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payoff Focus

Gold am Scheideweg: Ist es an der Zeit, gegen den Mythos zu wetten?

10.10.2025 6 Min.
  • Serge Nussbaumer
    Chefredaktor

Gold glänzt – doch vielleicht nur noch zum Schein. Während Anleger weltweit im Rekordfieber sind und das Edelmetall als ultimativen sicheren Hafen feiern, warnen immer mehr Experten, dass die Rally ausgereizt ist und die Risiken überwiegen. Wer jetzt noch auf steigende Kurse setzt, könnte in eine Falle laufen. Mutige Investoren stellen hingegen die provokante Frage: Ist es an der Zeit, Gold zu shorten und somit vom möglichen Sturz des vermeintlich unerschütterlichen Wertspeichers zu profitieren?

Kaum ein anderes Asset polarisiert die Finanzwelt so sehr wie Gold. Die einen sehen in ihm einen «sicheren Hafen» in unsicheren Zeiten und das ultimative Absicherungsinstrument gegen Inflation und geopolitische Krisen. Die anderen betrachten Gold hingegen als unproduktiven Rohstoff, der weder Zinsen noch Dividenden abwirft und dessen Wert allein auf kollektiver Erwartung beruht. Gerade weil Gold über Jahrhunderte hinweg als Symbol für Stabilität und Vermögenssicherung galt, ist es umso überraschender, dass inzwischen zahlreiche Experten warnende Stimmen erheben. Denn nach der jüngsten Hausse und den Rekordständen am Goldmarkt mehren sich die Argumente, dass die Luft dünn geworden ist und Anleger den Edelmetallpreis nicht mehr nur als Absicherung sehen, sondern auf fallende Notierungen spekulieren könnten. «Short gehen bei Gold» – ein zunächst kontraintuitiv klingender Gedanke – gewinnt damit an Relevanz.

Das Momentum stirbt, die Euphorie kippt

Zweifellos war das Zusammenspiel aus geopolitischen Unsicherheiten, hoher Inflation und einer massiven Nachfrage seitens der Zentralbanken ein zentraler Treiber der jüngsten Kurssteigerungen. Doch genau dieses Zusammenspiel macht Gold auch anfällig für eine Kehrtwende. Viele Analysten weisen darauf hin, dass grosse Teile der positiven Nachrichtenlage bereits in den aktuellen Kursen berücksichtigt sind. Das Momentum, das Gold über Monate hinweg getragen hat, scheint nachzulassen. James Steele, Rohstoffstratege bei HSBC, spricht sogar von einem «ermüdeten Markt Zwar sei das fundamentale Umfeld nach wie vor von Unsicherheit geprägt, doch die Kraft der Rally sei weitgehend verpufft. Sein Haus erwartet mittelfristig einen Boden für Gold oberhalb der Tiefstände vergangener Jahre, kurzfristig sei jedoch eine deutliche Korrektur möglich.

Der tödliche Feind des Goldes

Das aktuelle Zinsumfeld wird von vielen Experten als besonders kritisch angesehen. Gold ist ein unproduktives Asset. Es generiert weder laufende Erträge noch Ausschüttungen. Sein einziger «Return» besteht in Kurssteigerungen. Solange die Realzinsen niedrig oder negativ sind, fällt dieser Nachteil kaum ins Gewicht. Doch seit den aggressiven Zinserhöhungen der US-Notenbank und anderer Zentralbanken hat sich das Bild verändert. Steigen die realen Renditen sicherer Anleihen, wie die von zehnjährigen US-Treasuries, verliert Gold im relativen Vergleich an Attraktivität. Anleger, die sich früher mangels Alternativen für Gold entschieden haben, finden im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere nun wieder ertragreiche Anlagemöglichkeiten. Dadurch wird die Argumentationskette geschwächt, die Gold als alternativlosen Inflationsschutz darstellt. Sollte die Fed ihre Zinssätze länger hoch halten als von den Märkten erwartet oder sollten die Realrenditen wieder steigen, könnte dies erheblichen Abwärtsdruck auf den Goldpreis ausüben.

Schmuckkäufer wenden sich ab, Zocker dominieren

Ein weiterer Aspekt ist die Nachfrage nach physischem Gold. Während Zentralbanken, insbesondere in Schwellenländern, zuletzt ihre Bestände massiv aufgestockt haben, zeigt sich am Konsumentenmarkt ein gegensätzliches Bild. In vielen asiatischen Ländern, die traditionell die wichtigsten Absatzmärkte für Schmuck und Barren sind, sind Rückgänge zu beobachten. Grund dafür ist das hohe Preisniveau, durch das potenzielle Käufer abgeschreckt werden. Wenn die physische Nachfrage nach-
lässt, wird das Preisniveau zunehmend von Finanzspekulationen getragen. Dadurch wird der Markt anfälliger für Volatilität und abrupte Korrekturen. Es entsteht ein fragiles Gleichgewicht: Sobald die Stimmung kippt und grössere Investoren beginnen, Gewinne mitzunehmen, könnte der Verkaufsdruck eine Lawine lostreten.

