Opinion Leaders
Nicht Ölkonzerne, sondern Ausrüster: Wer vom neuen Energiesicherheits-Zyklus profitiert
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Ben Leyland
Senior Fondsmanager
J O Hambro
Auch wenn noch unklar ist, wie lange der Konflikt im Iran oder die Störungen in der Strasse von Hormus andauern werden, steht eines bereits fest: Eine grössere Energieautarkie wird zu einer strategischen Notwendigkeit.
Die Märkte haben sich zunächst auf höhere Öl- und Gaspreise, Lieferunterbrechungen sowie kurzfristige Sondergewinne für Rohstoffproduzenten konzentriert. Die wichtigere langfristige Folge ist jedoch die beschleunigte Entwicklung hin zu grösserer Energieversorgungssicherheit, Diversifizierung und einer stärkeren Absicherung der heimischen Energieversorgung. Geopolitische Schocks haben die Verwundbarkeit konzentrierter Lieferwege und die Abhängigkeit von instabilen Produzenten offengelegt. Dadurch wird die Notwendigkeit widerstandsfähigerer und stärker diversifizierter Energiesysteme zusätzlich unterstrichen.
Selbst wenn die Strasse von Hormus morgen wieder geöffnet würde, läge der strategische Schwerpunkt weiterhin auf der Zukunftssicherung der Infrastruktur, der Absicherung der Lieferketten und der geringeren Abhängigkeit von geopolitisch instabilen Regionen sowie von fossilen Brennstoffen im Allgemeinen. Infolgedessen dürften die Investitionsausgaben in den Regionen, die derzeit am stärksten gefährdet sind, am schnellsten ansteigen, da Regierungen und Industrie die langfristige Energiesicherheit stärken.
Die Chance für Investoren erstreckt sich auf fünf Schlüsselbereiche: heimische Energieerzeugung, LNG-Infrastruktur, erneuerbare Energien, Kernkraft und Elektrifizierung.
1. Steigerung der inländischen Produktion: Kanada, Norwegen und Australien gut positioniert
Länder mit den geologischen Voraussetzungen, ihre Öl- und Gasförderung in ihrer Umgebung auszubauen, dürften davon profitieren. Die USA sind bereits weitgehend energieautark, aber auch andere westliche Förderländer wie Kanada, Norwegen und Australien sind gut positioniert. Dabei geht es nicht um eine Rückkehr zu einer stärkeren Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, sondern um die pragmatische Notwendigkeit, die Abhängigkeit von politisch instabilen Lieferanten wie dem Nahen Osten, Russland oder den OPEC-/OPEC+-Staaten zu verringern. Die heimische Förderung bietet mehr Versorgungssicherheit, Planbarkeit und Schutz vor geopolitischen Schocks. Für Investoren ergeben sich dadurch zudem Chancen bei Unternehmen, die die Förderung, den Transport und die Erschliessung von Öl- und Gasfeldern unterstützen.
2. Ausweitung der LNG-Infrastruktur: Anbieter von Industrieausrüstung, Turbinen, Ingenieurdienstleistungen und Infrastrukturtechnologien im Fokus
Ein weiteres zentrales Thema ist die zunehmende Globalisierung der Erdgasindustrie durch den Ausbau von Infrastruktur für Flüssigerdgas (LNG). Die aktuelle Krise dürften diesem Trend einen weiteren Wachstumsschub verleihen. Die jüngsten Preisbewegungen verdeutlichen das strategische Ungleichgewicht. Seit der Eskalation des Konflikts sind die Gaspreise in Europa deutlich gestiegen. Die asiatischen LNG-Referenzpreise gerieten aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten sogar noch stärker unter Druck. US-Gaspreise hingegen blieben dank des grossen heimischen Angebots vergleichsweise stabil.
Diese Entwicklung unterstreicht die Bedeutung einer diversifizierten LNG-Infrastruktur, sowohl auf der Exportseite durch Verflüssigungsanlagen als auch auf der Importseite durch Regasifizierungsterminals. Kanada ist hierfür ein gutes Beispiel. Obwohl das Land über umfangreiche und kostengünstige Erdgasreserven verfügt, war der Zugang zu internationalen Märkten bislang durch begrenzte Exportkapazitäten weitgehend auf die USA beschränkt. Der Ausbau von LNG-Anlagen an der Westküste könnte dies grundlegend verändern und schnellere Exporte in die asiatischen Märkte ermöglichen.
Wichtig ist jedoch, dass LNG-Investitionen kein kurzfristiges Thema sind. Da die kanadischen Anlagen erst ab dem kommenden Jahr schrittweise den Betrieb aufnehmen, dürften die attraktivsten Chancen auf mittlere Sicht weniger bei den Rohstoffproduzenten selbst liegen als bei Anbietern von Industrieausrüstung, Turbinen, Ingenieurdienstleistungen und Infrastrukturtechnologien. Viele dieser Unternehmen profitieren nach der Inbetriebnahme der Anlagen zudem von wiederkehrenden Service- und Wartungserlösen. Dadurch können langfristig stabilere und besser planbare Ertragsströme entstehen als bei einem direkten Engagement in Rohstoffen.
