Focus
China: Ein Land im Technologierausch
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Wolfgang Hagl
Redaktor
Zu den Eigenheiten des chinesischen Erfolgsmodells gehört, dass es aus einer seltsamen Symbiose aus kapitalistischer Marktwirtschaft und sozialistischer Planwirtschaft entstanden ist. Zu den zentralen Steuerungsinstrumenten der politischen Führung in Peking zählen die Fünfjahrespläne. Diese legen die wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Ziele für die nächsten fünf Jahre fest. Das jüngste Schriftstück dieser Art wurde Anfang März vom Nationalen Volkskongress verabschiedet. Das 141 Seiten umfassende Arbeitspapier, das auch im Ausland mit grosser Spannung studiert wird, gilt als eines der wichtigsten seit Langem. Denn mit dem 15. Fünfjahresplan will die asiatische Supermacht den nächsten Evolutionsschritt gehen und eine autonome Technologienation werden.

Welche Ziele verfolgt Peking?
Gemäss dem Fünfjahresplan soll sich der Anteil der digitalen Wirtschaft am chinesischen Brutto-
inlandsprodukt (BIP) bis 2030 auf 12,5% erhöhen. Auf den ersten Blick scheint das keine grosse Sache zu sein. Ein Vergleich mit westlichen Ländern zeigt jedoch die wahre Bedeutung dieser Zahl. In Deutschland beispielsweise, der grössten Volkswirtschaft Europas, liegt der Anteil der digitalen Wirtschaft am BIP lediglich bei rund 4,5%. Ein weiteres Ziel Pekings ist eine Steigerung der Investitionen in Forschung und Entwicklung um mehr als 7% pro Jahr. Zudem soll die Zahl der hochwertigen Patente von 16 auf 22 pro 10’000 Einwohner steigen. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt diese Kennzahl bei 11,4.

Wo China schon spitze ist
Ein Technologiebereich, in dem das Land bereits eine führende Position erreicht hat, ist beispielsweise die Robotertechnologie. Als grosser Zukunftsmarkt gelten hierbei humanoide Roboter. Laut einer Studie der britischen Bank Barclays hat die Volksrepublik bei der Serienproduktion und Entwicklung dieser intelligenten Maschinen die Technologieführerschaft inne. Auch bei den Themen Mobilfunkstandard 5G, Solarmodulproduktion, Elektromobilität und Lithium-Ionen-Batterieproduktion steht das Reich der Mitte an der Weltspitze. In den Hightech-Bereichen Künstliche Intelligenz, Cloud, Big Data und Quantencomputer liegen aktuell zwar noch die USA vorne, doch der Vorsprung schwindet.
Wettbewerbsvorteil durch Seltene Erden
China hat sich zum Ziel gesetzt, technologisch unabhängig zu sein. Das bedeutet, dass die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb der eigenen Grenzen abgedeckt werden soll. Das Land möchte nicht auf ausländische Werkstoffe, Vorprodukte oder Know-how angewiesen sein. Chinas Vorteil: Mit einem Weltmarktanteil von 60% bis 70% ist das Land der grösste Förderer von Seltenen Erden. Das Reich der Mitte verfügt nicht nur über enorme Reserven, sondern auch über eine ausgeprägte Infrastruktur für die Weiterverarbeitung dieser knappen Rohstoffe. Seltene Erden sind eine Gruppe von Elementen, die in vielen Hightech-Produkten stecken. Sie sind unter anderem unverzichtbar für die Herstellung von Smartphones, Computern, Flachbildschirmen und LEDs. Darüber hinaus spielen sie auch eine wichtige Rolle in Elektromotoren, Windkraftanlagen, der Medizintechnik sowie der Luft- und Raumfahrt.
Nicht alles ist Top
China verfügt nicht nur über die Voraussetzungen, sondern auch über den Willen und die Mittel, um sich als innovationsgetriebenes Technologieland zu etablieren. Entsprechend interessant sind Investitionen in ausgewählte Bereiche wie die Robotik oder die digitale Wirtschaft. Dazu später mehr. Zunächst jedoch ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen. Wie Grafik 3 zeigt, hat sich der chinesische Aktienmarkt (gemessen am MSCI China Index) vom Crash im Frühjahr 2020 durch die Corona-Pandemie noch immer nicht vollständig erholt. Was hat China also ausgebremst?

