Zurück
payoff Interviews

Anleger sollten nicht Portfolios konstruieren, die die gesellschaftliche Wirklichkeit negieren.

02.03.2023 5 Min.
  • Serge Nussbaumer
    Chefredaktor

In Zukunft wird aber das Argument einer grünen Energiesouveränität dominieren.

Herr Gerlach, der Rohstoffmarkt hat mit der Corona-Pandemie eine Art neuen Superzyklus erlebt – hat dieser den Zenit bereits gesehen oder werden die Preise wieder oder weiter steigen?
Seit Sommer 2022 durchleben wir eine disinflationäre Zwischenphase. Nach den inflationären Auswirkungen des massiven Schuldenanstiegs in der Pandemie und des russischen Angriffskriegs fallen nun die Preise. Das ist normal. Kein Inflationstrend ist linear. Der Kampf gegen die Inflation wird nur dann enden, wenn die Zentralbankzinsen über der Inflationsrate liegen und die Fiskalprobleme beseitigt sind. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

Sie sagen kein Inflationstrend ist linear, bezieht sich das auf die Inflation selbst, sprich sie könnte nochmals ansteigen? 
Die makroökonomischen Konsequenzen massiver fiskalischer Schocks laufen nie stetig und kontrolliert ab. Während der Stagflation vor 50 Jahren, gab es drei grosse Inflationsausbrüche: 1970, 1974 und 1980. Vielfach dachte man damals, dass die Inflation besiegt wäre. Solche Pyrrhussiege wird es auch in unserem Regime geben.

Und wie wird es Ihrer Meinung nach zukünftig verlaufen?
Die Inflation wird nicht von allein zurück­­gehen. Heute liegt der reale Zentralbankzins in den USA erst bei -2%, in der Eurozone bei -6%. Das letzte Mal, dass die Zentralbanken so weit hinter der Inflation zurück lagen, in den 1970er Jahren, dauerte es acht Jahre, vier schmerzliche Rezessionen, und eine finanzpolitische und geldpolitische Koordinierung, um sie wieder einzufangen. 

Generell gesprochen: Was sind derzeit die zentralen Treiber für die Rohstoffpreise?
Die Mehrzahl der weltweit gehandelten Rohstoffe befindet sich momentan in einem Abwärtstrend. Preise für Energie und Metalle fallen besonders stark. Der zentrale Treiber für diese breite Preiskorrektur ist die schwächere globale Nachfrage aufgrund der kommenden Rezession und eine reduzierte geopolitische Risikoprämie. Die Preise für viele nicht-zyklische Rohstoffe wie tropische Landwirtschaftsprodukte oder gewisse Getreidesorten und Ölsaaten steigen dagegen weiter.

Am Ölmarkt rechnen Experten für 2023 mit einer globalen Rekordnachfrage. Der Preis hat in den vergangenen Monaten dennoch korrigiert. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?
Ich denke, die Wahrscheinlichkeit einer Rekordnachfrage ist dieses Jahr eher gering. Das realistischste Szenario ist meiner Meinung nach immer noch eine Rezession Mitte 2023. Die Tatsache, dass der Ölpreis ja trotz Preisobergrenze, Produktionskürzung der OPEC+, und Chinas Wiedereröffnung bisher nicht gestiegen ist, liegt eben vor allem an der fehlenden Nachfragedynamik. Der schwache Erdölmarkt bestätigt also die pessimistischen d.h. inversen Zinskurven.

Die hohe Ölnachfrage wirkt konträr zu den Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel – wie lange ist die Welt noch auf fossile Energie angewiesen?
Der Krieg hat die Regierungen gezwungen, der Energiesicherheit zunächst Vorrang vor der grünen Energiewende einzuräumen. In Zukunft wird aber das Argument einer grünen Energiesouveränität dominieren, da hiermit nun ein wunderbares Mittel bereitsteht, die Widerstände gegen die teure «saubere» Energie aufzulösen. Umso stärker heute ein Land also auf fossile Energieimporte angewiesen ist, umso einfacher wird sich eine schnellere d.h. nationalistische Variante des Klimaschutzes durchsetzen.

