Focus
Anleihen: Solides Fundament, glänzende Chancen
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Wolfgang Hagl
Redaktor
In der öffentlichen Wahrnehmung gehen Anleihen gegenüber Aktien häufig unter. Das gilt umso mehr, da die Festverzinslichen in punkto Performance nicht mit den seit Jahren haussierenden Dividendentiteln Schritt halten können. Ein Blick in diese wichtige und sehr grosse Anlageklasse lohnt dennoch. Sie hilft, das Portfolio zu diversifizieren, laufende Erträge zu erzielen und ist überdies für den Bau von Strukturierten Produkten unverzichtbar.
Zeitlich lässt sich die Entstehung der Redewendung «In der Kreide stehen» nicht genau einordnen. Doch sind sich Sprachforscher darin einig, dass dieser Ausspruch sehr alt ist. Er stammt aus einer Zeit, in der er es üblich war, dass Geschäftsinhaber und Gastwirte die Schulden ihrer Kunden mit Kreide auf einer Tafel festhielten. Am Ende des Monats wurde abgerechnet respektive kassiert. Heute ist das Anschreiben auf diese analoge Weise allenfalls in einigen wenigen Lokalen und dort nur für Stammgäste üblich. Der symbolischen Bedeutung und Bekanntheit des Bonmots tut das keinen Abbruch.
Die ganze Welt steht massiv «in der Kreide». Einen Beleg für diese These liefert der Blick auf die globalen Obligationenmärkte. 2024 waren festverzinsliche Wertpapiere in einem Volumen rund USD 145 Billionen in Umlauf. Über eine Dekade war dieser Markt damit im Schnitt pro Jahr um 5,7% gewachsen (siehe Grafik 1). Zwar führte die Börsenrallye dazu, dass die Aktienmärkte noch stärker expandierten. Doch blieb die Kapitalisierung der meist im Fokus stehenden Anlageklasse mit USD 126,7 Billionen auch im Jahr 2024 hinter dem globalen Anleihensegment zurück.

Einfaches Prinzip, …
Allein diese Diskrepanz zeigt die enorme Bedeutung der Festverzinslichen. Sie geben Staaten, Institutionen und Unternehmen die Möglichkeit, Kapital aufzunehmen. Die Schuldner verpflichten sich gegenüber dem Käufer oder Zeichner einer Anleihe, die auch als Obligation oder Bond bezeichnet wird, die zur Verfügung gestellte Summe, das Nominal (siehe Glossar), zu einem bestimmten Termin (Fälligkeit) vollständig zurückzuzahlen. Als Gegenleistung erhalten die Gläubiger regelmässige Zinszahlungen. Ihre Höhe wird über den Coupon der Anleihe festgelegt. Lange Zeit nutzten vor allem Staaten und Grosskonzerne diese Finanzierungsquelle. Ihnen standen Versicherungsgesellschaften, Pensionsfonds und Privatanleger als Kapitalgeber gegenüber.
… komplexe Evolution
In etwa ab den 1970er-Jahren entstand der moderne Anleihenmarkt. Das Angebot nahm stetig zu. «Die Anleger erkannten, dass sich mit dem Kauf und Verkauf von Obligationen auf dem Sekundärmarkt Geld verdienen liess», erklären die Experten des auf Rentenpapiere spezialisierten Assetmanagers Pimco. Geholfen habe dabei auch die Computertechnologie, sie machte es möglich, Anleihen und ihre Parameter schneller zu berechnen. Auf diese Weise erhielten immer mehr Schuldner Zugang zu diesem Markt. Gleichzeitig war es den Investoren möglich, Chance-Risiko-Profile zu optimieren. «Der heutige Anleihenmarkt besteht aus einem vielfältigen Spektrum von Emittenten und Anleihenarten», stellt Pimco fest.
