Zurück
payoff Interviews

Anthropic im ETP: Zugang ohne Aktien

04.11.2026 5 Min.
  • Susan Niederhöfer

    Susan Niederhöfer
    Chefredakteurin

Ein Gespräch über Kälte am Kryptomarkt und neue Produkte: sinkende Erträge trotz Nettozuflüssen, das aktive Krypto-ETP FLEX, ein synthetisches ETP auf Anthropic und die Frage, wie sich der Emittent gegen die grossen ETF-Häuser behauptet.

21shares hat 2018 an SIX das weltweit erste Krypto-ETP lanciert, heute sind es 60 Produkte an 13 Börsen. Bitcoin-Exposure bietet inzwischen jeder an. Was unterscheidet einen Krypto-Emittenten nach acht Jahren noch?

Ein Bitcoin-ETP aufzulegen, ist heute keine Innovation mehr. Entscheidend sind Produktqualität, Liquidität, Research und die Fähigkeit, neue Anlageklassen investierbar zu machen. Genau darin liegt unsere Stärke: Wir waren 2018 Pioniere bei Bitcoin und erschliessen heute mit FalconX völlig neue Märkte.

Im Januar sagte Ihr CEO Russell Barlow, er sehe nicht den Beginn eines langen Kryptowinters. Ein halbes Jahr später stand Bitcoin auf einem 21-Monats-Tief nahe USD 58’000. Wie kalt ist es denn jetzt?

Die Temperaturen sind gefallen, aber die Infrastruktur ist heute deutlich robuster und die Akzeptanz wesentlich breiter. Während frühere Bärenmärkte von Existenzfragen, Insolvenzen und massiven Vertrauensverlusten geprägt waren, sehen wir heute institutionelle Anleger, die ihre Positionen weitgehend halten oder sogar aufbauen. Die Preise sind gefallen, die strukturelle Nachfrage ist geblieben.

Die verwalteten Vermögen Ihrer europäischen ETP-Plattform sind im 1. Halbjahr von USD 3,68 Milliarden auf USD 2,36 Milliarden gefallen, die Erträge um fast die Hälfte. Sie verweisen auf Nettozuflüsse. Ist das ein Trost, wenn sich die Gebühreneinnahmen halbieren?

Natürlich sind rückläufige Erträge keine gute Nachricht. Allerdings gehören Marktschwankungen zum Geschäft eines ETP-Emittenten. Man muss aber zwischen Marktperformance und Anlegerverhalten unterscheiden. Während die Kryptokurse seit ihrem Allzeithoch im Oktober 2025 um mehr als 50% gefallen sind, haben Krypto-ETPs in Europa im gleichen Zeitraum über USD 2 Milliarden an Nettozuflüssen verzeichnet. Die Bewertungen können wir nicht kontrollieren, sehr wohl aber die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte. Dass uns Anleger trotz fallender Kurse neues Kapital anvertrauen, ist deshalb ein wichtiges Signal.

Ihr erstes aktives Krypto-ETP in Europa (FLEX) erhebt eine Gebühr von 1,49%. Ende Juni betrug das verwaltete Vermögen gut USD 4 Millionen. Ist aktives Krypto-Management eine Antwort auf eine Frage, die der Markt gar nicht gestellt hat?

Aktiv gemanagte ETFs gehören weltweit zu den am schnellsten wachsenden Segmenten der ETF-Industrie. Allein 2025 entfiel rund ein Viertel der globalen ETF-Nettozuflüsse auf aktive Strategien. Wir erwarten, dass sich dieser Trend zunehmend auch im Kryptomarkt durchsetzt. Nicht jeder Anleger möchte einfach nur Bitcoin kaufen und halten. Mit zunehmender Marktreife wächst auch der Bedarf an Strategien, die Risiken aktiv steuern und unterschiedliche Marktphasen nutzen können. FLEX ist ein junges Produkt. Entscheidend ist nicht das Volumen nach wenigen Monaten, sondern ob die Strategie langfristig einen Mehrwert nach Kosten liefert.

Ihr Anthropic-ETP enthält keine einzige Anthropic-Aktie. Es bildet über Swaps Perpetual Futures auf Binance ab, Gegenpartei ist Ihr Mutterhaus FalconX, beim Ausstieg fällt eine Exit Fee von 2% an. Was kaufen Anleger da eigentlich: Pre-IPO-Zugang oder eine Krypto-Wette auf eine KI-Story?

