt liefen 14 zulassungsrelevante klinische Studien sowie mehr als zehn neuartige Kombinationstherapien. Dazu kommen mRNA-Krebsimmuntherapien und weitere Immunmodulatoren. Das strategische Ziel lautet, bis 2030 ein Biopharmakonzern mit mehreren zugelassenen Produkten zu sein. Als nächstes steht aber die Weltlungenkrebskonferenz (WCLC) im Fokus. BioNTech präsentiert hier wichtige Daten zu besonders erprobten Kombinationen mehrerer neuartiger Wirkstoffe. „Solche Novel-Novel-Kombinationen dürften in der Therapie vieler fortgeschrittener Erkrankungen zu einem Paradigmenwechsel führen“, konstatiert Goldman Sachs-Analyst Asad Haider. Der Fachmann misst diesen erhebliches Potenzial zu.
Anlagelösungen
An der Börse ist davon bislang wenig zu sehen. Auf Sicht von zwölf Monaten drehte die BioNTech-Aktie praktisch eine Nullrunde. Charttechnisch wird es nun interessant: Der Kurs setzt gerade im Bereich der 100- und 200-Tage-Linie auf. Hält diese Unterstützungszone, könnte sie als Sprungbrett für einen erneuten Angriff auf die psychologisch wichtige Marke von USD 100 dienen. Trader können sich entsprechend positionieren. Der Long Mini-Future MBNBPV der Bank Vontobel weist aktuell einen Hebel von 7.9 auf, das Finanzierungslevel liegt bei USD 85.64 Dollar und der Stop-Loss-Level bei USD 90.49. Wer dagegen mit weiteren Rückschlägen rechnet, findet mit dem Short Mini-Future MBNHGT von Leonteq das Gegenstück. Das Stop-Loss-Level bei USD 111.5643, was einem Abstand von knapp 13% zur aktuellen Notierung entspricht.
Eine Alternative für Anleger, die eher mit einer Seitwärtsbewegung rechnen, ist der von Swissquote kürzlich emittierte Barrier Reverse Convertible AEEGSQ auf BioNTech und Pfizer. Das in Dollar gehandelte Produkt läuft bis Ende August 2027, besitzt eine Barriere von 59% und einen Coupon von 15.48%. Beim aktuellen beträgt die Seitwärtsrendite per Verfall rund 14%. Der Barriere-Abstand beträgt beim Worst-Performer BioNTech 37.3%.
