Focus
Zickzack im KI-Zeitalter: Angst vor Disruption schaukelt Kurse auf
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Wolfgang Hagl
Redaktor
An den Börsen bewegten sich die Aktienkurse im Februar in einem Zickzackkurs, als hätte jemand die Kurvenlineale gegen ein EKG getauscht. Mal flackert Hoffnung auf, weil ein neuer KI-Deal verkündet wird, mal kippt die Stimmung, weil dieselbe Nachricht wie eine Drohung klingt: Was, wenn Künstliche Intelligenz nicht nur Effizienz bringt, sondern Geschäftsmodelle frisst? Diese neue Nervosität ist nicht bloss ein kurzfristiger Stimmungswechsel, sondern hat sich in handfesten Bewegungen niedergeschlagen. In den USA wurde der breite Software-Komplex in kurzer Zeit zum Epizentrum einer Korrektur: Der S&P‑Software‑Index verlor innerhalb weniger Handelstage rund USD 1 Billion an Marktkapitalisierung, die Finanzszene taufte den Ausverkauf «software‑mageddon».

KI-Anwendungen als Gewinnvernichter
Ins Rollen gebracht hat die Bewegung ein Tool aus dem Umfeld von Anthropic, basierend auf dem Sprachmodell Claude, das in juristischen Arbeitsabläufen Aufgaben automatisieren kann. Genau dort liegen bislang Margen, Datenvorsprünge und Preissetzungsmacht vieler etablierter Softwareanbieter. Aus Börsensicht war das jener Punkt, an dem KI vom Wachstumsthema zur Kannibalisierungsfrage transformierte. Wenn ein Modell, eingebettet in Plug‑ins, Agenten oder spezialisierte Anwendungen in Sekunden Recherche, Auswertung, Standardtexte oder Programmier-Routine in Sekunden erledigt, wird aus dem bisherigen Software‑Abo schnell ein austauschbares Feature. Genau diese Angst, dass sich Wertschöpfung von proprietären Datenbanken und SaaS‑Oberflächen weg in KI‑Layer verlagert, steht hinter dem abrupten Meinungswechsel der Märkte. «Die Bewertung des Softwaresektors ist dadurch so schnell und stark wie selten eingebrochen», konstatiert DWS-CIO Vincenzo Vedda. Und während die Software‑Seite unter Druck geriet, blieb die andere KI‑Wette auf Rechenzentren, Chips und Infrastruktur nicht immun: Investoren begannen sich zu fragen, ob die gigantischen Investitionen sich tatsächlich rentieren.
Ansteckungsgefahr
Was als Tech‑Korrektur begann, blieb nicht in der Cloud. Auch in anderen Sektoren wie beispielsweise der Logistik zeigte sich binnen Tagen, wie schnell die KI‑Furcht zum branchenübergreifenden Reflex wird. Ausgelöst wurde die Korrektur in diesem Bereich durch die Ankündigung einer neuen KI‑gestützten Fracht‑Plattform des Kleinstanbieters Algorhythm Holdings, der mit drastischen Effizienzgewinnen warb. Anleger übersetzten das in ein Worst‑Case‑Szenario: Preis- und Margendruck für etablierte Vermittler.
Noch schneller als Gütertransporte reagierte jedoch die Finanzwelt – und das aus einem einfachen Grund: Versicherung, Broker‑Plattformen, Vergleichsportale und Teile des Bankings sind selbst Software‑Geschäfte, nur eben mit regulatorischer Hülle. Hintergrund ist hier eine Plattform namens Insurify, ein KI‑gestütztes Vergleichstool auf Basis von ChatGPT. Künstliche Intelligenz kann Transaktions- und Beratungskosten senken, die Personalisierung erhöhen und alternative Angebote eröffnen. «Seit Jahresanfang wurde ein Sektor nach dem anderen an der Börse abgestraft, der unter dem Verdacht stand, ein von KI vermeintlich leicht angreifbares Geschäftsmodell zu haben», fasst Experte Vedda treffend zusammen.
Volatilitätsverstärker
Als wäre die KI‑Unruhe nicht genug, schiebt sich noch ein zweiter Volatilitätstreiber in die aktuelle Zeit: die Geo- und Handelspolitik. Im Nahen Osten hat sich der Iran/USA‑Konflikt in den vergangenen Wochen erneut zugespitzt. Stockende Diplomatie und eine massive militärische Aufrüstung befeuern die Erwartung eines möglichen Showdowns. Solche Spannungen bleiben selten auf Nachrichtenkanäle beschränkt, sie drücken sich in Preisen aus, in diesem Fall in deutlich steigenden Ölnotierungen. Ein Signal, das wiederum Inflations- und Zinsspekulationen an den Märkten füttert und Aktien belastet.
Hinzu kommt ein neues US‑Zoll‑Chaos, nachdem der Oberste Gerichtshof der USA zentrale Teile eines umfassenden Zollpakets, das auf einem Notstandsgesetz beruhte, kassierte. Die Folge war ein zeitlich befristeter globaler Zollsatz unter Section 122, der binnen Stunden von zehn auf 15% hochkommuniziert wurde. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen kalkulieren heute mögliche Rückerstattungen und müssen morgen schon wieder neue Sätze einpreisen. Wie gross das Rückabwicklungsthema werden kann, zeigt eine Reuters‑Schätzung: Mehr als USD 175 Milliarden an eingenommenen Zöllen könnte es betreffen.
Qualitätsaktien und Dividenden als Strategie
Wenn das Börsenbarometer nicht mehr die klassischen Faktoren «Wachstum» oder «Rezession» anzeigt, sondern «Unsicherheit», wird es für Anleger auch Zeit, ihre Entscheidungen an den Märkten anzupassen. Auch wenn es vielleicht langweilig klingt, Qualitätsunternehmen könnten in diesen Zeiten ihre Vorteile ausspielen. Unternehmen mit robuster Bilanz, hoher Preissetzungsmacht, wiederkehrenden Erlösen und nachhaltigem Geschäftsmodell stehen wieder ganz oben auf der Agenda. Auch die Dividenden spielen in diesen Phasen wieder eine übergeordnete Rolle. Damit setzen Anleger weniger auf Timing als auf Zahlungsströme. Allianz Global Investors nennt die Dividende passend dazu ein «zweites Einkommen» – ein schöner Gedanke, der gerade dann tröstlich wirkt, wenn Kurse nervös pendeln. In einer aktuellen Studie kommen die Experten zu dem Ergebnis, dass Firmen zu einer auffallend stetigen, eher auf Erhöhungen als auf Kürzungen ausgerichteten Dividendenpolitik neigen. Mit anderen Worten: «Dividendenpolitik der ruhigen Hand». Genau diese Trägheit, die in Boomzeiten langweilig wirkt, kann in Korrekturen als Stossdämpfer dienen.