USA: Steigende Schulden, schrumpfend Bonität
Was die Akteure auf der Schuldnerseite anbelangt, herrscht eine klare Hackordnung. Laut Zahlen der Securities Industry and Financial Markets Association (SIFMA) steuerten die USA 2024 gut 40% zu den globalen Bondmärkten bei. Auf den Plätzen folgen die EU, China und Japan. Laut dem US-Wirtschaftsverband waren in der Schweiz Staats- und Unternehmensobligation in einem Wert von rund USD 825 Milliarden ausstehend, woraus ein Weltmarktanteil von 0,6% resultierte (siehe Grafik 2). Ein zentraler Akteur des Anleihenmarktes ist das U.S. Department of the Treasury. Das am Lafayette Park in Washington D.C. ansässige Ministerium ist für die Mittelbeschaffung des Staates zuständig. Bekanntlich wächst der Schuldenberg der USA in einem rasanten Tempo. Anfang des Jahres kamen Verbindlichkeiten von mehr als USD 39 Billionen zusammen – innerhalb von 10 Jahren hatte sich die Staatsverschuldung damit mehr als verdoppelt (siehe Grafik 3).


Das Treasury konnte sich lange Zeit auf den Status der USA als wirtschaftliche Supermacht und zuverlässiger Schuldner verlassen. Doch hat dieses Image Kratzer bekommen. Vor ziemlich genau 15 Jahren entzog die Ratingagentur Standard & Poor’s den USA die Bestnote und stufte die Bonität von «AAA» auf «AA+» herab. Damals war Barack Obama Präsident. Im August 2023, während der Amtszeit von Präsident Joe Biden, zog Fitch nach. Als dritte und letzte der drei grossen Ratingagenturen hat Moody’s sein Urteil angepasst: Im Mai 2025, wenige Monate nach der Rückkehr von Donald Trump in das Weisse Haus, wurde die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten von «Aaa» auf «Aa1» gestutzt. Moody’s verwiess in der Begründung darauf, dass sich die Finanzlage der USA im Vergleich zur Vergangenheit und relativ zu anderen hochbewerteten Staaten voraussichtlich weiter verschlechtern werde.
Mehrere Einflussfaktoren
Die Bonität zählt zu den wichtigsten Treibern der Anleihepreise, welche sich prinzipiell invers zur Rendite entwickeln. Grund: In der klassischen Ausgestaltung wird eine Obligation zu 100% des Nominalbetrages ausgegeben. Der Coupon bezieht sich auf diesen, auch als Denomination bezeichneten Betrag. Sobald der Preis der Anleihe im Börsenhandel unter pari (100%) fällt, steigt die Rendite – gleiches gilt umgekehrt. Neben Veränderungen in der Kreditwürdigkeit nehmen Leitzinsen, Inflationserwartungen, Restlaufzeit respektive Duration sowie natürlich das Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage Einfluss auf die Kurse.
Wenngleich diese Gemengelage unterschiedliche Risiken nach sich zieht, so gelten Anleihen doch im Vergleich zu Aktien als defensiv. Neben fest planbaren Zinszahlungen erhalten Gläubiger ihren Kapitaleinsatz am Laufzeitende zurück. Sollte ein Schuldner ins Wanken geraten und nicht in der Lage sein, die Anleihe zu tilgen, bleibt das Insolvenzverfahren. Anleiheinhaber haben dann für gewöhnlich Zugriff auf die Assets und können zumindest auf eine teilweise Abgeltung hoffen. Derweil müssen sich Aktionäre nach einer Pleite hintenanstellen – sie gehen häufig leer aus. Für das Kapital der Anteilseigner gibt es weder eine Rückzahlungsgarantie noch den Anspruch auf Ausschüttungen. Was nichts daran ändert, dass die Dividenden eines Unternehmens häufig lukrative Ertragsquellen sind. Gerade in der jüngeren Vergangenheit hat sich der Mut bezahlt gemacht. Seit der globalen Finanzkrise 2008/2009 tendieren die Aktienkurse steil nach oben.
