Opinion Leaders
Börsenwoche: Big Tech wächst, doch der Kapitalbedarf steigt
-
Serge Nussbaumer
Head Public Solutions und Kapitalmarktexperte
Maverix
In der dritten Woche der US-Berichtssaison standen die grossen Technologiekonzerne und die Geldpolitik im Mittelpunkt.
Microsoft, Alphabet und Amazon überzeugten mit kräftigem Wachstum im Cloudgeschäft. Dennoch reagierten die Aktienmärkte unterschiedlich. Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur bleibt aussergewöhnlich hoch, gleichzeitig steigen die Investitionen und langfristigen finanziellen Verpflichtungen in bisher kaum gekanntem Ausmass.
Microsoft, Alphabet, Amazon: Starke Cloudzahlen, steigende Investitionen
Microsoft steigerte den Umsatz um 20% auf USD 92.3 Mrd., wobei besonders Azure mit einem Wachstum von 48% überzeugte. Der freie Cashflow erreichte USD 18.6 Mrd., obwohl Microsoft im Quartal USD 45.2 Mrd. investierte. Diese Ergebnisse unterstreichen die hohe Ertragskraft des Geschäftsmodells. Allerdings wächst auch hier der Kapitalbedarf erheblich. Die entscheidende Frage ist, ob die zusätzlichen Investitionen langfristig ähnlich hohe Renditen erwirtschaften werden wie das bestehende Geschäft.
Alphabet steigerte den Umsatz um 25% auf USD 127.6 Mrd. Google Cloud verdoppelte den Umsatz auf USD 30.7 Mrd. und erhöhte den operativen Gewinn auf USD 11.1 Mrd. Die operative Entwicklung ist damit deutlich besser als die negative Kursreaktion vermuten lässt. Allerdings überraschte Alphabet mit dem Ausmass seiner künftigen Verpflichtungen. Diese belaufen sich einschliesslich langfristiger Kauf- und Leasingverpflichtungen auf rund USD 1.05 Bio. Ein erheblicher Teil davon entfällt auf den Ausbau der technischen Infrastruktur und die Sicherung von Rechenkapazitäten. Diese Verpflichtungen verteilen sich über mehrere Jahre und sind nicht mit Finanzschulden gleichzusetzen. Sie reduzieren jedoch die finanzielle Flexibilität erheblich. Die Aktie verlor rund 12%, da Investoren zunehmend hinterfragen, ob das starke Cloudwachstum die langfristige Kapitalbindung rechtfertigt. Hinzu kommt das Risiko, dass KI das hochprofitable Suchgeschäft strukturell verändert.
Amazon steigerte den Umsatz um 12% auf USD 201.9 Mrd. AWS wuchs um 39%, während das operative Ergebnis mit USD 28.1 Mrd. einen Rekord erreichte. Dennoch verlor die Aktie nach Börsenschluss rund 6%. Der Grund dafür liegt weniger in der operativen Entwicklung als in den hohen Investitionen. Amazon plant für 2026 Investitionsausgaben von rund USD 220 Mrd. Entsprechend war der freie Cashflow über die vergangenen zwölf Monate deutlich negativ. Das Unternehmen wächst zwar profitabel, bindet dafür aber zunehmend Kapital.
Notenbanken bleiben vorsichtig
So beliess die US-Notenbank den Leitzins bei 3.75% bis 4.00%. Die weiterhin erhöhte Inflation und die solide Konjunktur sprechen gegen eine rasche Lockerung. Bemerkenswert ist, dass zwei Mitglieder des Offenmarktausschusses sogar eine Zinserhöhung bevorzugten. Damit bleibt das Risiko bestehen, dass die Finanzierungskosten länger hoch bleiben als erwartet.
Auch die EZB beliess den Einlagensatz bei 2.50% unverändert. Anders als in den USA steht sie jedoch vor dem Risiko, dass steigende Energiepreise die Inflation erhöhen und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum belasten. Für die europäischen Aktienmärkte ergibt sich daraus ein schwierigeres geldpolitisches Umfeld.
Cashflow wird zum Massstab
Die Berichtssaison zeigt, dass KI-Investitionen zunehmend messbare operative Erträge liefern. Microsoft, Alphabet und Amazon profitieren von einer aussergewöhnlich hohen Nachfrage nach Rechenkapazitäten. Gleichzeitig wächst der Kapitalbedarf teilweise schneller als die operativen Cashflows.
Besonders Alphabet verdeutlicht die Dimension dieser Entwicklung. Die langfristigen Verpflichtungen von über USD 1 Billion sichern zwar künftige Kapazitäten, erhöhen aber auch das wirtschaftliche Risiko, falls sich die Nachfrage oder die technologischen Rahmenbedingungen verändern.
Für Investoren verschiebt sich damit die Bewertungsfrage. Es zählt nicht mehr allein das Wachstum, sondern auch, wie viel davon nach den enormen Investitionen tatsächlich als freier Cashflow bei den Aktionären ankommt. Die unveränderten Leitzinsen von Fed und EZB erhöhen den Druck, diese Frage überzeugend zu beantworten.