Chinas kränkelnde Old Economy
Chinas Wachstumsmodell, das in der Vergangenheit so beeindruckende Zuwächse erzielt hat, kämpft seit einiger Zeit mit spürbarem Gegenwind. Die anhaltende Konsolidierung im Immobiliensektor und ihre Auswirkungen auf die Finanzen der Kommunalverwaltungen haben eine anhaltende Schwäche der Binnennachfrage sowie deflationären Druck verursacht. Der schwache Binnenkonsum konnte immerhin durch ein starkes Exportwachstum, das teilweise durch eine Abwertung des realen Wechselkurses gestützt wurde, abgefedert werden. Allerdings machen die verschärften globalen Handelsspannungen eine Abhängigkeit von Exporten für die Aufrechterhaltung eines robusten Wachstums in der Zukunft weniger tragfähig. Peking hat daher gut daran getan, beim Wachstumsziel für 2026 auf die Euphoriebremse zu treten. Erwartet wird ein Anstieg des BIP zwischen 4,5% und 5,0%, wobei die untere Marke das niedrigste Wachstumsziel seit 1991 darstellt. Damit muss die Regierung nicht sofort neue Stützungsprogramme starten, sollte die Wirtschaft vom Kurs abkommen.
Welche China-Investments Sinn machen
Kurzfristig bleibt die chinesische Wirtschaft anfällig für Störungen. Ob die Binnennachfrage wieder an Fahrt aufnimmt, ist aufgrund des Konsumklimas unsicher. Über den Exporten wiederum schwebt das Damoklesschwert neuer Handelskonflikte. Hinzu kommen die Unsicherheiten hinsichtlich der Folgen des Iran-Kriegs für die Energiepreise und die Weltwirtschaft. Anleger sollten sich bei chinesischen Investments auf eine Phase mit höheren Volatilitäten einstellen und im Zweifel zyklische Sektoren meiden. Wer dagegen über den Tellerrand hinausschaut und längerfristig denkt, für den könnten Investments mit Schwerpunkt auf den chinesischen Technologiesektor sinnvoll sein. Es gibt hierzu eine ganze Reihe von Anlagemöglichkeiten.
Disruptive Kräfte als Anlagechance
Die erste Empfehlung gilt einem im Februar 2026 fällig werdenden Tracker-Zertifikat von Vontobel auf den Rising Economies Disruptors Index (ZRISCV). Die Strategie investiert konkret in bis zu 50 Aktien von Unternehmen, die nach Ansicht des Indexsponsors Vontobel Asset Management vom technologischen Fortschritt und den damit verbundenen Umbrüchen in China und anderen asiatischen Ländern profitieren werden. Im Fokus stehen dabei Unternehmen, die Innovationen vorantreiben, disruptive Produkte anbieten oder disruptive Technologien in ihren Geschäftsmodellen einsetzen. Vontobel sieht insbesondere vier Bereiche, in denen solche Fortschritte stattfinden: Basistechnologien, Automatisierung, Gesundheitstechnologie und Konsumententechnologie. Ein weiterer Vorteil des Vontobel Rising Economies Disruptors Index ist der vergleichsweise grosse Ermessensspielraum des Indexsponsors. Dieser entscheidet flexibel über die jeweiligen Indexkomponenten und deren Gewichtung. Dadurch ist der Index stets optimal auf die Strategie zugeschnitten.
China-Tech-ETF von UBS
Ebenfalls interessant ist der UBS Solactive China Technology UCITS ETF (CQQQ). Der Referenzindex bildet die Wertentwicklung der 100 grössten technologieorientierten chinesischen Unternehmen ab, die den Hauptteil ihrer Umsätze in verschiedenen innovativen Geschäftsbereichen wie Cloud Computing, Medizintechnik, Zukunftsmobilität oder digitale Unterhaltung erzielen. Der Index wird nach freier Marktkapitalisierung gewichtet, wobei eine Begrenzung der Gewichtung auf 10% pro Aktie besteht. Da es sich um einen Total Return Index handelt, werden Dividenden reinvestiert. Zu den Indexschwergewichten zählen aktuell der Unterhaltungselektronik-Riese Xiaomi sowie die Internet-Giganten Tencent und Alibaba. Anpassungen und Rebalancing finden vierteljährlich statt.
Bei der ZKB trifft passiv auf aktiv
Mit einem Tracker-Zertifikat auf den China Digital Economy Basket (JPCCDZ) verfolgt die Zürcher Kantonalbank einen etwas ungewöhnlichen Ansatz. Der Grund dafür ist, dass der Korb durch den Investmentmanager JP Cortesi Investments dynamisch bewirtschaftet wird. Bis zu 50 Anpassungen können jährlich erfolgen, wobei der Manager je nach Ermessen bis zu 50% der Basketgewichtung in Cash halten kann. Bei dem Produkt handelt es sich also um ein aktives Konstrukt im Mantel eines passiven Vehikels. Zu beachten ist: Neben einer jährlichen Gebühr von 0,35% behält der Invest-
mentmanager 20% der positiven Entwicklung des Basiswerts als Performance-Gebühr ein. Zudem fällt pro Rebalancing eine Gebühr von 0,10% des Transaktionswertes an. Die Anlage ist also nicht gerade billig.
Chinesische Drachen fürs Depot
Das Tracker-Zertifikat von Leonteq auf den Swissquote China Dragons Index (CHINTQ) zielt auf den strukturellen Wandel Chinas ab. Der Index fokussiert sich unter anderem auf Zukunftsmärkte wie Robotik, erneuerbare Energien und Elektromobilität, enthält aber auch zahlreiche Unternehmen aus klassischen Branchen wie Banken, Luftfahrt, Industrie und Konsumgüter. Diese breitere Aufstellung über den Technologiesektor hinaus kann aus Diversifikationsgründen von Vorteil sein, sie kann sich aber auch als Renditebremse erweisen. Gerade bei den im Index hoch gewichteten Bankaktien, wie denen der Bank of China oder der China Construction Bank, sollten die Risiken nicht unterschätzt werden.
Rendite optimieren mit Internet-Trio
Abschliessend noch ein Renditeoptimierungsprodukt. Das Multi Barrier Reverse Convertible (DDIBKB) der Basler Kantonalbank auf die drei chinesischen Internet-Titel Baidu, Alibaba und JD.com ist mit einem Coupon von 15,00% p.a. ausgestattet. Die Rückzahlung erfolgt zum Nennwert von USD 1’000, sofern keiner der drei Basiswerte während der Laufzeit bis Januar 2027 seine anfänglich festgelegte Barriere berührt oder unterschreitet. Derzeit liegt Alibaba 27,1% über der Barriere, JD.com 34,7% und Baidu 37,5%. Das Hauptrisiko besteht in einem Barriere-Ereignis: Berührt oder unterschreitet eine Aktie die Barriere, kann dies zu deutlichen Verlusten führen. Die Höhe des Verlustes hängt dabei von der Entwicklung des schwächsten Basiswerts bis zum Laufzeitende ab.
