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payoff Focus

Vom Mauerblümchen zum neuen Börsenstar

04.01.2026 10 Min.
  • Serge Nussbaumer
    Chefredaktor

Die Kombination aus gesunkenen Bewertungen, technologischen Innovationen und unternehmerischen Erfolgen macht Biotech-Unternehmen derzeit attraktiv. Hinzu kommt eine grosse Übernahmefantasie in diesem Sektor. Aus dieser aussichtsreichen Konstellation können sich für Anleger interessante Chancen ergeben.

Künstliche Intelligenz, Cloud-Computing und Big Data – die Techs feiern nun schon seit Jahren an den Kapitalmärkten eine wilde Kurs-Party. Eine ebenfalls vielversprechenden Zukunftsbranche führte dagegen zuletzt ein Schattendasein: die Biotechnologie. Während andererseits die Kurven steil nach oben zeigten, trat der Nasdaq Biotechnology Index zwischen 2002 und Anfang 2025 auf der Stelle. Doch vor ein paar Monaten wendete sich das Blatt: Seit April legte das Barometer um gut die Hälfte zu. Warum aber ist Biotech jetzt plötzlich wieder so gefragt? 

Neustart

Die Wende hat mehrere Gründe. Zum einen sorgte die Talfahrt der Vorjahre dafür, dass Biotech-Aktien relativ günstig wurden. So wird die US-Biomedical- und Genetics-Industry derzeit mit einem erwarteten KGV von rund 19 gehandelt, verglichen mit 21.5 beim S&P 500. Darüber hinaus wird für die Aktien der Biomedizin- und Genetik-Branche ein Gewinnwachstum pro Aktie von 22.6% prognostiziert, verglichen mit «nur» 14.2% beim S&P 500. Gleichzeitig spielt die Zinsentwicklung den Unternehmen in die Karten. Als die US-Notenbank im September erstmals wieder den Leitzins senkte, atmeten die Biotechs mit ihren kapitalintensiven Geschäftsmodellen auf. Fallende Leitsätze sorgen allerdings nicht nur für günstigere Kredite, auch heizen sie generell die Risikofreude der Anleger an, was speziell wachstumsstarke Sektoren zugutekommt.

Von regulatorischer und politischer Seite kommt ebenfalls Rückenwind. Nach einer Phase der Unsicherheit sendete das Weisse Haus Entspannungssignale bezüglich Zölle und Preiskontrollen. Zudem erteilte die US-Gesundheitsbehörde FDA in diesem Jahr aussergewöhnlich viele Neuzulassen, was das Vertrauen in den Sektor stärkt. Per Ende Oktober wurden bereits 33 Genehmigungen erteilt, im Vergleich zu 50 Genehmigungen im Gesamtjahr 2024. Auch verzeichnet die Branche einen munteres M&A-Geschäft sowie milliardenschwere Börsengänge. Bis dato gingen 35 Fusionen und Übernahmen mit einem Gesamtvolumen von USD 30.8 Milliarden über die Bühne und darüber hinaus wurden seit Jahresbeginn sieben Börsengänge in den USA abgeschlossen, die mehr als USD 1 Milliarde einbrachten. Prall gefüllte Kassen der Pharmariesen könnten das M&A-Geschäft weiter am Laufen halten. Nach Berechnungen von EY verfügen die Big Player über rund USD 1.6 Billionen, die für potenzielle Übernahmen zur Verfügung stehen.

Schwergewichte

Aber auch innerhalb der Biotech-Szene ist eine Konsolidierung im Gange: Beispiel Amgen, das zu den Urgesteinen der Biotech-Industrie zählt. Das Unternehmen hat sich 2023 Horizon Therapeutics, spezialisiert auf seltene Autoimmun-Erkrankungen, für rund USD 28 Milliarden einverleibt und damit dem schwersten Zukauf der Firmengeschichte vollzogen. Damit demonstrierte Amgen nicht nur Finanzkraft, sondern auch die Entschlossenheit mittels Übernahmen Wachstum zu sichern. Auch die Umsatzkurve zeigt nach oben: Im vergangenen Jahr erlöste der Konzern 18% mehr, in 2025 könnte der Umsatz erneut prozentual zweistellig zulegen. Beim Gewinn je Aktie erwarten Analysten gar ein Plus um knapp die Hälfte. Für 2026 steht dann eine weitere Verbesserung um 16% an.

