Focus
Weltraumwirtschaft: Der Countdown läuft
-
Wolfgang Hagl
Redaktor
Der Börsengang von SpaceX elektrisiert die Wall Street. Mit dem IPO des Raketen-, Satelliten- und KI-Konzerns rückt die gesamte Weltraumwirtschaft in den Fokus. Der ungebremste Drang des Menschen in die Weiten des Universums beschert diesem Sektor starke Wachstumsaussichten. Allerdings mahnt die Bewertung – nicht zuletzt von SpaceX – zur Vorsicht. Wir nehmen den Neuling samt seiner Konkurrenz unter die Lupe und stellen diversifizierte Anlagelösungen vor.
Am 20. Mai 2026 hat SpaceX den Emissionsprospekt veröffentlicht. Mit diesem Schritt läutete das Weltraumunternehmen von US-Milliardär Elon Musik die heisse Phase für das Initial Public Offering (IPO) ein. Das knapp 400 Seiten starke Dokument ist nicht nur für Analysten und Investoren interessant. Mitunter liesst sich der Prospekt wie ein Science-Fiction-Roman. «Wir wollen nicht, dass die Menschheit das gleiche Schicksal erleidet wie die Dinosaurier», schreibt Musk beispielsweise in Bezug auf seinen ausgeprägten Drang, die Weiten des Universums zu erkunden. Neben der Besiedelung von Mond und Mars, sowie der Energiegewinnung ebendort, skizziert der reichste Mensch der Welt den Rohstoffabbau auf Asteroiden, Fabriken und Rechenzentren im Weltraum, ultraschnelle Reisen zwischen Grossstädten sowie den Space-Tourismus als Zukunftsvisionen.
«Wir glauben, dass wir den grössten potenziellen Gesamtmarkt in der Geschichte der Menschheit identifiziert haben», steht passend dazu auf Seite 11 des «FORM S-1»-Dokuments zu lesen. Der Grossteil dieses USD 28.5 Billionen grossen Kuchens geht allerdings nicht direkt auf das derzeitige Kerngeschäft von SpaceX zurück. Vielmehr ordnet Musk den «total addressable market», kurz TAM, zu mehr als drei Vierteln dem Bereich Künstliche Intelligenz zu (siehe Grafik 1). In diesem Segment ist das Unternehmen erst seit wenigen Monaten präsent. Im Februar hatte Musk sein KI-Startup xAI mit SpaceX verschmolzen.

IPO der Superlative
Im Vergleich zu diesen Visionen ist SpaceX in der Realität noch klein. 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von USD 18.7 Milliarden. Wegen der hohen Investitionen bei xAI fiel unterm Strich ein Verlust von knapp USD 5 Milliarden an. Gleichwohl steht der Branchenriese vor einem IPO der Superlative. Wenn SpaceX am 12. Juni 2026 an der Nasdaq debütiert, könnte der Weltraumkonzern mit einer Kapitalisierung von USD 1,75 Billionen auf Anhieb zu den zehn grössten Börsenunternehmen der Welt zählen – und die Vormachtstellung von Elon Musk als Mensch mit dem dicksten Vermögen zementieren.
Gleichzeitig rückt die voraussichtlich USD 75 Milliarden schwere Emission die Space Economy als Ganzes noch mehr in den Fokus der Anleger. Das von Musk 2002 geründete Unternehmen war massgeblich am Vormarsch dieses speziellen Wirtschafszweiges beteiligt. Nicht zuletzt die zum Teil wiederverwertbare Trägerrakete «Falcon» sorgte dafür, dass es immer günstiger wurde, Material in den Orbit zu befördern. Gleichzeitig hat SpaceX mit Starlink den grössten Anbieter von weltraumbasiertem Breitbandinternet aufgebaut: 9’600 Satelliten versorgen annähernd 10,3 Millionen Nutzer in 164 Ländern mit High Speed-Verbindungen.
Auf Kurs zur Schallmauer
Feste Bande gibt es auch zwischen SpaceX und den staatlichen Weltraumagenturen. Sowohl die NASA in den USA, als auch die European Space Agency (ESA) nutzen die Raketen des US-Branchenriesen. Generell spielt die öffentliche Hand in der Weltraumwirtschaft eine wichtige Rolle. Laut Zahlen der Space Foundation steuerten die staatlichen Budgets 2024 mehr als ein Fünftel zur gesamten Space Economy bei (siehe Grafik 2).

