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Stromhunger im KI-Zeitalter: Energiebranche vor neuer Blüte

10.11.2025 8 Min.
  • Serge Nussbaumer
    Chefredaktor

Die Welt steht vor einer neuen Ära der steigenden Stromnachfrage, die durch Digitalisierung, KI und den globalen Anspruch, fossile Energien durch Strom aus sauberen Quellen zu ersetzen, angetrieben wird. Dies liefert der Versorgerbranche ein robustes Fundament und enorme Wachstumschancen. An der Börse werden bereits jetzt Vorschusslorbeeren verteilt. Wir zeigen auf, wie Anleger ihr Depot «elektrisieren» können.

Wenn abends Millionen Bildschirme flimmern und Rechenzentren rund um den Globus unablässig Daten verarbeiten, wird der enorme Strombedarf spürbar. Die Digitalisierung treibt den weltweiten Energieverbrauch in ungeahnte Höhen – allen voran die Künstliche Intelligenz (KI) mit ihrem enormen Rechenbedarf. Schon heute benötigen die Datenzentren der Tech-Giganten jährlich rund 48 Terawattstunden (TWh) Strom. Das ist mehr als der gesamte Jahresverbrauch mancher Länder. Und der Bedarf wächst weiter. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) könnte sich der weltweite Stromverbrauch zwischen 2022 und 2026 mehr als verdoppeln.

Die globale Nachfrage nach Elektrizität ist so stark gestiegen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im vergangenen Jahr nahm der Verbrauch um 4.3% zu, was in absoluten Zahlen dem grössten Anstieg aller Zeiten entspricht; und die Kurve zeigt weiter nach oben. Treiber sind einerseits die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme und andererseits die digitale Revolution. Immer mehr Elektroautos, Wärmepumpen und Fabriken beziehen ihren Antrieb aus der Steckdose, während gleichzeitig Milliarden vernetzter Geräte und KI-Algorithmen enorme Datenmengen bewegen. Inzwischen hat der Anteil dieses Stroms am gesamten Energieverbrauch die Marke von einem Fünftel überschritten. 

Nukleare Renaissance

Um den wachsenden Strombedarf zu decken, rückt die Kernenergie wieder ins Rampenlicht. Jahrzehntelang galt Atomstrom vielerorts als Auslaufmodell, doch angesichts des Klimawandels und des Bedarfs an verlässlicher Grundlast erlebt die Kernenergie ein Comeback und ist inzwischen ein wichtiger Eckpfeiler moderner Stromnetze. Ihre Vorteile: CO₂-freie Erzeugung, hohe Versorgungssicherheit und kontinuierliche Leistung. Dies sind Eigenschaften, die in einem von Datenzentren und E-Mobilität geprägten Energiesystem immer wichtiger werden.

Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) wird die weltweite Flotte von rund 420 Atomkraftwerken im laufenden Jahr einen neuen Höchststand erreichen. Die Kernenergie produziert knapp ein Zehntel des weltweit erzeugten Stroms und ist nach der Wasserkraft die zweitgrösste Quelle für emissionsarmen Strom. Darüber hinaus verändern Innovationen die Landschaft der Nukleartechnologie, einschliess-
lich vieler kleiner modularer Reaktoren, die sogenannten Small Modular Reactors (SMR), deren Entwicklung sich noch in den Anfängen befindet. Die «Mini-Atomkraftwerke» erfahren vor allem aus dem privaten Sektor eine hohe Nachfrage, um die wachsende Stromnachfrage von Rechenzentren zu decken. In einem Szenario, in dem die massgeschneiderte politische Unterstützung für nukleare und optimierte Vorschriften für SMRs und eine robuste Industrielieferung bei neuen Projekten und Designs übereinstimmen, könnte deren Kapazität bis Mitte des Jahrhunderts 120 GW erreichen. Die dafür erforderlichen Investitionen belaufen sich Schätzungen zufolge bis 2050 auf USD 670 Milliarden.

