Trading Desk
Geiselnahme am Roten Meer
-
Martin Raab
Investment-Stratege
Rund 40’000 Huthi-Kämpfer halten einen neuralgischen Punkt unserer Energieversorgung in Schach. Die Folge: stark gestiegene Öl- und Gaspreise. Eine militärische Antwort wäre möglich – doch bislang zeigt vor allem Italien Entschlossenheit.
Man reibt sich die Augen: Einige zehntausend Huthi-Kämpfer im bitterarmen Jemen schaffen es, die Weltwirtschaft unter Druck zu setzen. Mit Drohnen und Raketen bedrohen sie die für den Welthandel wichtige Meerenge Bab al-Mandab und attackieren zugleich die saudische East-West-Pipeline. Damit treffen die Huthi einen neuralgischen Punkt der globalen Energieversorgung – und die internationale Gemeinschaft findet bislang kaum eine wirksame Antwort.
Die Rechnung zahlen wie immer die Konsumenten. Die Öl- und Transportkosten sind sprunghaft gestiegen. Bei KMUs von Aarau bis Zermatt ist der Preisschock längst angekommen – ebenso im internationalen Geschäft: Fluggesellschaften kalkulieren neu, Chemiekonzerne kämpfen mit teureren Vorprodukten, und fast alles, was transportiert wird, verteuert sich. Auch die Notenbanken, die sich gerade erst an rückläufige Inflationsraten gewöhnt hatten, blicken wieder nervös auf die Energiepreise. Eine einfache militärische Lösung gibt es allerdings nicht. Saudi-Arabien steht dennoch unter wachsendem Handlungsdruck: Die Huthi bedrohen Schifffahrtswege und Ziele im Königreich, während zugleich die wichtige East-West-Pipeline nach einem Drohnenangriff zeitweise ausfiel. Riad sucht deshalb verstärkt Unterstützung bei seinen Partnern. Die entscheidende Frage ist, wie lange die internationale Gemeinschaft zusieht, wenn eine vergleichsweise kleine militärische Kraft einen neuralgischen Punkt des Welthandels derart unter Druck setzen kann.
Gelingt der Befreiungsschlag und verschwindet die geopolitische Risikoprämie, könnte der Ölpreis wieder deutlich Richtung USD 65 fallen. Put-Optionen oder Short-Mini-Futures auf Brent und WTI wären dann erste Wahl. Auch Aktien von Airlines und Kreuzfahrtgesellschaften dürften profitieren. Wer hingegen mit einer längeren Blockade rechnet, fährt mit ausgewählten Öl-Majors und Tanker-Reedereien besser, die von hohen Ölpreisen und Frachtraten profitieren. Bemerkenswert entschlossen zeigt sich Italien: Rom will nicht länger auf Brüssel warten und bereitet eine eigene Marinemission zum Schutz der Handelsschifffahrt im Roten Meer vor. Brava, Giorgia Meloni! Während andernorts noch abgewogen wird, fordert Italien mehr Kriegsschiffe und eine robustere Präsenz in der Region. Für Anleger ist das ein weiterer Fingerzeig: Verteidigungs- und Marinerüstungsaktien bleiben ein Thema. Abschreckung kommt leider nicht aus der Mode.