Zusammen mit den kommerziellen Akteuren brachte es dieser Markt auf ein Gesamtvolumen von USD 613 Milliarden. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete das ein Wachstum von 7,8%. Die Space Foundation zeichnet ein positives Zukunftsbild. «Die globale Weltraumwirtschaft könnte bereits 2032 die Marke von einer Billion US-Dollar überschreiten, angetrieben unter anderem durch den boomenden kommerziellen Markt, der die Fortschritte bei Kommunikations- und Erdbeobachtungssatelliten rasch zu Geld macht», erklärt die Branchenorganisation (siehe Grafik 3).

Vor diesem Hintergrund überrascht der «Run» auf die Aktien von SpaceX nicht. Gleichwohl gibt es bei dem Mega-IPO auch eine Kehrseite, in Form der extrem hohen Bewertung. Beispielsweise liegt die skizzierte Kapitalisierung bei annähernd dem Hundertfachen der zuletzt erzielten Umsätze. Das Unternehmen muss erst noch beweisen, dass es die eigenen Ambitionen erfüllen kann. Rückschläge sind jederzeit möglich, wie das Starship zeigt. Seit Jahren geht die Entwicklung dieser vollständig wiederverwendbaren Schwerlastrakete samt Raumkapsel nur schleppend voran. Ende Mai konnten die Ingenieure am SpaceX-Weltraumbahnhof Starbase nahe Brownsville/Texas jubeln: Ein unbemannter Testflug der umfangreich überarbeiteten V3-Version des Starships verlief erfolgreich.
Systematische Suche
So verlockend das Debüt von SpaceX auch sein mag: Für Anleger könnte es sinnvoll sein, eine diversifizierte Positionierung in der Weltraumwirtschaft einzugehen. Gut, dass es eine Reihe von Indexlösungen für diesen Sektor gibt. Seit ziemlich genau fünf Jahren berechnet Solactive den Space Technology Index. Hier kommen 20 Spezialisten für Raumfahrttechnologie zusammen. Zum Auswahluniversum zählen Aktien aus Europa, Australien, Japan und Nordamerika. Nach einer quantitativen Vorselektion macht sich der Indexprovider mit Hilfe eines Sprachalgorithmus systematisch auf die Suche nach Unternehmen mit einer bedeutenden Aktivität in der Space Economy.
Zu den Schwergewichten im Solactive Space Technology Index zählt Firefly Aerospace: 2017 gegründet, deckt das US-Unternehmen ein breites Spektrum an Weltraum-Dienstleistungen ab. Beispielsweise schickte Firefly Anfang 2025 die Landefähre «Blue Ghost» im Auftrag der NASA erfolgreich zum Mond. Die zweite Mission dieser Art ist in Planung. Neben der US-Weltraumbehörde zählt das Pentagon zu den Kunden der Texaner. Firefly arbeitet am Aufbau von «Golden Dome», mit dem weltraumbasierten Raketenabwehrschirm der USA. Zwar wächst das junge Unternehmen stark, im 1. Quartal 2026 gingen die Umsätze um 45% nach oben. Dennoch schreibt Firefly tiefrote Zahlen.
Enorme Schubkraft
Gleiches gilt für Rocket Lab, ein weiteres Schwergewicht im Solactive Space Technology Index. Das ebenfalls in den Staaten beheimatete Unternehmen schickt von der neuseeländische Halbinsel Mahia und einem Startplatz auf Wallops Island, im US-Bundesstaat Virginia, die «Electron» in den Orbit. Diese Trägerrakete befördert bis zu 300 kg schwere Ladungen in niedrige Erdumlaufbahnen. Das Auftragsbuch ist prall gefüllt. Per Ende März 2026 lag der Orderbestand mit USD 2,2 Milliarden um gut ein Fünftel über dem Niveau des Vorjahres. Viel Schubkraft zeigt Rocket Lab auch an der Börse. Allein seit dem Jahreswechsel dehnte sich die Kapitalisierung um knapp 60% aus. Damit hat der Nasdaq-Titel zum starken Abschneiden des Solactive Space Technology Index beigetragen (siehe Grafik 4).