Ebenfalls zu den Traditionskonzernen in der Biotech-Branche zählt Biogen. Das Unternehmen hat allerdings schwere Jahre hinter sich. Einst dominierte der Konzern den Markt für MS-Medikamente, setzte dann aber mit einem Alzheimer-Medikament alles auf eine Karte. Dieses floppte und der Ruf Biogens war angekratzt. 2023 wendete sich dann das Blatt: Unter einem frischen CEO richtete Biogen sein Portfolio neu aus, entwickelte in einer Kooperation mit dem japanischen Partner Eisai den Antikörper Lecanemab, ebenfall gegen Alzheimer, und erzielte damit nachweisliche Erfolge. Dem ersten zugelassenen Alzheimermedikament werden Milliardenumsätze zugetraut. Biogen kauft auch munter zu. So wurde vor wenigen Wochen die Übernahme von Alcyone Therapeutics abgeschlossen. Dadurch sichert sich Biogen sämtliche Rechte an dem implantierbaren medizinischen System ThecaFlex DRx. Nach einer erwarteten Gewinnstagnation in diesem Jahr soll die Kurve 2026 wieder nach oben zeigen. Ähnlich wie bei Amgen erwartet der Konzern auch bei Biogen ein Ergebnisplus von 17%.

Wunderwaffe mRNA

Neue Technologien wie zum Beispiel mRNA sowie ein wachsender Innovationsdruck treiben die Biotechs ebenfalls an. Hier liefern sich gerade die beiden Covid-19-Spezialisten BioNTech und Moderna ein spannendes Rennen. Beide haben sich zum Ziel gesetzt, ihre nun inzwischen erfolgreich erprobte mRNA-Technologie im Kampf gegen den Krebs einzusetzen. Mit personalisierten Impfstoffen soll das Immunsystem des Patienten gezielt scharf gegen Tumore gemacht werden. Sowohl die Deutschen als auch der US-Konzern führen gerade klinische Studien durch und planen noch vor 2030 Anträge auf Zulassung einzureichen. Moderna verzeichnete zuletzt mit seinen mRNA-Immuntherapien positive Daten bei Haut- und Lungenkrebspatienten. BioNTech macht ebenfalls im Bereich Hautkrebs und darüber hinaus bei Kopf-Hals-Krebs Fortschritte. Zudem ist BioNTech eine aussichtsreiche Partnerschaft mit dem britischen Gesundheitsdienst NHS eingegangen, um klinische Studien im grossen Stil zu beschleunigen. An der Börse ist von Dynamik derzeit allerdings nichts zu sehen, die Aktien von BioNTech und Moderna befinden sich im Konsoliderungsmodus.

Neue Medikamente

Ionis Pharmaceuticals, Pionier im Bereich der RNA-Therapien, konnte zuletzt in zwei Phase-
III-Studien beweisen, dass sein Wirkstoff Blutfette signifikant senken kann. Die Firma plant, bis Ende des Jahres nun die Zulassung für das entsprechende Medikament mit dem Namen Olezarsen in den USA zu beantragen. Apropos RNA, Biogen und Novartis investieren gerade Milliarden in diesem Bereich. Dazu haben die Basler soeben angekündigt, Avidity für USD 12 Milliarden zu übernehmen. Das RNA-Unternehmen bringt eine Pipeline neuromuskulärer Therapien mit. Die Übernahme soll im ersten Halbjahr 2026 abgeschlossen werden. Biogen setzt mit einer Vereinbarung mit Vanqua Bio auf Entzündungsforschung und Immuntherapie. Der Deal hat ein Volumen von bis zu USD 1.1 Milliarden und soll Biogens Immunologie-Pipeline stärken. Für den präklinischen C5aR1-Antagonisten, der Entzündungsreaktionen über neutrophile Zellen hemmt, ist die geplante IND-Einreichung für 2027 vorgesehen.