Hinzu kommt, dass Dividendenportfolios in den Berechnungen von AllianzGI im historischen Vergleich weniger schwankungsanfällig sind. Und die Summen, die zu erwarten sind, sind enorm. Schätzungen zufolge werden allein die STOXX Europe 600 Unternehmen in diesem Jahr EUR 454 Milliarden ausschütten, das sind 4% mehr als im Vorjahr. Auch weltweit zeigt die Kurve nach oben: Nach Berechnungen der Capital Group sind die globalen Dividenden zuletzt auf einen neuen Rekordwert von USD 2.09 Billionen gestiegen und dürften auch 2026 weiter zulegen. Die Gewinnbeteiligungen spielen zudem eine wichtige Rolle bei der Gesamtrendite einer Aktienanlage. Über den Zeitraum der letzten 40 Jahre wurde die annualisierte Gesamtrendite für den MSCI Europe zu knapp 39% durch den Performance-Beitrag der Dividenden getragen.
Sind das schon Kaufkurse?
Neben alternativen Anlageansätzen stellt sich bei jeder Korrektur auch die Frage: Ist das bereits der Boden – oder nur eine Zwischenstation? Bei arg gebeutelten Titeln wie SAP, Oracle oder auch Adobe lässt sich die Versuchung gut erklären. Die Notierungen des Trios liegen allesamt mehr als 40% unter ihren Jahreshochs. Einige Experten wie Benjamin Melman sehen bereits Kaufkurse. Der Chefanleger beim Vermögensverwalter Edmond de Rothschild bezeichnet den Verfall als überzogen: «Wenn KI die Entwicklung effizienter und günstiger macht, könnte die Nachfrage nach Software eher steigen als schrumpfen.»
Doch ein niedrigerer Kurs ist nur dann ein Kaufkurs, wenn die Stimmung wieder dreht. Diese hängt davon ab, wie schnell sich KI in messbare Produktivität und Preissetzungsmacht übersetzen lässt; und wann klar ist, welche Bereiche kannibalisiert und welche wachsen werden. Um diese Erkenntnisse zu bekommen, wird es eine Weile dauern. Kurzfristig aber könnte die Härte des Pullbacks so oder so Chancen für Rebounds eröffnen. Genau an dieser Stelle kommen Hebelpapiere ins Spiel. Wer risikobereit ist, kann über gehebelte Produkte auf einen Rebound bei stark abgestraften Titeln wie SAP, Oracle oder Alphabet setzen. Dabei kann der Hebel aus kleinen Kursbewegungen grosse Gewinne machen. Doch Vorsicht sei geboten: Der Hebel wirkt auch in die andere Richtung und kann damit auch grosse Verluste bescheren. In einem Zickzackmarkt ist der Hebel nicht nur Turbolader, sondern kann auch zum Schleudersitz werden.
Aussichtsreiche Alternativinvestments
Es geht aber auch eine Spur gemütlicher, das Portfolio auf die aktuell schwankungsanfällige Zeit anzupassen. So können Anleger mit breit gefächerten Indizes gezielt in Qualitäts- und Dividendenaktien investieren. Ein Beispiel ist der UBS Global Quality Dividend Payers Index. In diesem Barometer befinden sich nicht nur rein dividendenstarke Aktien, die Mitglieder müssen auch hinsichtlich Qualität und Substanz überzeugen. Die internationalen Konzerne werden von UBS-Research nach quantitativen und qualitativen Kriterien ausgesucht. Dazu zählen zum Beispiel Merkmale wie eine gesunde Bilanzstruktur oder auch ein nachhaltiges Umsatz- und Gewinnwachstum. Darüber hinaus ist eine ausreichende Diversifikation hinsichtlich Länder und Branchen gegeben.

Eine weitere Möglichkeit die Qualitätskarte an der Börse zu ziehen bietet der MSCI World Quality Index. Der Gradmesser bildet die Wertentwicklung von Qualitätswachstumsaktien ab, die drei fundamentale Faktoren erfüllen müssen: hohe Eigenkapitalrendite (ROE), stabiles jährliches Gewinnwachstum und geringe Verschuldung. Mit Erfolg: In den vergangenen 14 Jahren konnte der MSCI World Quality Index seinen «grossen» Bruder MSCI World in neun Jahren schlagen. Weitere interessante Basiswerte mit entsprechenden Produkten finden Sie wie gewohnt in unserer Tabelle.