Im Bann der Geldpolitik
Ein Art Initialzündung für die langjährige Börsenrallye war der Mangel an Alternativen. Investoren haben verstärkt bei Aktien zugegriffen, als es im Fixed Income-Segment immer weniger zu holen gab. Wichtige Notenbanken haben sich mit regelrechten Geldschwemmen gegen diverse Krisen gestemmt und so den Zins mehr oder minder ausradiert. Beispiel Fed: Als sich das Corona-Virus im Frühjahr 2020 ausbreitete, setzte die US-Notenbank ihren Leitsatz – wie schon zwölf Jahre zuvor – auf null. Die Rendite des 10-jährigen Treasuries schrumpfte daraufhin auf 0,54% zusammen. Bekanntlich kamen im Zuge der Pandemie die globalen Lieferketten teils zum Erliegen, was wiederum einen massiven Inflationsschub verursachte. Die Fed steuert mit Zinserhöhung gegen und hievte so den Ertrag der Staatsanleihe wieder in Richtung 5% (siehe Grafik 4). Eigentlich schien der jüngste Kampf gegen die Teuerung gewonnen. In den USA und andernorts wurde die Geldpolitik 2025 wieder gelockert. Doch der Krieg im Iran führt sämtliche Projektionen ad absurdum. Mit den Energiepreisen ging die Inflation erneut nach oben. Am Anfang dieses Jahres hatten die Märkte fest damit gerechnet, dass die Fed die Zinsen im 2026 senkt. Doch jetzt könnte es im Herbst sogar zu einer Erhöhung kommen.

Schwäche mit Ausnahmen
Aufgrund der skizzierten Gegenläufigkeit von Rendite und Preis sind die Kurse am Anleihenmarkt tendenziell gefallen. Die eingenommenen Coupons reichten meist nicht aus, um diese Abschläge zu kompensieren. Ein Blick in die Performance-Statistik von Exchange Traded Funds aus dieser Anlageklasse spricht Bände. Auf Swiss Fund Data sind 319 Obligationen ETFs aufgelistet. Davon haben auf Sicht von fünf Jahren lediglich 17 ein positives Ergebnis erzielt. Über einen kürzeren Zeitraum von drei Jahren bescheinigt die Datenbank immerhin knapp jedem fünften passiven Fonds einen Gewinn.
Anlagelösungen
Beide Prämissen erfüllt der UBS Bloomberg MSCI Global Liquid Corporates Sustainable Bond Index CORPS. In diesem passiven Fonds kommen knapp 1’700 Unternehmensanleihen aus Nordamerika, dem Euroraum und Grossbritannien zusammen. Wichtigste Voraussetzung für eine Aufnahme ist ein Investment-Grade-Rating. Es muss sich also um einen Schuldner mit guter bis sehr guter Kreditwürdigkeit handeln. Ausserdem gibt die Methodik Liquiditätskriterien in Bezug auf den ausstehenden Betrag vor. Der Index wird monatlich neugewichtet, Zinseinnahmen gehen in das Fondsvermögen. Aktuell akkumuliert der relativ kleine Fonds per Verfall eine Rendite von 4.71%.
Auf Staatsanleihen ist der iShares Global Government Bond ETF IGLO ausgerichtet. In der Benchmark sind knapp 900, von Industrieländern ausgegebene, Schuldtitel enthalten. Die USA geben mit einer Gewichtung von mehr als der Hälfte den Ton an. Insofern ist der ETF stark an die Fed-Politik gekoppelt und profitiert bei den Ausschüttungen auch vom vergleichsweise hohen Zinsniveau im Dollarraum. Ende Juli lag die Rendite, welche per Ausschüttungen an die Fondsinhaber weitergegeben wird, bei 3,91%. Auf der Kursseite hat der auf die Corona-Pandemie folgende Zinserhöhungszyklus den ETF ausgebremst. Sämtliche Erholungsversuche sind bisher an den immer wieder aufkommenden Zinserhöhungsfantasien gescheitert. Interessant ist dieses Produkt daher für Anleger, die damit rechnen, dass die Inflation nachlässt und die Fed über kurz oder lang einen Lockerungskurs einschlägt.
