Interviews

Roger Darin zu den aktuellen Themen im Bereich Blockchain und Crypto Assets

06/02/2020, by Serge Nussbaumer
Roger Darin, Head of Blockchain Advisory at inacta AG & Managing Advisor at GENTWO Digital.

Herr Darin, was waren die wichtigsten Themen zu Blockchain dieses Jahr in Davos?
Die zwei grossen Themen in Davos waren ganz klar die Einführung von Crypto Assets in der Finanzbranche sowie das Überprüfen der Herkunft von Gütern, auch Provenance oder Supply-Chain-Management genannt. Zu beiden Themen gab es gewichtige Ankündigungen, wie beispielsweise die Partnerschaft zwischen inacta und Incore Bank, welche es jeder Bank ermöglicht, so einfach wie nie in diesem wichtigen Bereich Fuss zu fassen.

Stichwort Kryptoanlagen: Bleibt Bitcoin weiterhin klarer Marktführer in punkto Börsenkapitalisierung oder sehen Sie in den kommenden Monaten eine verstärkte Zuwendung in Richtung der Altcoins (Ethereum, Litecoin, Ripple …)?
Bei den Kryptoanlagen muss man unterscheiden zwischen traditionellen Anlagen, die neu als Cryptoasset ausgegeben werden und oft einen Bond- oder Equityähnlichen Charakter haben, und den Kryptowährungen, die kaum einen intrinsischen Wert besitzen und aufgrund ihrer Rarität wertvoll sein können. Wer in der zweiten Kategorie überleben will, muss einen Mehrwert gegenüber Bitcoin bieten, was bei den meisten Altcoins nicht der Fall ist. Nur wenige dieser Altcoins werden überhaupt noch aktiv weiterentwickelt. Die wenigen Ausnahmen, die es gibt, werden sich zwar auch weiterhin halten können, werden der Dominanz von Bitcoin aber keinen Abbruch tun. Bei Ethereum stehen im laufenden Jahr grosse Änderungen an, die im Zusammenhang mit dem Übergang zu einem Proofof- Stake-Netzwerk aufgegleist worden sind. Das ist die einschneidendste Veränderung seit Ethereums Geburt vor fünf Jahren und wird erstmals für Unsicherheit sorgen. Dennoch wird der Anteil von Bitcoin an der gesamten Marktkapitalisierung (derzeit 66%) tendenziell abnehmen, ganz einfach, weil neue Vermögenswerte als Kryptoanlagen ausgegeben werden. Diese werden die gesamte Marktkapitalisierung von Kryptoanlagen von derzeit USD 233 Milliarden deutlich nach oben bringen.

Welche Faktoren sprechen für ein Engagement in der Kryptowährung Bitcoin?
Bitcoin wird aufgrund seines beschränkten Angebots oft als digitales Gold bezeichnet. Natürlich hat sich Gold während Tausenden von Jahren seinen Ruf als sichere Wertaufbewahrung aufgebaut, doch industriell gesehen sind die Einsatzmöglichkeiten doch sehr beschränkt. Der Grund, warum Gold wertvoll ist, ist einzig der Glaube, dass es auch morgen noch als Wertaufbewahrungsmittel gilt – eine Eigenschaft, die heutzutage bei vielen Währungen angesichts der expansiven Geldpolitik infrage gestellt wird. Genauso wie Gold kann Bitcoin nicht nach Belieben «produziert» werden, doch es ist deutlich einfacher, Bitcoin aufzubewahren und um die halbe Welt zu schicken als das mit Gold der Fall ist. Aus Portfoliosicht kommt hinzu, dass Bitcoin zu keiner anderen Anlageklasse eine nennenswerte Korrelation aufweist, was es als Diversifikationskomponente interessant macht. Ich denke, wer heute ein Portfolio nicht mit etwas Bitcoin diversifiziert, der handelt nicht im Interesse des Kunden. Was entgegnen Sie Kritikern, die Bitcoin als Schneeballsystem betrachten, das keinen inneren Wert besitzt? Interessanterweise ist mir heute ein Artikel auf Bloomberg in die Hände gefallen, der Scott Minerd von Guggenheim Partners zitiert. Minerd weist auf Parallelen hin, die wir bereits auf dem Weg zu den Rezessionen von 2001 und 2002 gesehen haben und vergleicht die Preisentwicklung an den Märkten aufgrund der weltweit lockeren Geldpolitik mit einem Pyramidensysten (Ponzi-Scheme). Anlagemärkte davon, dass Investoren glauben, dass ihr Asset auch in Zukunft Wert besitzt. Klar ist ein teures Gemälde schön anzuschauen und eine seltene Briefmarke besitzen nur wenige, doch wertvoll werden viele Dinge nicht durch ihren intrinsischen Wert, sondern durch soziale Verträge und Normen. Ob Bitcoin den Test der Zeit so lange wie eine Mona Lisa oder ein Basler Taube übersteht, werden wir sehen. Die ersten elf Jahre waren auf jeden Fall vielversprechend.

