Zurück
payoff Von Alexis Bienvenu, Fondsmanager bei LFDE Opinion Leaders

Die Macht des goldenen Eis

08.02.2026 4 Min.
  • Alexis Bienvenu
    Fondsmanager
    La Financière de l’Echiquier (LFDE)

Nach der Hindu-Mythologie soll das Universum aus einem goldenen Ei entstanden sein, das strahlte wie die Sonne.

Daher hat Gold in der indischen Bevölkerung eine besondere Bedeutung, die alle Aspekte des Alltags betrifft. Insbesondere auf Hochzeiten ist dies zu sehen, bei denen die Ehefrau das „Stridhan“ erhält, ein (Gold-)Vermögen, das ihr auf ewig zusteht – auch nach einer Scheidung.

Welch ein Segen für die indische Nation in einer Zeit, in der die Goldpreise explodieren! Gold hat über ein Jahr 94 %1 zugelegt; dementsprechend erstrahlt der Wert der Reserven der indischen Zentralbank sozusagen in neuem Glanz. Diese belaufen sich auf 880 Tonnen Gold, womit Indien weltweit Platz neun einnimmt. Doch der Wertzuwachs von Gold strahlt vor allem auf das Vermögen der indischen Privathaushalte ab, die mehr davon besitzen als die zehn größten Zentralbanken zusammen! So sollen sich laut einer aktuellen Studie von Morgan Stanley bis zu 34.000 Tonnen des Edelmetalls im Besitz der indischen Privathaushalte befinden, wenngleich die gängigste Schätzung bei etwa 25.000 Tonnen liegt2.

Gold ist ein wesentlicher Bestandteil des Vermögens indischer Familien. Es macht in der Regel mehr als 10 % aus und in den am schwächsten mit Bankdienstleistungen versorgten Bevölkerungsgruppen mitunter bis zu 50 %. Daher gibt es in der Bevölkerung aufgrund des Wertzuwachses von Gold einen bedeutenden Reichtumseffekt. Theoretisch dürfte davon in hohem Maße der Konsum profitieren, in einem Land, in dem dieser etwa 70 % des BIP ausmacht. Ist dies ein Hebel für ein neues, goldenes Zeitalter?

Tatsächlich ist der Effekt allerdings weniger unmittelbar, denn zwischen dem theoretischen Reichtum und den tatsächlichen Ausgaben liegt ein gutes Stück Weg. Zum einen betrachten viele Haushalte Gold eher als eine Versicherung, als einen Status oder ein zu übertragendes Vermögen und weniger als Kapital, das man ausgeben kann. Zum anderen ziehen die hohen Goldpreise mindestens zwei wirtschaftliche Probleme nach sich: ein Anziehen der Inflation beim Kauf von Schmuck, dem in Indien eine hohe traditionelle Bedeutung zukommt, und einen Anstieg des Handelsdefizits, da praktisch alles Gold importiert wird. Dieses Defizit übt Abwärtsdruck auf die Rupie aus, der bei der Inflation anderer importierter Produkte spürbar werden kann. Die Verknüpfung des Reichtums an Gold mit dem indischen Konsum ist somit nicht ganz so selbstverständlich.

Dennoch ist bereits ein klarer positiver Effekt erkennbar: Mit Gold besicherte Kredite, die Privatpersonen von Banken und Instituten außerhalb des Bankensektors angeboten werden, verzeichnen einen sprunghaften Anstieg. Laut der Reserve Bank of India hat sich ihr Volumen in den sechs Monaten bis zum November 2025 verdoppelt. Diese neuerliche Quelle von Krediten zu wettbewerbsfähigen Zinsen, die nicht mit zusätzlichen Importen von Gold verbunden sind, wird sich zwangsläufig positiv auf den Konsum auswirken, ohne dass sich die Haushalte definitiv von ihrem wertvollen Gut trennen müssen.

Abgesehen von dieser Auswirkung auf Kredite und trotz ihrer Konsequenzen für das Handelsdefizit bringt diese Explosion des indischen Reichtums einen weiteren Vorteil mit sich, der wiederum geopolitischer Natur ist. Das Goldvermögen wird nämlich unweigerlich die Stellung Indiens in seinen Bemühungen um Unabhängigkeit vom US-Dollar stärken. Zu einer Zeit, in der die USA Strafzölle gegen es verhängt haben und es parallel hierzu ein gigantisches Handelsabkommen mit Europa unterzeichnet hat, kann das Land die unverhoffte Unterstützung durch das Edelmetall dazu nutzen, seine Souveränität zu bekräftigen. Somit bestätigt sich, dass seine Macht von Grund mit dem „Hiranyagarbha“, dem bedeutenden goldenen Ei verbunden ist.

__

Haftungsausschluss
Diese Daten und Meinungen werden ausschließlich zu Informationszwecken bereitgestellt und stellen daher weder ein Angebot zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers noch eine Anlageberatung oder Finanzanalyse dar. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine Rückschlüsse auf die künftige Wertentwicklung zu.

__

1Stand: 29.01.2026, in US-Dollar.
2Zum Vergleich: Die größten Zentralbanken der Welt halten jeweils nur 2.000 bis 3.000 Tonnen. Den Rekord hält die US-Notenbank mit 8.000 Tonnen.

Weitere News aus der Rubrik

Unsere Rubriken