Interviews
Strukturierte Produkte: Schluss mit Datensalat
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Susan Niederhöfer
Chefredakteurin
Während Infrastruktur früher kaum Schlagzeilen machte, gelten Daten und Konnektivität bei Strukturierten Produkten heute als strategisch wichtig. Warum?
Tara York: Verändert hat sich vor allem die schiere Grösse des Marktes. Das Volumen Strukturierter Produkte ist über Emittenten, Märkte und Vertriebskanäle hinweg stark gewachsen – und damit auch die Zahl der manuellen Übergaben zwischen Emittenten, Plattformen und Distributoren. Bei Luma sind wir über diese gesamte Kette hinweg tätig und sehen dasselbe Problem von beiden Seiten: Emittenten, die dieselben Daten immer wieder neu formatieren müssen, und Distributoren, die Termsheets abgleichen müssen oder Gefahr laufen, ein Lifecycle-Ereignis zu verpassen. Das verursacht Kosten und Risiken und wird, sobald der Endkunde betroffen ist, auch zur Vertrauensfrage. Deshalb haben sich Daten und Konnektivität von einem Backoffice-Thema zu einem Thema auf der Stufe Geschäftsleitung entwickelt.
Francesco Marcon Fiastri: Das Wachstum des Marktes war sicherlich der entscheidende Faktor. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, nach einem Abschluss effizient und standardisiert auf sämtliche Produktbedingungen zuzugreifen, damit der Kunde das Produkt schnell und mit hoher Datenqualität verbuchen kann. Bei der heutigen Marktgrösse ist dafür ein hoher Automatisierungsgrad unerlässlich. CONNEXOR stellt Daten zu Strukturierten Produkten in maschinenlesbarer Form bereit – bei der Emission und über den gesamten Produktlebenszyklus. Das entspricht dem Bedürfnis von Buy Side und Sell Side nach Standardisierung.
Was verursacht heute die grössten Probleme – unterschiedliche Datenstandards oder die vielen manuellen Übergaben?
Marcon Fiastri: Das grösste Problem ist die fehlende Standardisierung, weil sie entlang der gesamten Wertschöpfungskette Komplexität verursacht. Will eine Plattform wie Luma einen Emittenten anbinden, muss sich dieser häufig an ein neues Format oder eine neue API anpassen. Zudem müssen dieselben Produktdaten an verschiedene Stellen übermittelt werden – an Plattformen, Datenanbieter und die Depotbank für die Abwicklung – oft in unterschiedlichen Standards. CONNEXOR bündelt diesen Prozess: Der Emittent übermittelt die Daten einmal in standardisierter Form, und wir leiten sie an die verschiedenen Plattformen weiter, wo sie automatisiert verarbeitet werden.
Berater beklagen seit Jahren die Fragmentierung von Produktdaten. Liegt das noch an technologischen Defiziten oder eher an fehlenden Anreizen?
York: Vor einigen Jahren gab es tatsächlich noch eine technologische Lücke: Es fehlten Lösungen, um Daten verschiedener Emittenten auf institutionellem Niveau zu standardisieren. Dieses Problem ist heute weitgehend gelöst. Was weiterhin fehlt, ist der richtige Anreiz: Ein genügend grosser Teil des Marktes müsste sich darauf einigen, dass eine gemeinsame Infrastruktur mehr Vorteile bietet, als die eigene Datenanbindung vollständig selbst zu kontrollieren.
CONNEXOR und Luma arbeiten bei Referenzdaten und Lifecycle-Daten in Europa und den USA zusammen. Was kann eine Bank heute, was vor einem Jahr noch nicht möglich war?
Marcon Fiastri: Dank unserer Zusammenarbeit können Emittenten für die Schweiz, Europa, Asien und seit 2025 auch für die USA dieselbe Infrastruktur und denselben Standard nutzen. Da Luma in den USA eine bedeutende Multi-Emittenten-Plattform ist, können wir unsere in Europa aufgebaute Technologie und Konnektivität auch dort nutzen. Banken müssen so weniger separate Infrastrukturen für unterschiedliche Märkte betreiben.
York: Vor einem Jahr musste in jedem Markt noch eine individuelle Direktanbindung an jeden Emittenten aufgebaut werden, um Lifecycle-Ereignisse automatisiert in die Systeme zu überführen. Arbeitet ein Emittent bereits mit CONNEXOR, können wir diese Daten heute über die bestehende Verbindung in unsere Tools integrieren – unabhängig vom Markt. Wir knüpfen dort an, wo die Emittenten stehen: über eine direkte API (Application Programming Interface) oder über einen gemeinsamen Kanal wie CONNEXOR, je nachdem, was besser passt. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: saubere, standardisierte Daten, ganz gleich, wo unsere Kunden aktiv sind.
