Interviews
Don’t Blame the Wrapper
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Susan Niederhöfer
Chefredakteurin
Herr Wagner, Sie beobachten den AMC-Markt seit Jahren. Die FINMA-Aufsichtsmitteilung 03/2026 bestätigt, dass das rasante Wachstum nicht überall mit der nötigen Sorgfalt begleitet wurde. War das für Sie eine Überraschung oder eher ein überfälliger Weckruf für die Branche?
Die Aufsichtsmitteilung bestätigt eine Entwicklung, die ich seit Längerem beobachte: Eine sehr kleine Minderheit von AMC-Emittenten und Vermögensverwaltern reizt die Grenzen des Möglichen aus, während die überwältigende Mehrheit verantwortungsvoll arbeitet. Die FINMA kritisiert aus meiner Sicht nicht das Instrument, sondern die mangelnde Professionalität bei Transparenz, Governance und Entscheidungsprozessen.
Die FINMA nennt fünf konkrete Risikomuster: unzureichende Eignungsprüfung und Berücksichtigung von Risikofähigkeit bzw. -bereitschaft, intransparente Doppelgebühren, Interessenkonflikte beim Einsatz eigener Produkte, mangelhaftes Risikomanagement sowie Kontrolllücken in Due Diligence und Compliance. Sie sagen: «Don’t blame the wrapper.» Warum sind diese fünf Mängel aus Ihrer Sicht ein Menschen- und Prozessproblem und kein Produktproblem?
Keine der fünf Feststellungen ist eine Eigenschaft eines AMCs. Eignungsprüfung, Gebühren, Interessenkonflikte, Risikomanagement und Compliance sind Aufgaben des Anbieters – unabhängig davon, ob es sich um ein AMC, einen Fonds oder eine Vermögensverwaltung handelt. Die fünf Punkte sind keine AMC-Themen, sondern Grundprinzipien des professionellen Asset Managements.
Die FINMA-Wunschliste liest sich wie ein Pflichtenheft für eine moderne AMC-Plattform: Die Eignungsprüfung ist dokumentiert, die Gebühren sind transparent ausgewiesen, die Due Diligence ist nachvollziehbar und die Kontrollfunktionen sind klar zugeordnet. Doch welche dieser fünf Punkte lassen sich heute vollständig automatisieren und wo bleibt es eine menschliche Verantwortung?
Technologie ersetzt keine Verantwortung. Sie sorgt dafür, dass Entscheidungen dokumentiert, nachvollziehbar und regelkonform umgesetzt werden. Der Mensch entscheidet – die Plattform macht diese Entscheidung überprüfbar.
vestr investiert viel Zeit in die AMC-Ausbildung. Es gibt Whitepaper, Masterclasses und Trainings für Asset Manager und Investoren. Welche Fragen stellen informierte Investoren, die uninformierte nicht stellen, und was wäre passiert, wenn mehr Marktteilnehmer diese Fragen früher gestellt hätten?
Wohin fliesst das Geld tatsächlich? Der tatsächliche Zahlungsfluss nach der Zeichnung: Wie ist dieses Geld geschützt? Wer hält es, wer kontrolliert es und sind die Schutzmechanismen belastbar? Wie werden die Erträge geschützt? Wer stellt sicher, dass Erträge nicht zweckentfremdet werden? Wie sieht die Exit-Strategie aus? Gibt es einen funktionierenden Sekundärmarkt oder sind Sie bis zur Fälligkeit an das Produkt gebunden?
Welche Frage würden Sie als Investor als Erstes stellen?
Wie ist das investierte Geld geschützt? Wer hält das Geld und wie ist es geschützt? Da die meisten AMCs als Schuldverschreibungen strukturiert sind, trägt der Anleger das Kreditrisiko des Emittenten. Deshalb sollte genau geprüft werden, wer der Emittent ist und welche Sicherungsmechanismen bestehen.
Sie sagen, «aktiv» könne im AMC-Kontext drei völlig unterschiedliche Bedeutungen haben und Künstliche Intelligenz mache die Unterscheidung zwischen aktivem und passivem Management zunehmend überflüssig. Können Sie das näher erläutern?
Ich glaube, die Begriffe «aktiv» und «passiv» verwirren heute oft mehr, als sie helfen. Schon «aktiv» kann im AMC-Kontext drei unterschiedliche Bedeutungen haben:
- Portfolioverwaltung: Das Portfolio wird diskretionär von einem Portfoliomanager verwaltet.
- Basiswerte: Die Basiswerte sind liquide und werden aktiv gehandelt.
- Produkt: Das Produkt selbst ist handelbar.
Diese drei Bedeutungen haben wenig miteinander zu tun. Deshalb sollten Investoren immer nachfragen: Bezieht sich «aktiv» auf die Portfolioverwaltung, die Liquidität der Basiswerte oder die Handelbarkeit des Produkts?
Auch die klassische Unterscheidung zwischen aktiv und passiv wird zunehmend unscharf. Regulatorisch existiert sie weiterhin. Für Investoren sind jedoch andere Fragen entscheidender: Ist die Strategie transparent? Wer trägt die Verantwortung für das Ergebnis? Und beruhen die Anlageentscheidungen auf menschlichem Ermessen oder auf einem Modell, das sich nicht vollständig erklären lässt?
