Opinion Leaders
Nahost-Krise: Kopfzerbrechen für fast alle Zentralbanker
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Jean-Christophe Rochat
CIO
Banque Heritage
Das Comeback der importierten Inflation verändert die geldpolitische Landschaft: Die Spannungen nehmen in Europa und Japan zu, während die Schweiz und China eine unerwartete Atempause erleben.
Wenn die Energiepreise stark und nachhaltig steigen, ist der Welleneffekt schnell, breit gefächert und bemerkenswert hartnäckig. Der Schock trifft zuerst den Transportsektor, dringt dann in die Industrie ein und erreicht schliesslich die alltäglichen Konsumgüter. Lieferketten verstärken die Auswirkungen: teurerer Treibstoff, höhere Frachtkosten, knappe Rohstoffversorgung und längere Lieferzeiten. Alles führt zu einem generalisierten Kostenanstieg. Hinzu kommt die Knappheit von Düngemitteln, die ab der zweiten Jahreshälfte zwangsläufig Druck auf die Agrarpreise ausüben wird.
Unterschiedliche Betroffenheit
Am stärksten betroffen sind Netto-Energieimportländer: Mitglieder der Eurozone, Japan, Indien, Südkorea, die Türkei und Südafrika. Für sie wirkt die Energierechnung wie eine externe Steuer, die gleichzeitig die Kaufkraft, Unternehmensmargen und die Leistungsbilanz belastet. Im Gegensatz dazu können energieproduzierende Länder den Schock besser verkraften: Angeführt von den Golfstaaten, aber auch allen Volkswirtschaften, in denen Energie eine wichtige Säule der öffentlichen Einnahmen und der Leistungsbilanz darstellt.
Nordamerika nimmt eine Zwischenposition ein. Die USA, Kanada und Mexiko profitieren, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass, von ihrem Status als grosse Produzenten oder Exporteure, was ihnen einen bedeutenden Puffer verschafft. Schliesslich bleibt China verwundbar, verfügt aber über drei Sicherheitsnetze: kürzlich aufgebaute Kohlenwasserstoffreserven, vergünstigte russische Importe und eine langfristige Strategie, die auf erneuerbare Energien setzt. Alle Länder spüren die Auswirkungen, jedoch in sehr unterschiedlichem Ausmass und mit sehr unterschiedlicher Flexibilität.
Geldpolitik: Der zentrale Spannungsfaktor
In den Importländern besteht das Risiko sowohl auf monetärer als auch auf konjunktureller Ebene. Höhere importierte Inflation könnte die Zentralbanken zwingen, ihre Leitzinsen anzuheben oder länger hoch zu halten, selbst wenn das Wachstum sich abschwächt. Dies ist das unangenehmste Szenario, da es das Risiko einer anhaltenden Stagnation oder sogar Rezession erhöht. Steigende Energiekosten machen die Konsumenten nicht nur ärmer, sie schränken auch den Handlungsspielraum der Geldpolitik ein.
Die am stärksten verschuldeten Volkswirtschaften oder jene, die stark auf lockere Finanzbedingungen angewiesen sind, sehen dieser Aussicht mit Sorge entgegen. Besonders die USA und Japan haben kein Interesse daran, dass die Kreditkosten dauerhaft steigen. Die Schuldenbedienung wird belastender, der Refinanzierungsbedarf drängender und die fiskalischen Spielräume enger.
Ungleicher Handlungsspielraum
Im Gegensatz dazu begrüsst die Volksbank von China und die Schweizerische Nationalbank dieses neue Regime mit einer ruhigen, fast paradoxen Erleichterung. China und die Schweiz nähern sich dieser Phase aus einer einzigartigen Position: Beide haben ihre Geldpolitik bereits deutlich gelockert, um deflationären Kräften entgegenzuwirken, ohne diese vollständig zu beseitigen. Bei bereits tiefen Leitzinsen und begrenztem konventionellen Handlungsspielraum mildert ein moderater Anstieg der Importpreise den deflationären Druck.
Für diese beiden Zentralbanken könnte der Energieschock daher insgesamt weniger negative Auswirkungen haben als für ihre Pendants. Während Europa und Japan in einem bereits fragilen Umfeld zu einer stärkeren geldpolitischen Straffung gedrängt werden könnten, könnten Schweiz und China von einer subtileren Umverteilung profitieren: weniger deflationärer Druck, begrenzter Bedarf an weiterer Lockerung und möglicherweise eine vorübergehende Entspannung des Drucks auf ihre Währungen.
Kurzfristig scheint der geldpolitische Status quo somit sowohl in der Schweiz als auch in China vorherrschend zu sein. Die Abschwächung der disinflationären Kräfte ist willkommen, ebenso wie der wahrscheinlich zumindest vorübergehende Rückzug der Kräfte, die die Aufwertung von Franken und Yuan vorantreiben.
Kein Grund zur Panik, kein Raum für Selbstzufriedenheit
Finanzminister sind derzeit noch nicht in Panikmodus. Das Ausmass des Schocks bleibt vorerst kleiner als bei früheren grossen Ölkrisen, und einige Volkswirtschaften profitieren sogar vorübergehend davon.
Selbstzufriedenheit wäre jedoch unangebracht. Sollte der Konflikt bis in die zweite Jahreshälfte andauern, kann das Risiko einer dauerhaft über den mittelfristigen Zielen der Zentralbanken liegenden Inflation nicht ausgeschlossen werden. In einem solchen Szenario würde ein altes Gespenst wieder auftauchen: die positive Korrelation zwischen den wichtigsten Anlageklassen, wobei Aktien und Anleihen gemeinsam fallen – mit potenziell destabilisierenden Folgen für die Finanzmärkte.