Die Hash Rate bei Bitcoin ist in den vergangenen Monaten stetig gestiegen. Was bedeutet dies konkret?
Je höher der Preis von Bitcoin geht, desto eher lohnt es sich, in das «Schürfen» von Bitcoin zu investieren. Dazu braucht es in erster Linie Technologie und Elektrizität. Solange sich das rechnet, so lange weg wird die Kapazität (Hash Rate) erhöht werden. Die Investoren können zwar jederzeit mit dem Schürfen aufhören und ihre variablen Kosten (Elektritizität) so reduzieren, aber die Technologie-Investments mussten bezahlt werden und deuten wohl auf eine optimistische Zukunftsaussicht hin, was die weitere Preisentwicklung betrifft. Welche Gefahren und Risiken sind bei Bitcoin zu beachten? Bitcoin hat immer noch eine enorm hohe Volatilität. Dies wird zwar durch entsprechende Preisanstiege wettgemacht (Bitcoin hat ein ausgezeichnetes Sharpe-Ratio), aber Preisstürze von 90% gab es immer wieder. Das grösste Risiko ist allerdings, dass die Bitcoin verlorengehen. Man schätzt, dass etwa 20% der ausstehenden Bitcoin (derzeit etwa 18.2 Mio) verloren sind, weil die Besitzer die sogenannten «Private Keys» nicht mehr haben, mit denen diese Bitcoin kontrolliert werden können. Da es bei Bitcoin nicht möglich ist, jemanden anzurufen, wenn man quasi das Passwort vergessen hat, sind solche Verluste endgültig.

 

«Ich denke, wer heute ein Portfolio nicht mit etwas Bitcoin diversifiziert, der handelt nicht im Interesse des Kunden.»

 

Im Mai steht bei Bitcoin zum dritten Mal nach 2012 und 2016 ein Halving an. Können Sie unseren Lesern in knappen Worten den Prozess erklären?
Das Verbreiten von Transaktionen im Bitcoin-Netzwerk wird von sogenannten «Minern» erledigt, eine Tätigkeit, die auch «Schürfen» genannt wird. Im Gegenzug für diese Bemühungen sieht das Protokoll eine Belohnung in Bitcoin für jeden geschürften Transaktionsblock vor, ein Vorgang, der alle zehn Minuten stattfindet. Diese Belohnung, der sogenannte Mining-Reward, halbiert sich dabei alle vier Jahre: 2012 von 50 Bitcoin auf 25 Bitcoin, 2016 von 25 Bitcoin auf 12.5 Bitcoin und dieses Jahr von 12.5 Bitcoin auf noch 6.25 Bitcoin. Bei gleichbleibendem Bitcoin-Kurs bedeutet dies, dass das Schürfen weniger profitabel wird. In der Vergangenheit wurde das Halving allerdings oft von deutlichen Preisanstiegen begleitet, was das Mining profitabel bleiben liess. Nicht zuletzt kommen ja schliesslich auch weniger neue Bitcoin zum Angebot hinzu.

Gemäss dem Stock to Flow-Modell müsste Bitcoin als Folge des Halving massiv an Wert gewinnen. Teilen Sie diese Ansicht oder rechnen Sie mit einer von früheren Tendenzen abweichenden Kursentwicklung?
Das Stock-to-Flow-Modell vergleicht den vorhandenen Bestand mit neu geschürften Ressourcen und ist von der Goldproduktion inspiriert. Ich persönlich denke, dass die Preistreiber bei Kryptowährungen nicht alleine das Angebot sind, sondern insbesondere auch der Netzwerkeffekt, also wieviele Leute eine Währung tatsächlich nutzen. Da wir aber derzeit eher eine Ausweitung der Nutzerbasis sehen UND sich das Angebot verknappt, ist eine Preissteigerung in der Tat das wahrscheinlichste Szenario.

 

«Das grösste Risiko ist allerdings, dass die Bitcoin verlorengehen.»

 

Wo sehen Sie und andere Kollegen den Kurs von Bitcoin Ende 2020?
Der Konsensus in der Branche ist bei deutlich höheren Preisen, insbesondere aufgrund der bisher beobachteten Preisentwicklungen nach einem Halving. Die Prognosen reichen von USD 75'000 bis USD 300'000, doch scheint mir da viel Wunschdenken involviert. Mich selber machen solche Prognosen von mindestens einer Kursverdoppelung und neuen All-Time-Highs (derzeit sind wir etwa bei USD 8'500, das ATH war bei rund USD 20'000) eher nervös. Es ist eine alte Börsenweisheit, dass wenn alle bullish sind, es abwärts geht. Doch bisher sind es erst die Insider, die so bullish sind, viele Ökonomen sehen 0 als Kursziel wahrscheinlicher als USD 100'000. So gesehen gibt es noch Raum nach oben und mein persönliches Kursziel von USD 12'000 erscheint konservativ.


Einige der herausragenden Prognosen sind:

• Tim Draper: USD 250'000 bis 2023
• Bobby Lee: USD 333'000 in 2021 (und dann USD 41'000 in 2023)
• Cameron Winklevoss: USD 320'000 in den nächsten 10-20 Jahren
• Ali Mizani Oskui: USD 30'000 bis Ende 2020, USD 150'000 bis Ende 2021. Bitcoin wird USD 20'000 in 2020 berühren, USD 150'000 bis Ende 2021
• Jameson Loop: USD 250'000 bis Ende 2020
• Joseph Stiglitz: USD 100'000 bis Ende 2028

Herzlichen Dank!

 

Die Blockchain- und Crypto Assets-Thematik ist das ideale Betätigungsfeld für den gelernten Banker, der stets von seinem Interesse an Technologie begleitet wurde. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Head of Blockchain Advisory und Crypto Assets bei inacta in Zug unterrichtet er zum Thema an verschiedenen Schweizer Schulen und Universitäten. Er ist zudem als Community Manager im Vorstand der Bitcoin INTERVIEW Association Switzerland.

 

 

06/02/2020
05/02/2020