Einen spektakulären Zulassungserfolg feierte jüngst Gilead Sciences. Mitte des Jahres hatte die FDA  der neuartigen HIV-Präventionstherapie Lenacapavir grünes Licht erteilt. Die Injektion, die unter dem Handelsnamen Yeztugo vermarktet wird, besitzt Experten zufolge, Gamechanger-Potenzial, denn das Mittel hat das Potenzial, HIV nachhaltig Einhalt zu gebieten. Laut Gilead-CEO Daniel O’Day könnte Lenacapavir «die HIV-Epidemie ein für alle Mal beenden». Börsianer verteilen schon mal Vorschusslorbeeren und haben die Aktie auf Rekordhöhen katapultiert. Auf Gipfeljagd ist ebenso Argenx. Auch die Belgier feierten zuletzt Erfolge, insbesondere mit ihrem Antikörper Efgartigimod (Vyvgart). Nachdem dieser 2023 bei einer seltenen Nervenkrankheit eine durchschlagende Wirkung zeigte, wurde im vergangenen Jahr in den USA die Zulassung erteilt. In der EU bekam die subkutane Injektion im Juni 2025 grünes Licht. Allein in diesem Jahr legte der Titel um rund ein Drittel zu. Inzwischen ist das Unternehmen knapp EUR 50 Milliarden wert und zog im September als erster Biotech-Titel seit 2002 in den europäischen Leitindex EURO STOXX 50 ein. Dies zeigt, dass Argenx mit seinem Fokus auf seltene Autoimmunleiden zur Speerspitze der europäischen Biotech-Szene aufgestiegen ist.

Die Erfolgstory von Argenx sollte noch längst nicht zu Ende sein. Auch wenn der Grossteil der Erlöse noch auf Vyvgart entfällt, laufen derzeit bei zahlreichen weiteren Indikationen Studien. Einige Resultate werden bereits in der ersten Hälfte 2026 erwartet. Damit bereitet sich Argenx nach eigenen Angaben auf weitere Markzulassungen vor. Bis zum Ende des Jahrzehnts möchten die Belgier Zulassungen für zehn Anwendungsbereiche ergattern und dann insgesamt 50’000 Patienten mit ihren Mitteln behandeln. 

Die Schweiz spielt mit

Auch die Schweiz verfügt über eine lebendige Biotech-Szene. Das Alpenland ist nicht nur die Heimat der Pharmariesen Novartis und Roche, sondern beherbergt auch zahlreiche kleine, innovative Gesundheitsschmieden. Allein 2024 erzielte die heimische Biotech-Branche einen Umsatz von rund CHF 7.2 Milliarden und zeigte sich damit in einem schwierigen Umfeld nahezu stabil gegenüber dem Rekordniveau aus dem Vorjahr. Abseits der Pharma-Multis hat sich beispielsweise Molecular Partners einen Namen gemacht. Mit künstlichen Proteinmodulen möchte dieser Tumorzellen den Kampf ansagen. Auch wenn das Unternehmen noch keine eigenen Produkte auf dem Markt hat, machen die einzigartige DARPin-Plattform sowie Partnerschaften mit Novartis und Amgen Moleculars Partner zu einem spannenden Technologieträger. Da die Firma noch tief in der Verlustzone, ohne schnelle Aussicht auf Besserung, operiert, ist man an der Börse derzeit eher vorsichtig.