Rocket Lab und Firefly zählen auch zu den grössten Positionen im MarketVector Global Space Industry Screened Index. Die Initiatoren dieser 2021 gestarteten Benchmark schreiben sich auf die Fahnen, die grössten und liquidesten Vertreter der globalen Weltraumwirtschaft zusammenzubringen. In Frage kommen nur Unternehmen, die einen Grossteil ihrer Umsätze mit der Erkundung des Alls, Raketen und Antriebssystemen, Satellitenausrüstung und Kommunikationslösungen im Bereich der Satellitenausrüstung erwirtschaften. US-Unternehmen steuern knapp zwei Drittel zu diesem insgesamt 25 Aktien umfassenden Index bei. Damit fällt die Dominanz der Staaten nicht ganz so stark aus, wie beim Solactive-Gradmesser, bei dem als drei Viertel der Gewichtung auf US-Titel zurückgehen.
Schwerpunkt Europa
Eine Art Gegenentwurf stellt der Euronext Helios Space Index dar. Hier spielen in den Staaten beheimatete Unternehmen nur eine untergeordnete Rolle. Ihre Gewichtung beträgt weniger als 8%. Hintergrund ist der Ansatz, Unternehmen zu berücksichtigen, die von der europäischen Weltraumpolitik profitieren. Bei der Auswahl greift die Börsenbetreiberin Euronext auf die Expertise der ESA zurück. Erst nach dem «Go» der Agentur kann eine Aktie aufgenommen werden. Das Spektrum des Index reicht von der Entwicklung und dem Bau von Raumfahrtsystemen über Trägerraketen und Bodenstationen bis zu Satellitenbetreibern sowie Dienstleistern für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung. Durch die skizzierte Methodik ist der Euronext Helios Space Index mit weniger «Pure Plays», dafür aber mit breit diversifizierten Technologie- und Industriekonzernen bestückt. Natürlich darf der Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus nicht fehlen.
Fokus auf Qualität
Unter dem Motto «Space Race» widmet sich die ZKB der Weltraumwirtschaft. Die Zürcher Kantonalbank hat einen aktiv verwalteten Aktienbasket aufgelegt. Für die Zusammensetzung ist das hauseigene Asset Management verantwortlich. Die Experten durchforsten den Raumfahrtsektor nach fundamentalen Kriterien und achten dabei besonders auf Qualitätsmerkmale, wie beispielsweise die Generierung von freiem Cashflow. Alphabetisch betrachtet wird die Startaufstellung des Baskets von Amazon.com angeführt. Der CEO des E-Commerce-Giganten, Jeff Bezos, hat ein Faible für das Weltall. Er ist der Gründer des Space-Unternehmens Blue Origin und dabei, Starlink zu attackieren. Für «Amazon Leo» sollen rund 3’200 Kleinsatelliten in eine niedrige Erdumlaufbahn befördert werden, um Sprach- und Datenverbindungen zu ermöglichen. Knapp 250 künstliche Erdtrabanten sind bereits in Betrieb. Mit der laufenden Übernahme des Satellitenunternehmens Globalstar unterstreicht Amazon die Space-Ambitionen. Das Ziel der knapp USD 12 Milliarden schweren Offerte ist ebenfalls im ZKB Basket enthalten. Ein aktueller Vorfall bei Blue Origin zeigt die Risiken in diesem Geschäft: Bei einer Triebwerkszündung am Boden ist die «New Glenn»-Rakete des Unternehmens explodiert. Dabei wurde die Startrampe am Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida schwer beschädigt.
Anlagelösungen
Mit dem Tracker-Zertifikat ORBITZ macht die Kantonalbank ihre Aktienauswahl in USD investierbar. Allerdings ist das «Space Race» zeitlich begrenzt, die Laufzeit endet nach zwei Jahren. Unter dem Symbol SPACEZ steht der Basket auch in der Produktwährung CHF zur Verfügung. Ohne Laufzeitbegrenzung können sich Anleger die vorgestellten Aktienindizes ins Portfolio holen. Die UBS handelt das Tracker-Zertifikat SPACEU auf den Euronext Helios Space Index und ruft hierfür eine Verwaltungsgebühr von 0,50% p.a. auf. Einen Obolus von 1,20% p.a. veranschlagt die Bank Vontobel für das Partizipationsprodukt ZSSTUV auf den Solactive Space Technology Index. Im ETF-Segment der Schweizer Börse ist der MarketVector Global Space Industry Screened Index anzutreffen. VanEck bildet diese Benchmark gegen eine jährliche Gebühr von 0,55% ab. Der passive Fonds mit dem Symbol JEDI bringt es auf ein verwaltetes Vermögen von rund USD 2,5 Milliarden.