Doch auch Staaten setzen nicht nur auf grosse Meiler, sondern haben ebenfalls ein Auge auf SMRs geworfen. So hat die britische Regierung vor rund einem Jahr die von Rolls-Royce entwickelten SMRs zur bevorzugten Technologie erklärt. Drei Einheiten des 470-MW-Reaktors sollen in den 2030er-Jahren ans Netz gehen. Prognosen zufolge werden jedoch die Chinesen bis zur Mitte des Jahrhunderts beim Bau der kleinen Reaktoren die Nase vorn haben.

Milliarden-Treiber Digitalisierung

Die Zeichen stehen also auf einen nuklearen Neustart. Dabei rückt ihre Rolle als Lebensader der KI-Wirtschaft immer mehr in den Fokus. Die Experten von McKinsey gehen davon aus, dass in den USA bis 2030 durch KI-Rechenzentren, Cloud-Dienste und E-Mobilität zusätzlich 50 Gigawatt an Kapazität benötigt werden. Allein die US-Datenzentren werden bis dahin einen höheren Strombedarf haben als die grösste Volkswirtschaft Europas, Deutschland. Apropos Deutschland: Auch hier nehmen die Investitionen in die Digitalisierung zu. So planen die Deutsche Telekom und NVIDIA aktuell den milliardenschweren Bau eines KI-Rechenzentrums in München, dessen Ankermieter Europas grösster Softwarekonzern SAP sein wird. Dieses Projekt ist Teil einer europäischen Aufholjagd. Anfang des Jahres hat die EU-Kommission ein 200-Milliarden-Euro-Programm angekündigt, um die KI-Infrastruktur in Europa innerhalb von fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen. Laut McKinsey wird sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 auf 218 GW verdreifachen. Zudem werden Investitionen von rund USD 1.3 Billionen in neue Kraftwerke prognostiziert. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Digitalisierung zu einem Milliarden-Treiber für die Energiewirtschaft wird.

Auch private Unternehmen stemmen hohe Investitionen. So haben unter anderem die vier US-Technologieunternehmen Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta seit Beginn des KI-Booms im Jahr 2022 ihre Investitionsbudgets verdoppelt. Dabei geht es vor allem um Rechenzentren und die dafür nötige Infrastruktur. Ein Beispiel ist das gigantische KI-Rechenzentrum des Joint Ventures von OpenAI, Oracle und SoftBank in Texas, das so viel Strom verbrauchen wird wie eine mittelgrosse Stadt. Projekte dieser Grössenordnung erfordern selbstverständlich den Ausbau der Kernkraftleistung in der Region, was wiederum die Versorger auf den Plan ruft.

Gewinner des Stromhungers

Mit Blick auf die Profiteure dieser Entwicklungen rücken verschiedene Branchenakteure in den Fokus: von klassischen Versorgern über Uran-Unternehmen bis hin zu Entwicklern neuer Mini-Atomkraftwerke. Während Energieversorger traditionell als solide Dividendenbringer galten, werden sie nun als Wachstumswerte gehandelt und zählen inzwischen sogar zu den Stars an den Kapitalmärkten. So legte die Aktie des grossen unabhängigen Stromproduzenten NRG Energy seit Jahresbeginn um 85% zu und zählt damit zu den Top-10-Aktien im S&P 500. Auch für Constellation Energy, den führenden US-Atomstromerzeuger, und Vistra Corp., die umfangreiche Kraftwerksparks besitzen, geht es steil nach oben. Ebenfalls sehr gefragt sind die Energieanlagen von GE Vernova, einem Unternehmen, das aus der Aufspaltung des Mischkonzerns General Electric hervorgegangen ist.

Auch die Energieversorger in Europa erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Beispiele sind die französische Engie oder die finnische Fortum, die nicht nur die Versorgungssicherheit mit Dekarbonisierung verbinden, sondern auch mit Kernenergie punkten können. Zudem rücken Osteuropas Versorger wie CEZ und Orlen in den Fokus, da sie vom geplanten Ausbau der Atomkraft in der Region profitieren könnten. Letztlich gewinnen die «klassischen» Versorger sowohl in den USA als auch auf dem alten Kontinent an Attraktivität, da sie dank stabiler Cashflows nun zudem mit Wachstumsperspektiven zweigleisig punkten können: Einerseits sind sie defensiv und konjunkturunabhängig aufgestellt, andererseits profitieren sie vom KI-Boom.

