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Handelsbeziehungen USA-China: Globales Gefangenendilemma
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Onur Von Burg
Managing Director, Member of the Investment Committee, CIIA
Banque Heritage
Die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China sind auch 2025 von einem komplizierten Geflecht aus Zöllen, Vergeltungsmassnahmen und hochriskanten Verhandlungen geprägt.
Nach einer erneuten Zuspitzung der Spannungen Anfang April haben beide Länder kürzlich eine vorläufige Waffenruhe vereinbart – nach intensiven Gesprächen in London und Genf. Präsident Trump erklärte, dass ein Handelsabkommen «erreicht» worden sei, vorbehaltlich der endgültigen Zustimmung beider Staatsoberhäupter. Das Abkommen sieht vor, dass die USA Zölle von bis zu 55 Proeztn auf chinesische Produkte beibehalten. Diese Massnahmen stützen sich auf mehrere Gründe:
- Schutz der heimischen Industrie vor als unfair betrachteten Handelspraktiken, darunter Subventionen und Verstösse gegen geistiges Eigentum,
- Sicherheitsbedenken, insbesondere bei Stahl und Aluminium,
- Reaktion auf innenpolitischen Druck wegen Deindustrialisierung und Handelsdefizit.
China behält seinerseits Zölle von zehn Prozent auf US-Produkte bei. Obwohl dieser Satz deutlich unter den Spitzenwerten früherer Spannungsphasen liegt, stellt er weiterhin ein erhebliches Hindernis für den bilateralen Handel dar.
Neben den Zöllen wurden in den Verhandlungen auch wichtige Themen wie Exportkontrollen bei seltenen Erden behandelt – strategisch wichtigen Rohstoffen für die Auto-, Luftfahrt- und Halbleiterindustrie, in denen China fast ein Monopol besitzt. Trotz dieser scheinbaren Entspannung sind die Spannungen keineswegs vorbei. Der effektive Zollsatz auf die meisten chinesischen Produkte liegt weiterhin über 30 %, bei einigen Kategorien sogar bei 50 % oder mehr. Die Waffenruhe bleibt deshalb fragil. Beide Seiten fürchten eine Wiederaufnahme der Auseinandersetzungen, und die Weltmärkte beobachten jede Anzeichen einer neuen Eskalation genau.
Spieltheorie als Erklärungsmodell
Die Spieltheorie bietet eine überzeugende Perspektive, um die Dynamik von Konfrontation, Misstrauen und Opportunismus in den aktuellen Handelsverhandlungen zwischen China und den USA zu verstehen. In Wirtschaft, Politikwissenschaft und internationalen Beziehungen untersucht die Spieltheorie strategische Interaktionen zwischen Akteuren, deren Entscheidungen sowohl von den eigenen als auch von den Entscheidungen der anderen abhängen. Ein bekanntes Konzept, das 1950 von Albert Tucker an der Princeton University eingeführt wurde, ist das Gefangenendilemma.
In diesem Szenario werden zwei Personen verhaftet und getrennt befragt. Jede hat die Wahl: zusammenarbeiten (schweigen) oder den anderen verraten (gestehen). Die Folgen hängen von ihren Entscheidungen ab:
- Wenn beide schweigen, erhalten sie moderate Strafen.
- Wenn einer verrät und der andere schweigt, wird der Verräter freigelassen, der andere erhält eine harte Strafe.
- Wenn beide verraten, erhalten beide schwere Strafen, aber nicht die Höchststrafe.
Obwohl gegenseitige Kooperation das beste gemeinsame Ergebnis bringt, verleiten Eigeninteresse und Misstrauen oft beide dazu, zu verraten – was für beide ein schlechtes Resultat bedeutet.
Diese Logik spiegelt die Handelsbeziehungen zwischen den USA und China wider. Beide Mächte haben gute Gründe, Zölle zu erheben, um ihre Industrie zu schützen, innenpolitischen Druck zu beantworten und ihre Verhandlungsposition zu stärken. Wenn jedoch beide gleichzeitig auf diese defensive Strategie setzen, leidet der Welthandel: Kosten steigen, Wachstum verlangsamt sich, und Unsicherheit nimmt zu. Das individuelle Verhalten führt also zu einem kollektiv schädlichen Ergebnis.
Obwohl Zusammenarbeit wirtschaftlich sinnvoll wäre, ist sie schwer aufrechtzuerhalten. Jede Seite fürchtet, die andere könnte ihre Zusagen brechen, um kurzfristige Vorteile zu erlangen. Dieses tiefe Misstrauen erschwert eine dauerhafte Stabilisierung – besonders ohne glaubwürdige Kontroll- oder Sanktionsmechanismen.
Anders als im theoretischen Modell sind Handelsverhandlungen jedoch keine einmaligen Ereignisse, sondern wiederkehrende Interaktionen. Das erlaubt Strategien wie «Tit-for-Tat»: Man kooperiert, wenn die andere Seite kooperiert, und sanktioniert, wenn sie es nicht tut.
Diese Logik gilt auch für andere grosse Handelsbeziehungen, etwa zwischen China und der Europäischen Union. Auch hier bleibt das Risiko eines «Defekts» – also einer plötzlichen Zollsteigerung – hoch, was die Unsicherheit an den Weltmärkten verstärkt. Im- und Exportunternehmen müssen diese Volatilität in ihre Strategien einbeziehen, indem sie ihre Lieferanten diversifizieren und ihre Lieferketten anpassen.
Eine strategische Falle
Die laufenden Zollgespräche zwischen den USA und China sind ein klassisches Beispiel für das Gefangenendilemma in der globalen Wirtschaft. Langfristig wäre Zusammenarbeit der vernünftige Weg. Doch gegenseitiges Misstrauen, innenpolitische Interessen und asymmetrische Ziele treiben einen Kreislauf aus Verdacht und Gegensanktionen an. Das Resultat sind fragile Waffenruhen, unterbrochen von anhaltenden Spannungen – was die Stabilität des globalen Handelssystems schwächt.
Ob diese beiden Supermächte aus dieser Lose-Lose-Logik ausbrechen oder in ihrer eigenen strategischen Vernunft gefangen bleiben, wird sich zeigen.