Löst CONNEXOR ein branchenweites Problem oder profitieren davon vor allem grosse Emittenten?
Marcon Fiastri: Grössere Emittenten haben eindeutig einen stärkeren Anreiz, den CONNEXOR-
Standard zu nutzen, weil sie über verschiedene Geschäftsbereiche, Produkte und Regionen hinweg tätig sind. Wer nur wenige Produkte pro Jahr emittiert, kann vieles noch manuell abwickeln. Wer hingegen Zehn- oder Hunderttausende Instrumente verwaltet, braucht einen hohen Automatisierungsgrad.
Standardisierung ist aber ebenso wichtig für Distributoren und andere Buy-Side-Kunden, die qualitativ hochwertige Daten schnell erhalten müssen. Deshalb nutzen auch kleinere Emittenten den Standard. Distributoren verlangen zunehmend von allen Emittenten, dass diese dasselbe Format verwenden, was die Verbreitung des Standards wesentlich vorangetrieben hat.
Und aus Sicht der Buy Side: Erweitert die engere Anbindung zwischen Luma und CONNEXOR die Auswahl für Berater – oder reduziert sie nur Reibungsverluste, ohne dass sich auf deren Bildschirm etwas ändert?
York: Ich würde das trennen. Ob ein Emittent in die für einen Berater zugelassene Produktpalette aufgenommen wird, entscheidet der Vermögensverwalter selbst – nicht Luma. Die engere Anbindung verändert vielmehr Kosten und Geschwindigkeit des Onboardings, sobald die Zulassung erfolgt ist: weniger manuelle Datenaufbereitung, sauberere Lifecycle-Daten, weniger Fehler. Kurzfristig sieht der Berater also möglicherweise keinen Unterschied. Sinken aber operativer Aufwand und Risiko bei der Aufnahme eines zusätzlichen Emittenten, lässt sich eine solche interne Zulassung leichter rechtfertigen. Das kann langfristig zu einer breiteren Produktpalette führen.
Distributoren sagen: CONNEXOR hat die Daten, aber nur wenige Institute können IBT (Internet Based Terms) nativ lesen. Luma bietet die Plattform, deckt aber nur eine begrenzte Zahl von Emittenten und Dienstleistungen ab. Ist ein Distributor, der das beste Produkt für seinen Kunden sucht, damit nicht weiterhin auf zwei oder drei Systeme angewiesen – und genau mit dem Fragmentierungsproblem konfrontiert, das Sie lösen wollen?
York: Das beschreibt gut, wie der Markt bislang funktioniert hat. Es greift aber zu kurz, sobald Luma und CONNEXOR verbunden sind. Gerade weil nur wenige Institute IBT nativ lesen können, haben wir diese Integration aufgebaut: Luma liest und übersetzt die Daten, sodass der Distributor dafür kein separates System mehr benötigt.
Damit fällt zumindest ein Zwischenschritt weg. Ob ein Produkt für einen bestimmten Kunden geeignet ist, ist eine Frage der Suitability und von der Datenebene zu trennen. Das ist die schwierigere Herausforderung, und wir wollen nicht den Eindruck erwecken, sie sei gelöst, nur weil die Daten sauberer sind.
Wo liegt für eine mittelgrosse Bank oder einen Broker der Business Case Ihres Angebots: schnellere Markteinführung, höhere Effizienz oder etwas anderes?
Marcon Fiastri: Das hängt davon ab, ob eine Bank als Emittent oder als Distributor auftritt. Für Emittenten liegt der wichtigste Vorteil darin, dieselbe Technologie und Infrastruktur über verschiedene Kundensegmente, Produkttypen und Plattformen hinweg nutzen zu können. Das schafft Skaleneffekte, senkt die Kosten und ermöglicht eine schnellere Markteinführung. Für Distributoren besteht der Hauptvorteil darin, Daten verschiedener Emittenten auf dieselbe automatisierte Weise zu erhalten. Das verbessert die Datenqualität, reduziert den operativen Aufwand und senkt Risiken.
York: Für mich steht ein weniger offensichtlicher Vorteil im Vordergrund: konsistente Prozesse auch bei wachsendem Volumen. Bei einer mittelgrossen Bank oder einem Broker muss oft ein kleines Team mit immer mehr Emittenten und deren unterschiedlichen Datenformaten und Anforderungen umgehen. Für jeden Emittenten dieselbe spezialisierte Expertise aufzubauen wie eine grosse globale Bank ist unrealistisch.