Auch gegenüber Idorsia war die Stimmung am Kapitalmarkt nach dem Ende der Corona-Pandemie angekratzt. Allerdings hat sich diese Mitte des Jahres wieder deutlich aufgehellt. Bei dem Unternehmen handelt es sich um ein Spin-off von Actelion, das mit Quviviq, einem Schlafmittel gegen Insomnie, bereits ein Mittel auf dem Markt hat. In diesem Jahr möchte das Unternehmen damit rund CHF 130 Millionen umsetzen. Seit kurzem hat Idorsia mit Pivlaz zur Behandlung von Hirngefässkrämpfen zwar noch ein zweites Mittel am Markt, die bisherigen Umsätze fallen jedoch noch verhalten aus. Mit einer jüngsten Finanzierungsrunde hat das Unternehmen allerdings nun für die nötige Stabilität gesorgt, um die Produktpipeline weiter voranzutreiben. 

Newron Pharamceutical ist zwar kein Schweizer Unternehmen, der Hauptsitz befindet sich in Italien, die Gesellschaft wählte aber beim Börsengang vor knapp 20 Jahren SIX. Die Firma fokussiert sich auf das zentrale Nervensystem und brachte 2015 ein Parkinson-Medikament auf den Markt. Derzeit setzt Newron grosse Hoffnungen auf Evenamide, einem neuartigen Zusatzwirkstoff für behandlungsresistente Schizophrenie. Geht es um Behandlungsresistenz, taucht auch der Name BioVersys auf. Das Unternehmen, das Anfang dieses Jahres den Gang an die Börse wagte, entwickelt neuartige Wirkstoffe gegen multiresistente Bakterien, darunter Tuberkulose-Erreger und Krankenhauskeime. Sollten die Basler Erfolg haben, winkt nicht nur ein wirtschaftlicher Ertrag, auch gesundheitspolitisch wäre das ein enormer Erfolg, da Mittel gegen resistente Keime weltweit dringend benötigt werden. An der Börse muss BioVersys allerdings noch Vertrauen aufbauen: Die Aktie notiert deutlich unter Emissionspreis. Anders ist die Lage bei Newrond: Der der Titel konnte sich alleine in diesem Jahr knapp verdoppeln.

Angesichts der Renaissance der Biotechnologie fragen sich viele Anleger, welche Perspektiven der Sektor bietet. Dabei geben sich die Chancen und Risiken die Hand. Zunächst die Chancen: Schätzungen zufolge könnte der Biotech-Markt bis 2030 ein Volumen von knapp USD 4 Billionen erreichen. Die Treiber dafür sind eindeutig: Der demografische Wandel wie auch medizinische Fortschritte sorgen für einen langfristigen Bedarf an neuen Therapien. Unternehmen, denen ein medizinischer Durchbruch gelingt, winken dabei überdimensionale Gewinne. Hinzu kommt noch die Übernahmefantasie. 

Die positiven Aussichten sind aber untrennbar mit erheblichen Risiken verbunden. Scheitert ein Medikament, kann es zu drastischen Kursverlusten kommen. Auch externe Faktoren wie eine Änderung der Gesundheits- und Preispolitik können Geschäftsmodelle torpedieren. Für Anleger heisst das: Sorgfältig auswählen, Nerven bewahren, realistisch bleiben und gerne auch das Klumpenrisiko reduzieren. Breit diversifiziert lässt sich beispielsweise mit der heimischen Beteiligungsgesellschaft BB Biotech auf die Branche setzten. Das Unternehmen legt den Fokus auf Firmen, die sich auf die Entwicklung und Vermarktung neuartiger Medikamente mit einem eindeutigen Mehrwert für das Gesundheitssystem konzentrieren. Insbesondere profitable Gesellschaften mit starken Pipelines aus dem Small- und MidCap-Bereich haben es BB Biotech angetan. Neben einer attraktiven Dividendenrendite spricht für die Aktie auch die günstige Bewertung. Aktuell notiert der Titel mehr als ein Zehntel unter seinem NAV. 

Doch gibt es neben BB Biotech auch noch eine Menge anderer Investmentmöglichkeiten in der Branche. In der nachfolgenden Tabelle haben wir eine Vielzahl an Produkten zusammengeführt, die sich dafür eignen, je nach persönlicher Risikotoleranz, eine Anlage in den Sektor einzugehen.

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