«Geniessen Sie das Leben und zerbrechen Sie sich nicht ständig den Kopf über die Optimierung Ihres Portfolios. »

Professor Mathias Binswanger zur Rolle der Notenbanken seit der Finanzkrise, den Risiken der expansiven Geldpolitik, alternative Ansätze, Helikoptergeld, der Idee eines Schweizer Staatsfonds sowie Implikationen für die Anleger

 

02.11.2016, von Dieter Haas

Herr Binswanger, seit der Finanzkrise 2008 versuchen die Notenbanken mithilfe einer expansiven Geldpolitik die globale Konjunktur zu beleben. Was ist Ihr Fazit nach den rund achtjährigen Bemühungen?

Zwar ist es gelungen, den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, aber eine wirkliche Belebung der Konjunktur wurde nicht erreicht. Damit tiefe Zinsen sich positiv auf die Wirtschaft auswirken, braucht es auch positive Erwartungen zur zukünftigen Wirtschaftsentwicklung. Wenn diese nicht vorhanden sind, wird selbst bei negativen Zinsen nicht mehr investiert. In erster Linie fördert man mit einer expansiven Geldpolitik den Kauf von Immobilien.

Die massive Geldschöpfung zeigte bislang somit nicht die gewünschte positive Auswirkung. Wurde zu wenig konsumiert oder zu wenig investiert?

Es liegt an den Investitionen in Realkapital. Der Konsum ist im Allgemeinen ziemlich konstant und reagiert nur wenig auf geldpolitische Massnahmen. Aber wie schon erwähnt blieb auch die Ankurbelung der Investitionen ein frommer Wunschtraum und die Banken vergaben kaum mehr Kredite an Unternehmen und insbesondere KMU. Diese Kredite sind zwar erwünscht, aber sie sind bei Banken oft nicht sehr beliebt, denn sie sind mit viel individueller Abklärung und hohem Risiko verbunden. Banken ziehen es im Allgemeinen vor, standardisierte Hypothekarkredite zu vergeben.

Wo liegt gegenwärtig das grösste Risiko?

Eine Krise würde vor allem drohen, wenn die Zinsen stärker angehoben werden, weil dann in verschiedenen Ländern Schuldner in Probleme geraten. Also sind die Zentralbanken gezwungen, die Zinsen weiterhin auf tiefem Niveau zu halten. Auf diese Weise ist die Wirtschaft seit der letzten Finanzkrise zu einer Art geschützten Werkstätte geworden, die nur unter künstlichen Bedingungen gedeiht.

Welche Volkswirtschaft(en) sind auch in den nächsten zwölf Monaten Lokomotiven, wo empfangen Sie hingegen Warnsignale?

Bei den Industrieländern sind die USA die Hauptkonjunkturlokomotive. Im Übrigen sind es nach wie vor die asiatischen Länder, welche die Dynamik der Weltwirtschaft bestimmen. China jetzt etwas weniger, aber dafür Indien etwas mehr.

Gäbe es aus Ihrer Sicht Alternativen zur einer Geldpolitik allein über den Zinssatz?

Ja, die gibt es. Klar definierte und variierbare Eigenkapitalvorschriften ermöglichen beispielsweise eine wirksamere und gleichzeitig flexible Steuerung der Geldschöpfungstätigkeit. Droht eine spekulative Blase auf dem Immobilienmarkt, dann können die Eigenkapitalanforderungen spezifisch für Hypothekarkredite verschärft werden, während die übrigen Kredite davon nicht betroffen sind. Die im Rahmen des Basel II-Abkommens vorgegeben antizyklischen Kapitalpuffer gehen in diese Richtung, aber nur in homöopathischen Dosen.

Wie stehen Sie zur Wirtschaftsankurbelung via Helikoptergeld, bei dem Geld unter Umgehung des Bankensystems direkt verteilt wird?

Das ist eine lustige Idee, weil sie die Geldpolitik mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens bzw. der Vollgeldidee kombiniert. Verteilt die Zentralbank gratis zusätzliches Geld an Haushalte, um so den Konsum anzukurbeln, entspricht dies einem zwar bescheidenen, aber bedingungslosen Grundeinkommen. Und wenn die Zentralbank auf diese Weise selbst Geld schafft, dann ist dies gleichzeitig Vollgeld, da in diesem Fall nicht mehr die Geschäftsbanken als geldschöpfende Institutionen agieren. Das wird aber alles Phantasie bleiben.

Die SNB konzentriert sich in ihrer Geldpolitik auch nach der Aufhebung des EUR/CHF-Mindestkurses nach wie vor praktisch ausschliesslich um den Wechselkurs. Eine Sackgasse? 

Sie hat gar keine andere Wahl. Diese Politik wird uns von der EZB aufgezwungen. Wann immer diese die Zinsen senkt, sind wir gezwungen, die Zinsen noch weiter in negatives Territorium zu bewegen. Denn andernfalls kommt der Schweizer Franken sofort wieder unter Aufwertungsdruck.

Zur Diversifikation ihrer Mittel hält die SNB inzwischen über USD 60 Mrd. US-Aktien. Was ist Ihre Meinung zu dieser Entwicklung?

Das ist tatsächlich eine erstaunliche Entwicklung. Bis vor Kurzem war es streng verpönt, dass Zentralbanken Unternehmensanleihen oder Aktien erwerben, denn diese galten als zu riskant und man wollte auch die Kurse nicht beeinflussen. Inzwischen wurden alle diese Grundsätze über Bord geworfen und Zentralbanken kaufen jetzt auch Ramschpapiere.

 

Quelle: SEC

Was halten Sie von der Idee eines Schweizer Staatsfonds, angelehnt an das Konzept bekannter «sovereign wealth funds» rohstoffreicher Staaten

Das ist eine zwiespältige Sache. Es ist durchaus denkbar, dass der Staat mit seinen Investitionen auch strategische Ziele verfolgt. Allerdings liegt die Gefahr darin, dass diese zu dominieren beginnen und die Anlageinteressen des Staates immer mehr dessen Politik bestimmen. Also lassen wir das besser.

Mit Blick auf das Portfolio: Wie sollten sich Anleger in diesem schwierigen Umfeld verhalten?

In nächster Zeit müssen wir uns wohl allgemein auf tiefere Renditen einstellen. Daran wird auch die beste Diversifikationsstrategie nichts ändern. Also gilt: Geniessen Sie das Leben und zerbrechen Sie sich nicht ständig den Kopf über die Optimierung Ihres Portfolios. Der grösste Teil aller Vermögen in der Schweiz wird sowieso vererbt.

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Vita:

Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er hielt auch Vorlesungen an der Technischen Universität Freiberg in Deutschland, an der Universität Basel in der Schweiz, an der Qingdao Technological University in China und an der Banking University in Saigon. Mathias Binswanger ist Autor einer Reihe von Büchern und publiziert sowohl in Fachzeitschriften als auch in der Presse. Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen. Gemäss einem Ranking der NZZ des Jahres 2016 gehört Mathias Binswanger zu den zehn einflussreichsten Ökonomen der Schweiz. Er hat weder Kinder noch Haustiere und liebt Jazz, Humor, das Reisen in wärmere Gegenden dieser Erde und die Gesellschaft guter Freunde. Er mag weder Fernsehen noch Hintergrundmusik und auch das Schreiben von Forschungsanträgen macht ihm keinen Spass.

 

 

01.11.2016
31.10.2016