Wir verkaufen keine Anthropic-Aktien, sondern einen synthetischen Zugang zur marktbasierten Bewertung des Unternehmens. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Markt für solche Instrumente ist noch jung, entsprechend bestehen höhere Risiken bei Liquidität, Preisbildung und Gegenparteien. Gleichzeitig ermöglichen wir damit erstmals einen börsengehandelten Zugang zu einem Markt, der bislang weitgehend institutionellen Investoren vorbehalten war.

Anthropic soll erst der Anfang sein. Was folgt als Nächstes mit der Struktur von FalconX: weitere Pre-IPO-Titel, ein Pre-IPO-Index, renditeorientierte Produkte? Und was davon bringen Sie in die Schweiz?

Ja, Anthropic ist erst der Anfang. Mit unserer neuen Struktur können wir weit über klassische Krypto-ETPs hinausgehen, von weiteren Pre-IPO-Titeln über Multi-Asset-Strategien bis zu renditeorientierten Produkten. Entscheidend ist, dass wir die Produktinnovation mit der Handels- und Derivateexpertise von FalconX verbinden. Welche Produkte in die Schweiz kommen, hängt von den jeweiligen regulatorischen Voraussetzungen ab.

In der Schweiz buhlen rund 20 Emittenten um Krypto-ETP-Gelder, inzwischen auch die ganz grossen ETF-Häuser. Sie haben im Januar eine Konsolidierung erwartet. Sind Sie dabei Jäger oder Gejagter?

Weder noch. Wir sind seit Jahren am Markt und haben ihn mit aufgebaut, deshalb sehen wir uns eher als Gestalter. Dass jetzt auch grosse ETF-Häuser einsteigen, werten wir als Bestätigung: Krypto-ETPs sind im institutionellen Mainstream angekommen. Das vergrössert den Markt für alle.

Eine Konsolidierung ist in einem reifenden Markt normal. Am Ende zählen Produktqualität, Liquidität, Handelbarkeit und Vertrauen der Anleger. Da fühlen wir uns gut aufgestellt. Wir konzentrieren uns darauf, unsere Produkte weiterzuentwickeln und unsere Anleger gut zu bedienen, statt auf die Konkurrenz zu schauen.

Ihr Research nannte im Sommer USD 100’000 als Basisszenario für Bitcoin per Jahresende. Halten Sie daran fest? Und was bedeutet das für die Positionierung eines Schweizer Vermögensverwalters?

Ein Bitcoin-Kurs von USD 100’000 bleibt aus Sicht unseres Researchteams weiterhin das Basisszenario für das Jahresende. Entscheidend ist, dass sich die fundamentale Investmentthese nicht verändert hat: ein begrenztes Angebot, zunehmende institutionelle Akzeptanz und langfristig steigende Nachfrage. In einer Welt wachsender Geldmengen und steigender Staatsverschuldung gewinnt Bitcoins Wertversprechen als knappes, dezentrales Asset zunehmend an Bedeutung. Aus unserer Sicht bleibt Bitcoin für Vermögensverwalter deshalb der naheliegende Einstieg in die Anlageklasse – idealerweise als kleine, strategische Portfolioallokation statt als kurzfristige Wette auf ein Kursziel.

Vielen Dank für das spannende Gespräch, Herr Fritz.

__

Adrian Fritz
Chief Investment Strategist bei 21shares

Adrian Fritz ist verantwortlich für die Entwicklung des globalen Marktausblicks sowie für die Kommunikation der zentralen Investmentstrategien und -themen im Bereich digitaler Vermögenswerte. Er fungiert als Schnittstelle zwischen Research, Produktentwicklung, Kapitalmärkten und Vertrieb und unterstützt Investoren dabei, sich in der dynamischen Welt digitaler Vermögenswerte zurechtzufinden. Vor seinem Einstieg in die Kryptobranche war er mehrere Jahre im traditionellen Finanzsektor tätig, unter anderem in der Unternehmensberatung, im Corporate Finance und im Investmentbanking.

Weitere News aus der Rubrik

Unsere Rubriken