Künstliche Intelligenz macht diese Entwicklung besonders deutlich. Ein KI-Modell kann stark vom Vergleichsindex abweichen und damit aktiv wirken. Gleichzeitig trifft es seine Entscheidungen ohne menschliches Ermessen und erscheint damit passiv. Tatsächlich passt es in keine der beiden Kategorien. Deshalb glaube ich, dass wir künftig weniger über «aktiv» versus «passiv» sprechen werden und stattdessen stärker über Transparenz, Verantwortung und Nachvollziehbarkeit.
In der Aufsichtsmitteilung kritisiert die FINMA, dass insbesondere kleinere Institute ihre Compliance-Funktionen häufig an externe, nicht bewilligungspflichtige Dienstleister auslagern und die Zuständigkeiten dabei teilweise unklar sind. Wie sollte dieses Problem angegangen werden: mit mehr Inhouse-Kapazität, besseren externen Dienstleistern oder einer Plattform, die diese Funktion strukturell übernimmt?
Ich glaube, die Frage lautet nicht: Inhouse oder Outsourcing. Die eigentliche Frage lautet: Wer trägt am Ende die Verantwortung? Qualität hängt nicht von der Grösse einer Organisation ab, sondern von klaren Verantwortlichkeiten. Externe Spezialisten können genauso sinnvoll sein wie interne Teams. Entscheidend ist, dass jederzeit klar ist, wer entscheidet, wer kontrolliert und wer geradesteht. Verantwortung lässt sich delegieren, aber nicht abgeben. Moderne Plattformen ersetzen weder Compliance noch Governance. Sie sorgen dafür, dass Prozesse standardisiert, transparent und revisionssicher ablaufen.
Der Schweizer AMC-Markt hat sich zu einem internationalen Vorbild entwickelt. Mit einem Gesamtmarkt von CHF 235 Milliarden zählen AMCs nach wie vor zu den am stärksten wachsenden Segmenten. Warum sollte die Branche die aktuelle Entwicklung nicht als Chance zur Professionalisierung verstehen, sondern das Instrument infrage stellen?
Ich sehe die FINMA-Aufsichtsmitteilung als Zeichen dafür, dass der AMC-Markt erwachsen geworden ist. Jedes erfolgreiche Finanzmarktprodukt durchläuft drei Phasen: Innovation, Wachstum und Professionalisierung. Wer in bessere Prozesse, mehr Transparenz und moderne Technologie investiert, schafft Vertrauen bei Investoren und Regulatoren. Genauso entwickeln sich erfolgreiche Märkte weiter.
Wenn ein Asset- oder Wealth Manager heute mit einer AMC-Infrastruktur starten würde, welche drei unverhandelbaren Anforderungen sollte er an seine Plattform stellen?
Erstens: Der NAV muss stimmen. Ist die Bewertung falsch, spielt alles andere keine Rolle. Ein korrekter NAV ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern die Mindestanforderung.
Zweitens: Compliance muss im Workflow verankert sein. Pre- und Post-Trade-Kontrollen, Limiten, Freigaben und Dokumentation dürfen nicht nachgelagert erfolgen, sondern müssen integraler Bestandteil des Prozesses sein.
Drittens: Transparenz und ein lückenloser Audit-Trail sind unverzichtbar. Jede Entscheidung und jede Änderung müssen jederzeit nachvollziehbar sein.
Fehlt einer dieser drei Bausteine, spielt es keine Rolle, wie modern eine Plattform aussieht.
Die FINMA dokumentiert dies mittels einer jährlichen Datenerhebung, die einen AMC-Abschnitt, Eskalationsfälle und Aufsichtsmitteilungen umfasst. Für wen ist dies eine Herausforderung, für wen eine Chance?
Ich glaube, es ist beides. Es ist eine Herausforderung für alle, die mit manuellen Prozessen und Intransparenz leben müssen. Aber auch eine Chance für alle, die auf saubere Prozesse, klare Verantwortlichkeiten und Transparenz setzen. Wer professionell arbeitet, muss sich vor genauerer Aufsicht nicht fürchten – im Gegenteil. Sie macht Qualität sichtbar.
Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Wagner!
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Stefan Wagner
Head of Business Development bei vestr
Stefan Wagner verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in den Bereichen Kapitalmärkte, Strukturierte Produkte und Fintech. Seine Karriere führte ihn von Bankers Trust über Salomon Brothers, Citigroup und Vontobel zu vestr AG, wo er heute als Head of Business Development die Bereiche Sales, Marketing und Customer Success verantwortet. Darüber hinaus ist er Mitglied der Investment Committees von Fortem Capital und Falco Private Office sowie Gründer und Gastgeber des Nalu Finance Podcasts. Er zählt zu den wenigen Marktteilnehmern, die das AMC-Geschäft aus der Perspektive von Emittenten, Asset Managern, Infrastrukturanbietern und Investoren kennen.