Profiteure neben den Versorgern

Die Uranbranche ist ein klarer Profiteur des neuen Atomzeitalters. Die Aussicht auf hunderte neue Reaktoren weltweit hat die Preise für Uranerz in die Höhe schnellen lassen und gleichzeitig die Uran-Aktien in die Höhe katapultiert. So konnte der VanEck Uranium and Nuclear Energy ETF, der in globale Uranförderer und Nukleartechnikunternehmen investiert, sein Kursniveau innerhalb eines Jahres mehr als verdoppeln. In diesem Index sind beispielsweise der zweitgrösste Uranproduzent Cameco Corp. aus Kanada und der Komponentenbauer BWX Technologies enthalten. Ein besonderes Segment mit viel Fantasie im Atombereich sind auch die Entwickler von SMRs. Zu den prominenten Namen gehören Rolls-Royce aus Grossbritannien sowie NuScale Power aus den USA. Auch das von Bill Gates gegründete Unternehmen TerraPower möchte fortschrittliche Reaktoren bauen. Oklo, ein US-Startup mit Mikro-Reaktoren, das 2023 an die Börse ging, zeigt, wie begehrt die Branche bei Anlegern ist. Allein innerhalb eines Jahres stieg der Kurs um mehr als 400%.

Dass Nuklear- und Versorgerwerte derzeit zu den Favoriten der Anleger gehören, lässt sich auch an verschiedenen Sektor-Indizes ablesen. Diese markieren entweder historische Rekordstände oder erreichen immer neue Höhen. Auf Outperformancekurs ist beispielsweise der STOXX Europe 600 Utilities Index, der dem Gesamtmarkt in diesem Jahr bereits 15 Prozentpunkte abgenommen hat. Das US-Pendant, der S&P 500 Utilities, legte seit Ende 2023 rund 44% zu und avancierte damit zum drittstärksten Sektor im S&P 500. Noch nie zuvor hatte dieser Gradmesser zwei Jahre in Folge eine Rendite von über 20% erzielt.

Chancen nutzen, Risiken beachten

Die Branche bleibt für Anleger also spannend. Weitere Kurschancen ergeben sich, wenn die Versorger ihre neuen Projekte profitabel umsetzen können und die Stromnachfrage wie prognostiziert weiter wächst. Insbesondere Unternehmen mit Kernenergie-Bezug könnten überproportional profitieren, da Atomstrom in einer grünen Zukunft an Wertschätzung gewinnt und dank hoher Auslastung lukrative Margen bietet. Sollten zudem Innovationen wie SMRs marktreif werden, würde sich ein weiteres gewinnbringendes Geschäftsfeld eröffnen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob der gegenwärtige Hype nachhaltig ist. «Sollte die KI-Story Risse bekommen, werden auch diese Aktien abgestraft», warnt beispielsweise Brad Conger, stellvertretender Chief Investment Officer bei Hirtle Callaghan & Co. Zudem dürfen die Risiken im Bereich der Kernenergie nicht übersehen werden. Der Bau neuer Reaktoren ist komplex und teuer. Verzögerungen und Kostenüberschreitungen waren in der Vergangenheit eher die Regel als die Ausnahme. Dennoch überwiegen aus heutiger Sicht die Chancen. So dürfte der weltweite Trend hin zur Elektrifizierung und Digitalisierung unumkehrbar sein und den Strombedarf langfristig steigen lassen. Getreu dem Motto «High-Tech-Boom trifft Energie-Boom» spiegelt die aktuelle Börsenrally einen Vertrauensvorschuss wider, der von nachhaltiger Natur sein könnte. 

In der nachfolgenden Tabelle haben wir eine Auswahl verschiedener Investmentlösungen zusammengestellt, die sich sowohl in ihren Basiswerten als auch in ihrer Funktionsweise unterscheiden. Während einige Produkte durch Hebelwirkung überproportionale Gewinne ermöglichen, bieten andere Strukturen selbst in Seitwärtsmärkten attraktive Renditechancen. So findet sich für jede Anlagestrategie und Risikoneigung die passende Lösung.

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