Ist ein Ausstieg aus den fossilen Energien Ihrer Meinung nach überhaupt sinnvoll?
Er ist sicher nicht sinnvoll, wenn wir ihn vollziehen, bevor wir eine brauchbare Alternative haben. Seit Beginn der industriellen Revolution ist der Verbrauch fossiler Energien parallel zum BIP gestiegen, und heute liegt der Anteil der fossilen Brennstoffe am globalen Energiemix immer noch bei 80%. Eine rapide, radikale Abkehr von fossiler Energie würde also beim momentanen Technologiestand in einer globalen Energiekrise enden.

Geht der Ausstieg nur zu Lasten von Wohlstand?
Beim heutigen Stand der Dinge, sicherlich.

Wie positioniert sich ein grosses Unternehmen wie Glencore oder Exxon Mobile für das Ende des fossilen Zeitalters?
Ich denke, da fragen sie am besten die betroffenen Unternehmen selbst.

Welchen Stellenwert haben Investments in fossile Energie bei Ihnen?
Da Erdöl und Erdgas für die Weltwirtschaft immer noch essenziell sind und dazu wichtige Übermittler für die Inflation darstellen, sind sie innerhalb unserer TAVIS-­Inflationsschutz-Strategie ein wichtiger Renditebaustein. Anleger sollten nicht Portfolios konstruieren, die die gesellschaftliche Wirklichkeit negieren. Ganz im Gegenteil, um dem Klimawandel sinnvoll zu begegnen brauchen wir marktbasierte Preissignale und Investoren in den «alten» Energien, da planwirtschaftliche Ansätze keine grünen Innovationen hervorbringen werden. 

Auf welche Titel im Bereich der fossilen Energie würden Sie für die kommenden Jahre Ihr Geld setzen (und warum)?
Am Rohstoffmarkt direkt ist bemerkenswerterweise das gesamte Spektrum interessant, da die Bewertungen allgemein stark zurückgekommen sind. Beispielsweise handeln Preise für Erdgas heute fast 90% unter ihrem Allzeithoch. Von einer «Value» Perspektive scheint mir dazu die globale Öl-Service-Branche, d.h. Ausrüstung und Ölbohrungen, attraktiv. Gerade weil diese Firmen bei vielen Investoren immer noch sehr unbeliebt sind, ergeben sich hier vielfache Opportunitäten für den umsichtigen Anleger. 

Zum Abschluss, wird es 2040 noch Neuwagen im Bereich Benziner oder Diesel geben?
Sicherlich. Eine Welt, die nur auf Elektromobilität basiert ist keine Lösung, da die hierfür benötigte zusätzliche Stromerzeugung/Batterieproduktion gar nicht ausreichend dekarbonisiert werden könnte. Tatsächlich ist die Dekarbonisierung des Verkehrs besonders schwierig, und wir müssen uns eingestehen, dass der weltweite Verkehr noch jahrzehntelang hauptsächlich von Verbrennungsmotoren angetrieben werden wird. Die derzeitigen Visionen, die sich nur auf batteriebetriebene Elektrofahrzeuge konzentrieren, können und dürfen nicht erfolgreich sein.

Vielen Dank!

____

Christian Gerlach leitet die Rohstoffstrategien von TAVIS CAPITAL Zürich, einem unabhängigen, FINMA regulierten Asset Manager mit CHF 1.4 Milliarden verwaltetem Kundenvermögen. Christian verfügt über eine rund 20-jährige Erfahrung in der Investmentbranche und begann seine Karriere als Rohstoffanalyst bei einem Schweizer Hedgefonds des amerikanischen Investors Jim Rogers. Danach wechselte er zu GAM Investments als Portfoliomanager, wo er erfolgreich verschiedene Anlagestrategien (long-only und long/short) mit einem Spitzenvolumen von USD 1 MIlliarden verwaltete. Christian ist Autor zahlreicher Fachartikel (Financial Times, etc.) und regelmässiger Keynote-Speaker z.B. Asian Development Bank. Er besitzt einen Master of Science in Globaler Wirtschaftsgeschichte von der London School of Economics (LSE).

Weitere News aus der Rubrik

Unsere Rubriken