Eine gemeinsame Infrastruktur verlagert dieses Know-how ins System. So können auch kleinere Institute eine leistungsfähige Infrastruktur nutzen, ohne sie und das nötige Wissen selbst aufbauen zu müssen. Das erleichtert es ihnen, ihr Angebot zu erweitern und mit grösseren Anbietern Schritt zu halten.
CONNEXOR ist inzwischen in Deutschland, Spanien, Asien und den USA präsent. Was mussten diese Märkte aufgeben, um sich anzubinden?
Marcon Fiastri: Bei einem neuen Standard gibt es zunächst meist Skepsis, weil bestehende Systeme und Prozesse angepasst werden müssen. Inzwischen ist der Handel jedoch deutlich stärker automatisiert und läuft zunehmend über Multi-Emittenten-Plattformen. Dadurch sind die Vorteile einer einheitlichen Infrastruktur viel klarer geworden: Emittenten können dieselbe Technologie in Europa, Asien und den USA nutzen, und Plattformen können neue Emittenten einfacher anbinden und Produkt- und Lifecycle-Daten marktübergreifend auf dieselbe Weise verarbeiten.
Europa und die USA haben historisch unterschiedliche Standards und Konventionen. Ist eine echte Konvergenz realistisch oder werden wir mehrere Standards sehen, die kompatibel, aber nicht vereinheitlicht sind?
York: Eine vollständige Konvergenz halte ich weder für realistisch noch für notwendig. Europa und die USA verwenden nicht nur unterschiedliche Offenlegungsformate, sondern regulieren teilweise auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Realistischer ist Interoperabilität: Standards, die miteinander kommunizieren können, ohne identisch zu sein. Ich erwarte, dass die führenden Plattformen über Regionen hinweg zunehmend kompatibel werden. So lässt sich eine hohe Datenqualität sicherstellen, ohne dass es zwingend einen einheitlichen Standard braucht.
In den USA gewinnt eine in der Schweiz verankerte Infrastruktur an Bedeutung. Spielt die Herkunft für US-Emittenten eine Rolle?
York: US-Emittenten wählen eine Infrastruktur nicht aufgrund ihrer Herkunft. Entscheidend ist, dass sie zuverlässig funktioniert, sich in die bereits genutzten Plattformen integrieren lässt und auch hohe Volumen operativ bewältigen kann.
UBS und andere grosse Schweizer Emittenten tragen ihr Modell zunehmend in globale Märkte. Ein sich abzeichnender Industriestandard oder nur das Ergebnis fehlender Alternativen?
Marcon Fiastri: Grosse Schweizer Banken haben entscheidend dazu beigetragen, den CONNEXOR-Standard international zu etablieren: Wer über verschiedene Regionen hinweg dieselben Middle- und Backoffice-Systeme nutzt, arbeitet sinnvollerweise auch mit demselben Datenstandard. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Distributoren. Sie wollen über Emittenten und Märkte hinweg eine einheitliche Datenqualität und eine zeitnahe Bereitstellung und drängen deshalb auf dieselben Standards. Es geht also nicht darum, dass sich ein Emittent durchsetzt – die Entwicklung zeigt vielmehr die Vorteile einer stärkeren Standardisierung.
Alle sprechen über Machine-to-Machine-Konnektivität. Wie stark wird sie sich in den kommenden drei Jahren weiterentwickeln?
York: Auf der Datenseite passiert vieles bereits heute. Lifecycle-Ereignisse werden zunehmend direkt von System zu System übertragen, ohne manuelle Neuerfassung – jedenfalls auf den grösseren Plattformen. In den kommenden drei Jahren dürfte sich das über die grössten Anbieter hinaus ausweiten. Eine vollständig autonome Ausführung und Allokation ohne menschliche Kontrolle erwarte ich dagegen nicht, zumindest nicht in diesem Markt. Das wäre ein massiver Schritt, und so weit sind wir noch nicht.
Marcon Fiastri: Bei der Mehrheit der Emittenten, mit denen wir zusammenarbeiten, werden bereits heute mehr als 90% der Payoffs vollautomatisiert verarbeitet. Machine-to-Machine-Konnektivität ist also bereits Realität. In den kommenden drei Jahren erwarte ich einen noch höheren Automatisierungsgrad, da Kunden zunehmend Geschwindigkeit und eine konstant hohe Datenqualität verlangen.
