Learning Curve
Warrants: Mit den «Griechen» den Durchblick behalten
-
Serge Nussbaumer
Chefredaktor
Warrants gehören zu den Klassikern unter den Hebelprodukten. Allerdings folgt ihr Preisverhalten zum Teil sehr komplexen Mustern. Gut, dass es die «Griechen» gibt.
Die «Griechen» sind Sensitivitätsmasse aus der klassischen Optionstheorie. Sie zeigen an, wie sich der Preis eines Warrants verändert, wenn sich eine bestimmte Einflussgrösse ändert. Somit helfen sie Anlegern, das oftmals chaotisch wirkende Preisverhalten von Warrants besser einzuschätzen.
Delta: Die Kursempfindlichkeit
Zunächst zu dem am meisten beachteten «Griechen»: das Delta. Dieses zeigt an, um wie viel sich der Preis eines Warrants verändert, wenn sich der Kurs des Basiswerts um eine Einheit bewegt. Bei einem Call-Warrant liegt das Delta grundsätzlich zwischen 0 und 1, bei einem Put-Warrant zwischen -1 und 0. Angenommen, ein Call auf eine Schweizer Aktie hat ein Delta von 0.4: Das heisst, steigt der Aktienkurs um CHF 1.00, steigt der Wert des Warrants um CHF 0.40 CHF. Bei einem Put auf die gleiche Aktie sei ein Delta von -0.6 angenommen. Fällt die Aktie um CHF 1.00, steigt der Wert des Puts um CHF 0.60 (Bezugsverhältnis jeweils 1:1). In der Praxis ist das Delta wichtig, da es Aufschluss darüber gibt, wie empfindlich ein Warrant auf Kursbewegungen des Basiswerts reagiert. Zudem kann es Hinweise darauf liefern, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Warrant bei Verfall «im Geld» notiert, also einen inneren Wert aufweist. Tendenziell gilt: Je höher der innere Wert eines Warrants, desto näher liegt sein Delta an 1 (Call) bzw. -1 (Put). Aber aufgepasst: Das Delta ist, wie alle anderen «Griechen» auch, immer nur eine Momentaufnahme zum jeweiligen Betrachtungszeitpunkt. Es verändert sich mit jeder Kursbewegung des Basiswerts. In welchem Umfang die Kursentwicklung des Basiswerts das Delta bewegt, darüber gibt der nächste «Grieche», das Gamma, Aufschluss.
Gamma: Das Delta des Delta
Das Gamma misst die Veränderung des Deltas, wenn sich der Kurs des Basiswerts um eine Einheit erhöht oder senkt. Angenommen, ein Call-Warrant auf eine Aktie weist ein Delta von 0.5 und ein Gamma von 0.1 auf. Steigt die Aktie nun um CHF 1.00, erhöht sich das Delta auf 0.6. Allgemein formuliert: Verändert sich der Kurs des Basiswerts um eine Einheit, dann verändert sich das Delta um das Gamma. Ein hohes Gamma bedeutet, dass das Delta sehr sensibel auf Kursbewegungen des Basiswerts reagiert. Besonders hoch ist das Gamma bei Warrants, die «am Geld» (at-the-money) liegen. Das heisst, der Kurs des Basiswerts kotiert nahe am Strike des Warrants. In diesem Fall können schon kleine Kursbewegungen beim Basiswert zu grossen Veränderungen beim Delta und somit beim Preis des Warrants führen. Mithilfe des Gammas können Anleger beispielsweise einschätzen, inwieweit ein «am Geld» notierender Warrant zusätzliche Hebelwirkung aufbaut, wenn der Basiswert ins Geld läuft, respektive wie viel Hebelwirkung im umgekehrten Fall verloren geht.
Vega: Die Volatilitätssensitivität
Dieser «Grieche» gibt Auskunft darüber, wie stark der Preis eines Warrants auf Veränderungen der impliziten Volatilität des Basiswerts reagiert. Steigt die erwartete Schwankungsbreite des Basiswerts, wird der Warrant wertvoller – unabhängig davon, ob es sich um einen Call oder Put handelt (und umgekehrt). Beträgt das Vega eines Warrants beispielsweise 0.08, führt ein Anstieg der impliziten Volatilität des Basiswerts um einen Prozentpunkt (unter ansonsten gleichen Bedingungen) zu einem Wertanstieg des Warrants von CHF 0.08. (bei einem Bezugsverhältnis von 1:1). In der Praxis führen Kurseinbrüche häufig zu einem rasanten Anstieg der erwarteten Volatilität, da solche Korrekturen meist schnell und ruckartig verlaufen. Daraus ergeben sich spannende Handelschancen. Anleger, die davon ausgehen, dass ein Unternehmen zum Beispiel mit seinen Quartalszahlen negativ überraschen wird, können mit einem Put-Warrant mit einem hohen Vega gleich doppelt profitieren: zum einen von den Kursverlusten des Basiswerts und zum anderen vom volatilitätsbedingten Wertanstieg des Warrants. Wer dagegen Warrants in Zeiten einer abnehmenden Volatilität kauft, sollte auf ein möglichst niedriges Vega achten.
Theta: Der Zeitwertverlust
Theta beschreibt den Zeitwertverlust eines Warrants, also dessen Wertverlust durch den Zeitablauf. Je näher der Verfalltag rückt, desto schneller sinkt der Zeitwert eines Warrants. Beispiel: Ein Theta von -0.02 bedeutet, dass der Preis des Warrants mit jedem verstrichenen Tag um durchschnittlich CHF 0.02. fällt – sofern alle anderen Einflussgrössen konstant bleiben. In der Regel ist der Einfluss des Thetas am stärksten bei «am Geld» kotierten Warrants mit kurzer Restlaufzeit. Dagegen weisen «aus dem Geld» liegende Warrants kaum einen Zeitwertverlust auf. Ihr Theta ist gering.
Rho – Die Zinssensitivität
Rho zeigt an, wie sensibel der Preis eines Warrants auf Änderungen des allgemeinen Zinsniveaus reagiert. Steigen die Marktzinsen, werden Call-Warrants tendenziell wertvoller, während der Wert von Put-Warrants sinkt. Beispiel: Steigt der Marktzins um einen Prozentpunkt und das Rho des Call-Warrant beträgt 0.04, erhöht sich dessen Wert ceteris paribus um CHF 0.04. In der Praxis ist das Rho von eher untergeordneter Bedeutung, da Warrants eine überschaubare Laufzeit besitzen, in der drastische Verschiebungen des Zinsniveaus eher unwahrscheinlich sind.
Omega: Kein klassischer «Grieche», aber nützlich!
Häufig wird das Omega auch noch zu den «Griechen» gezählt, was strenggenommen aber nicht richtig ist. Diese Kennzahl zeigt die effektive Hebelwirkung eines Warrants an. Hat ein Warrant beispielsweise ein Omega von 5, so steigt sein Preis um 5%, wenn der Basiswert um 1% steigt – und fällt entsprechend bei einem Rückgang. Das Omega kombiniert das Delta und den theoretischen Hebel. Die Formel lautet: Omega = Delta x (Kurs des Basiswerts/Preis des Warrants). Wie bereits mehrmals erwähnt, gilt auch das Omega nur zum Betrachtungszeitraum. Die Hebelwirkung kann also zu- oder abnehmen.