3. Erneuerbare Energien: eine zweite Welle?
Erneuerbare Energien erlebten vor fünf bis zehn Jahren einen durch ESG-bedingten Boom. Anschliessend folgte jedoch eine Phase der Stagnation, bedingt durch steigende Zinsen, Inflation und Herausforderungen bei der Umsetzung von Projekten. Die aktuelle geopolitische Unsicherheit könnte nun die Voraussetzungen für eine zweite Ausbauwelle bei Wind- und Solarenergie schaffen die diesmal weniger von Dekarbonisierungszielen als vielmehr von Energiesicherheit und industrieller Wettbewerbsfähigkeit angetrieben wird. Länder, die frühzeitig in erneuerbare Energien investiert haben und deshalb heute von niedrigeren und stabileren Strompreisen profitieren, sehen bereits die Vorteile dieses Ansatzes.
Zudem mehren sich die Anzeichen für eine steigende Nachfrage nach Onshore- und Offshore-Windprojekten. Entscheidend wird nun sein, ob die Branche aus dem ersten Boom-und-Bust-Zyklus gelernt hat und nachhaltigere wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie robustere Vertragsstrukturen etablieren kann.
4. Renaissance der Kernenergie
Die Kernenergie rückt zunehmend wieder in den Fokus, da der Bedarf an zuverlässiger, CO₂-armer Grundlaststromerzeugung immer offensichtlicher wird. Selbst Deutschland und Japan, die nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 aus der Kernenergie ausgestiegen beziehungsweise ihre Nutzung stark reduziert haben, bewerten ihre Rolle für die langfristige Energieversorgungssicherheit neu. Ähnlich wie bei LNG handelt es sich auch bei der Kernenergie um ein langfristiges Infrastrukturthema. Die unmittelbaren Profiteure dürften daher weniger die Energieversorger selbst sein als vielmehr Anbieter von Industrieausrüstung, spezialisierte Ingenieurunternehmen sowie Firmen, die die Modernisierung von Stromnetzen und die Aufrüstung bestehender Kraftwerksanlagen unterstützen.
5. Elektrifizierung und der Aufstieg der E-Fahrzeuge
Die Elektrifizierung von Verkehr, Wärmeversorgung und industriellen Prozessen ist ein weiterer wichtiger Hebel, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. In Europa liegt der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Neuwagenverkäufen inzwischen bei rund 15 %, das Wachstum hat sich jedoch zuletzt verlangsamt. Die nächste Wachstumsphase dürfte weniger von staatlichen Förderungen als vielmehr von wirtschaftlichen Vorteilen für die Verbraucher getragen werden. Elektroautos werden zunehmend nicht aus Umweltgründen gekauft, sondern weil sie Kosten sparen und sich wirtschaftlich rechnen.
Auch Unternehmen treiben die Elektrifizierung voran. Rechenzentren und Industrieanlagen investieren zunehmend in eigene, mit erneuerbaren Energien oder Gas betriebene Mikronetze, um ihre Abhängigkeit von den öffentlichen Stromnetzen zu verringern. Dieser Trend spiegelt einen breiteren Wandel hin zu mehr Energieautonomie sowohl auf staatlicher als auch auf Unternehmensebene wider. Die Investitionschancen reichen dabei weit über die Automobilindustrie hinaus und betreffen die Netzinfrastruktur, Stromversorgungsanlagen, Halbleiter, industrielle Automatisierung und Energiemanagementsysteme.
Europa: Kurzfristig schmerzhaft, langfristig chancenreich
Kurzfristig ist Europa die am stärksten betroffene Region, da es stark von Energieimporten abhängig ist. Diese Anfälligkeit ist genau der Grund, warum sie zum Zentrum langfristiger Investitionen werden kann. Regionen mit den grössten kurzfristigen Herausforderungen entwickeln sich oft zu den attraktivsten langfristigen Investitionsstandorten, weil sie gezwungen sind, massiv in neue Infrastruktur und eine widerstandsfähigere Energieversorgung zu investieren.
Der Krieg in der Ukraine hat vor allem eine europäische Energiekrise ausgelöst. Der Konflikt mit dem Iran hat die Problematik nun auf globaler Ebene verschärft. Insbesondere die stark gestiegenen LNG-Preise in Asien verdeutlichen, wie anfällig Länder sind, die auf Energielieferungen über grosse Distanzen angewiesen sind. Da es keinen einheitlichen Weg zu mehr Energieversorgungssicherheit gibt, werden die Lösungen je nach geografischen Gegebenheiten, Ressourcenverfügbarkeit und politischen Rahmenbedingungen unterschiedlich ausfallen.
Für Investoren dürften vor allem Unternehmen attraktiv sein, die über globale Expertise, technologische Führungspositionen und eine breite internationale Präsenz verfügen. Solche Unternehmen sind in der Lage, ihre Kompetenzen überall dort einzusetzen, wo neue Nachfrage entsteht, und können so von mehreren Investitionszyklen in verschiedenen Regionen profitieren.