Wie wird KI die Nutzung von Daten zu Strukturierten Produkten verändern?
Marcon Fiastri: KI wird in der Branche bereits eingesetzt, um Kundendokumente zu erstellen, Dokumente auszulesen und Daten für Entscheidungen zu strukturieren. Sie wird Prozesse verbessern, den Datenzugang erleichtern und Entscheidungen beschleunigen, aber nicht die solide Infrastruktur ersetzen, auf die der Markt angewiesen ist.
York: Ich teile diese Einschätzung: Der eigentliche Mehrwert von KI entsteht erst, wenn diese grundlegende Infrastruktur vorhanden ist. Saubere, strukturierte Daten ermöglichen es der KI, weit mehr zu leisten als nur Dokumente zu automatisieren: Sie kann Muster über Emittenten und Marktphasen hinweg erkennen, Auffälligkeiten frühzeitig identifizieren, Entwicklungen vergleichen und so jahrelange Lifecycle-Daten von einem Archiv in ein echtes Analyseinstrument verwandeln. Davon können alle Institute profitieren, die an dieselbe Infrastruktur angebunden sind – nicht nur jene mit grossen Research-Teams. Deshalb ist KI für mich ein weiterer Grund, zuerst die Infrastruktur richtig aufzusetzen, und keine Abkürzung, um sie zu umgehen.
Diese Ausgabe beschäftigt sich mit den möglichen Auswirkungen der US-Midterms auf die Märkte. Warum sollte sich ein Berater in Zürich oder Miami gerade jetzt für Dateninfrastruktur interessieren, wenn er Portfolioentscheidungen trifft?
Marcon Fiastri: Berater müssen jederzeit wissen, was sich im Portfolio ihrer Kunden verändert hat, etwa wenn ein Strukturiertes Produkt vorzeitig zurückbezahlt wird. Nur dann können sie rasch beurteilen, ob Handlungsbedarf besteht, und gegebenenfalls eine neue Anlagelösung vorschlagen. Dafür braucht es aktuelle, qualitativ hochwertige Daten und eine verlässliche Infrastruktur.
York: Gutes Portfoliomanagement bedeutet nicht, auf Schlagzeilen zu reagieren – auch nicht rund um die Midterms. Entscheidend ist Disziplin: jederzeit genau zu wissen, was im Portfolio liegt und was sich darin verändert. Diese Disziplin entsteht nicht von selbst. Sie hängt von der Infrastruktur im Hintergrund ab – von den Datenflüssen, dem Lifecycle-Tracking und den Systemen, die Veränderungen erfassen, bevor sie zur Überraschung werden. Das gilt in Zürich genauso wie in Miami. Eine disziplinierte Anlagestrategie ist nur so gut wie die Infrastruktur, auf der sie aufbaut.
Vielen Dank für das spannende Gespräch, Frau York und Herr Marcon Fiastri.
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Tara York, CFA
Geschäftsführerin, Leiterin EMEA, Luma Financial Technologies
Tara York verantwortet die Geschäftsentwicklung, das Wachstum und strategische Partnerschaften in der gesamten EMEA-Region. Vom EMEA-Hauptsitz in Zürich aus trägt sie dazu bei, die globale Präsenz von Luma sowie die Beziehungen zu Finanzinstituten, Vertriebspartnern und Emittenten auszubauen. Zuvor war sie in verschiedenen Funktionen im institutionellen Asset Management für Vermögensverwalter, Versicherungsgesellschaften, Stiftungen und Fonds tätig. Ihre Aufgaben umfassten unter anderem die Analyse von Asset Managern, die Fondsverwaltung und die institutionelle Beratung. Seit 2018 ist sie CFA-Charterholder.
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Francesco Marcon Fiastri
Leiter CONNEXOR & Vertrieb Strukturierte Produkte, SIX Swiss Exchange
Francesco Marcon Fiastri leitet weltweit CONNEXOR, die Infrastrukturlösung von SIX für Emission, Referenzdaten und Lebenszyklusmanagement von Strukturierten Produkten. Zudem verantwortet er die Vertriebsorganisation für Strukturierte Produkte, die an SIX Swiss Exchange und der BME Exchange kotiert sind. Er hat die internationale Expansion von CONNEXOR über die Schweiz hinaus nach Europa, Asien – insbesondere Hongkong und Singapur – sowie in die USA vorangetrieben und dabei die Arbeitsabläufe im Bereich Strukturierter Produkte für Emittenten und Vertriebsgesellschaften verbessert. Seit 2021 ist er CAIA-Charterholder.