Aktiver, globaler Ansatz
Während die passiven Strategien sich in einem relativ strengen Korsett bewegen, können aktive Ansätze jederzeit auf das Umfeld reagieren. Ein glückliches Händchen beweisen die Macher des AURELYS AKTING Unconstrained Bond Index. Diese Strategie setzt sich zum Ziel, «mittel- bis langfristig ein stetiges Kapitalwachstum und wiederkehrende Erträge zu erzielen und gleichzeitig die Volatilität so gering wie möglich zu halten». Dazu werden Unternehmens- und Staatsanleihen aus Industrie- und Schwellenländern eingesetzt. Seit gut zwei Jahren ist Aurelys SAM für den Index verantwortlich. Die Experten des in Monaco ansässigen Brokers gehen nach eigenen Worten opportunistisch vor. «Der Selektionsansatz konzentriert sich auf die Fundamentalanalyse mit selektiver Bonitätsbetrachtung», schreiben sie in einem Leitfaden.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: der AURELYS AKTING Unconstrained Bond Index bewegt sich in einem stabilen mehrjährigen Aufwärtstrend. Aktuell liegen 21 Obligationen im Portfolio. Zu den grössten Positioinen zählen Bonds der Deutschen Bank und der Bank Julius Bär. Vontobel bildet die Strategie mit dem Tracker-Zertifikat PSTRRV ab. Im Vergleich zu den ETFs fallen die Kosten hoch aus. Neben einer Indexgebühr von 1% p.a. wird – im Erfolgsfall – eine Performancefee von 15% einbehalten. Noch ein weiterer kleiner Makel: Das Produkt ist nicht börsenkotiert. Anleger können aber über Vontobel selbst und das Brokerage von Swissquote, Postfinance und Raiffeisen handeln.

In der Herzkammer
Die Anlageklasse Fixed Income spielt im Markt für Strukturierte Produkte eine zentrale Rolle. Anleihen sind hier ein fundamentaler Baustein, da es sich bei einem Zertifikat rechtlich um eine Inhaberschuldverschreibung handelt. In der Regel setzen die Emittentin Nullkuponanleihen ein, um das gewünschte Auszahlungsprofil zu strukturieren. In einem Umfeld mit relativ hohen Zinsen lassen sich vergleichsweise attraktive Payoffs zeigen. Dagegen wird es schwieriger, lukrative Produkte zu emittieren, sobald die Renditen im Keller sind. Wenig überraschend bespielen die Struki-Anbieter die Klaviatur der Festverzinslichen auch bei den Basiswerten. Es gibt eine Vielzahl an Tracker-Zertifikaten, die entsprechende Strategien umsetzen.
Einen Spagat zwischen den Anlageklassen macht der Barrier Reverse Convertible (BRC). Diese Struktur packt auf die Bond-Modalitäten das Risiko von Aktien oder anderen Werten. Auf diese Weise können Anleger relativ hohe Coupons erzielen. Das Nominal erhalten sie nur dann vollständig zurück, solange der Basiswert nicht auf oder unter die Barriere fällt. Insofern sollten Investoren von der Stabilität des Underlyings überzeugt sein, sobald sie auf dieser Basis die Couponjagd einläuten. Sobald das jeweilige Polster nicht reicht, ist die Anlage dem vollen Risiko des Basiswertes ausgesetzt.
Glossar
Anleihen
Instrument zur Aufnahme eines Kredits am Kapitalmarkt. Die auch als Bond oder Obligation bezeichneten Wertpapiere können in verschiedenen Währungen, Laufzeiten und Verzinsungen ausgegeben werden.
Bonität
Kreditwürdigkeit des Gläubigers, steht für die Qualität einer Anleihe in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit der Rückzahlung.
Coupon
Regelmässige Zinszahlung an den Anleihengläubiger.
Duration
Kapitalgewichtete Restlaufzeit einer Anleihe in Jahren. Neben der Rückzahlung am Laufzeitende werden die laufenden Couponzahlungen berücksichtig. Mit Hilfe dieser Kennzahl lässt sich der Einfluss von Zinsveränderungen auf den Wert einer Obligation messen.
Effektive Rendite
Auf das Jahr hochgerechnete Verzinsung einer Anleihe unter Berücksichtigung von Coupon, Anschaffungspreis und Rückzahlungshöhe.
Nominal
Auf einer Anleihe vermerkter Nennbetrag, Grundlage für die Verzinsung.
Nullcouponanleihe
Auch Zerobond genannte Anleihe ohne laufende Zinszahlung. Anleger erhalten nur die Rückzahlung am Laufzeitende. Ihre Rendite resultiert aus der Differenz zwischen dem Erwerbskurs und der Höhe der Tilgung.