Opinion Leaders
Nvidia übertrifft erneut die Erwartungen und demonstriert seine Preissetzungsmacht
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Serge Nussbaumer
Head Public Solutions und Kapitalmarktexperte
Maverix
Nvidia hat die ohnehin hohen Erwartungen der Wall Street erneut übertroffen.
Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg der Umsatz um 106% auf USD 96,2 Mrd., gegenüber erwarteten rund USD 92,2 Mrd. Der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte USD 2,22 und lag ebenfalls über dem Konsens.
Noch wichtiger ist der Ausblick. Für das laufende Quartal erwartet Nvidia einen Umsatz von rund USD 108 Mrd., während Analysten mit gut USD 104 Mrd. gerechnet hatten. Umsätze mit Data-Center-Compute-Produkten in China sind darin weiterhin nicht berücksichtigt.
Die Aktie reagierte zunächst verhalten, drehte während des Earnings Calls jedoch deutlich und liegt nach Börsenschluss rund 5% im Plus. Der Markt wertet die Aussagen des Managements somit letztlich als Bestätigung dafür, dass der KI-Investitionszyklus noch nicht an Dynamik verliert.
Das Wachstum bleibt aussergewöhnlich
Das Data-Center-Geschäft bleibt der entscheidende Wachstumstreiber. Der Umsatz stieg dort um 117% auf USD 89,0 Mrd. und macht inzwischen mehr als 92% des Konzernumsatzes aus. Von einer Abschwächung der Investitionen in KI-Infrastruktur ist bislang wenig zu sehen.
Gleichzeitig beginnt Nvidia bereits mit der nächsten Chipgeneration «Vera Rubin». Der schnelle Produktzyklus zählt neben CUDA, Networking und Software zu den wichtigsten Wettbewerbsvorteilen des Unternehmens.
Auch die Profitabilität ist aussergewöhnlich. Die Bruttomarge erreichte 75%, während das operative Ergebnis gegenüber dem Vorjahr um 124% auf USD 63,7 Mrd. stieg. Die Kombination aus dreistelligem Wachstum und derart hohen Margen bleibt Nvidias stärkstes Argument.
Margendruck – aber Nvidia erhöht die Preise
Der kritischste Punkt liegt zunächst bei den Margen. Für das kommende Quartal erwartet Nvidia eine Bruttomarge von rund 74%. Aufgrund stark steigender Speicher- und Komponentenkosten könnte diese im vierten Quartal sogar auf 71% bis 72% sinken.
Das ist nach wie vor ein aussergewöhnliches Niveau. Zudem gibt es einen wichtigen Gegenpunkt. Bereits vor den Quartalszahlen wurde berichtet, dass Nvidia seine Kunden über Preiserhöhungen von mehr als 15% bei bestimmten AI-Serversystemen informiert hat. Als wesentlicher Grund gelten die stark gestiegenen Kosten für Speicher und andere Komponenten. Nvidia deutete zudem an, zu Beginn des kommenden Geschäftsjahres höhere Produktpreise durchsetzen zu wollen.
Damit bekommt der erwartete Margenrückgang eine andere Qualität. Gelingt es Nvidia, einen wesentlichen Teil der höheren Kosten an seine Kunden weiterzugeben, wäre der Margendruck eher temporär und kein Hinweis auf eine strukturell nachlassende Preissetzungsmacht.
Genau hier liegt möglicherweise sogar eine der stärksten Aussagen dieser Zahlen. Wenn Nvidia bei ohnehin extrem teuren KI-Systemen zweistellige Preiserhöhungen durchsetzen kann, ohne dass die Nachfrage sichtbar nachlässt, bleibt die Preissetzungsmacht aussergewöhnlich.
Der langfristige Wettbewerb kommt somit von den eigenen Kunden. Google, Amazon, Microsoft und Meta investieren Milliarden in eigene KI-Beschleuniger, um ihre Abhängigkeit von Nvidia zu reduzieren. Insbesondere im Inference-Geschäft können spezialisierte Chips langfristig eine kostengünstigere Alternative zu universell einsetzbaren High-End-GPUs darstellen.
Kurzfristig gibt es allerdings wenige Hinweise darauf, dass Nvidia seine Marktführerschaft verliert. CUDA, Networking, Software und Hardware bilden gemeinsam einen erheblichen technologischen Burggraben. Zudem erschwert der jährliche Produktzyklus es Wettbewerbern, technologisch aufzuholen.
Die entscheidende langfristige Frage lautet deshalb weniger, ob Nvidia Marktführer bleibt. Wahrscheinlicher ist, dass der Konzern diese Position verteidigen kann. Vielmehr ist entscheidend, welche Preise und Margen Nvidia in einem reiferen und wettbewerbsintensiveren KI-Markt noch durchsetzen kann.
Cashflow und Bilanz
Bei aller operativen Stärke verdient auch die Bilanz Aufmerksamkeit. So stiegen die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen seit Ende Januar von USD 38,5 Mrd. auf USD 63,1 Mrd. und die Vorräte von USD 21,4 Mrd. auf USD 31,6 Mrd.
Gleichzeitig standen einem GAAP-Nettogewinn von USD 59,7 Mrd. lediglich USD 24,1 Mrd. operativer Cashflow gegenüber. Bei einer Verdoppelung des Umsatzes ist ein deutlicher Aufbau des Working Capitals nicht ungewöhnlich. Angesichts Nvidias Finanzkraft ist dies derzeit kein Warnsignal. Die Entwicklung sollte aber beobachtet werden, insbesondere, wenn Forderungen und Lagerbestände weiterhin schneller wachsen als das Geschäft.
Unsere Einordnung
Unterm Strich sind die Zahlen eine klare Bestätigung der KI-Investmentthese. Ein Unternehmen mit einem Quartalsumsatz von fast USD 100 Mrd. wächst noch immer um mehr als 100%, während für das kommende Quartal bereits ein Umsatz von USD 108 Mrd. erwartet wird. Und das ohne relevante Data-Center-Compute-Umsätze aus China.
Die nachbörsliche Kursreaktion von rund 5% ist deshalb nachvollziehbar. Der Markt hatte extrem hohe Erwartungen, die Nvidia dennoch übertreffen konnte.
Die Margenentwicklung bleibt kurzfristig der wichtigste operative Schwachpunkt. Die angekündigten bzw. berichteten Preiserhöhungen zeigen jedoch, dass Nvidia versucht, die höheren Kosten an seine Kunden weiterzugeben. Ob dies gelingt, wird ein wichtiger Test für die tatsächliche Preissetzungsmacht des Unternehmens sein.
Damit verschiebt sich die Investmentthese zunehmend. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob die Nachfrage nach KI-Infrastruktur wächst. Vielmehr stellt sich die Frage, wie viel der dadurch entstehenden Wertschöpfung Nvidia langfristig abschöpfen kann.
Derzeit spricht wenig dafür, dass Nvidias dominante Stellung unmittelbar gefährdet ist. Gerade die Kombination aus Wachstum, technologischem Vorsprung und Preissetzungsmacht ist nach wie vor aussergewöhnlich. Doch je grösser Nvidia wird und je höher die Preise steigen, desto stärker werden die Kunden versuchen, ihre Abhängigkeit zu reduzieren.
Das ist der zentrale Konflikt der Nvidia-Story. Die enorme Preissetzungsmacht ist heute eine der grössten Stärken des Unternehmens – und gleichzeitig der stärkste wirtschaftliche Anreiz für seine Kunden, morgen Alternativen zu entwickeln.