Dollar stark, Gold schwach – das vergessene Risiko

Auch das makroökonomische Umfeld liefert Argumente für eine Short-These. Ein starker US-Dollar, wie er im Zuge anhaltend hoher Zinsen auftreten könnte, belastet traditionell die Goldpreise, da Gold in US-Dollar denominiert ist. Gleichzeitig könnte eine Entspannung geopolitischer Konflikte – etwa durch diplomatische Fortschritte in bekannten Krisenregionen – den «sicheren Hafen»-Charakter des Edelmetalls infrage stellen. Gold lebt von der Angst. Wenn diese nachlässt, suchen Anleger wieder verstärkt nach renditeträchtigeren Anlagen. In solchen Phasen kehrt das Kapital häufig an die Aktienmärkte zurück, während Gold unter Abflüssen leidet.

Ist Gold schon zu teuer?

Ein weiteres Warnsignal sind die aktuellen Bewertungsdebatten. Ist Gold in eine Blase gelaufen? Zahlreiche Marktbeobachter weisen darauf hin, dass die Preise inzwischen weit über dem Niveau liegen, das sich fundamental begründen lässt. Zwar sind Bewertungen bei einem Rohstoff immer schwierig, da es keinen klassischen Cashflow gibt. Wenn jedoch sämtliche bekannten Risikofaktoren (Inflation, geopolitische Spannungen und Währungsschwächen) bereits eingepreist sind, bleibt wenig Raum für weitere positive Überraschungen. In einem vielbeachteten Bericht haben Citi-Analysten sogar eine mögliche Korrektur von bis zu 25% ins Spiel gebracht. Auch RBC Wealth Management verweist auf technische Überdehnungen, die eine Konsolidierung wahrscheinlich machen.

Wenn die Masse zur Falle wird

Die Argumentationskette für eine Short-Position wird durch die Marktpsychologie gestützt. Gold ist ein stark sentimentgetriebenes Asset. Hier wirken Angst und Gier unmittelbarer als in vielen anderen Anlageklassen. Nicht der Konsument, der einen Ring kauft, treibt den Preis, sondern der Fondsmanager, der mit Milliardenvolumina über ETFs oder Futures agiert. Diese Ströme sind extrem volatil. Kaum ein anderer Markt reagiert so empfindlich auf die Narrative des Tages. Die Folge: Gold kann binnen kürzester Zeit um zweistellige Prozentwerte fallen, wenn die Stimmung kippt. Wer frühzeitig eine Short-Position eröffnet, kann von diesen abrupten Bewegungen profitieren.

Shorten ist jedoch kein Selbstläufer

Selbstverständlich dürfen die Gegenargumente nicht verschwiegen werden. Gold gilt nach wie vor als das ultimative Krisenmetall. Sollte sich die geopolitische Lage verschärfen, könnten Fluchtbewegungen in den «sicheren Hafen» die Preise erneut in die Höhe treiben. Zentralbanken, die ihre Währungsreserven diversifizieren, bleiben potenziell stabile Käufer. Und auch Inflationsängste sind noch nicht endgültig gebannt. All dies macht Short-Positionen im Goldmarkt riskant, zumal theoretisch unbegrenzte Verluste möglich sind. Wer jedoch mit engen Stop-Loss-Strategien arbeitet und die Positionsgrösse kontrolliert, kann dieses Risiko begrenzen.

Gold-Glanz verblasst

Unter dem Strich ergibt sich somit ein ambivalentes, aber für Short-Spekulanten durchaus attraktives Bild. Der Markt ist hoch bewertet, die fundamentalen Treiber beginnen zu bröckeln, die technische Lage deutet auf Überkauftheit hin und die psychologische Komponente birgt erhebliches Korrekturpotenzial. Langfristig wird Gold wahrscheinlich seine Rolle als Wertspeicher behalten, doch kurzfristig könnten Anleger im Vorteil sein, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen. Gerade weil so viele Investoren das Edelmetall traditionell nur als Long-Asset betrachten, ist die Short-Seite ein interessantes Feld. Wer die Mechanismen versteht, das Timing sorgfältig abwägt und das Risiko aktiv steuert, könnte in den kommenden Monaten von einem fallenden Goldpreis profitieren.

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