Interviews
China wandelt sich zur Technologiemacht
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Susan Niederhöfer
Chefredakteurin
Chinas Wachstumsstory hat zuletzt Kratzer bekommen. Was könnten die Gründe dafür sein?
Chinas glänzende Wachstumsstory hat in den letzten Jahren spürbar an Dynamik verloren. Die Gründe dafür liegen weniger in kurzfristigen Phänomenen als in tiefergehenden strukturellen Veränderungen. Einer der bedeutendsten Faktoren ist die Krise im Immobiliensektor, der über viele Jahre ein zentraler Wachstumstreiber war. Grosse Bauträger sind hoch verschuldet, Projekte bleiben unvollendet und fallende Immobilienpreise drücken auf das Vermögen vieler Haushalte. Das schwächt nicht nur die Bauaktivität, sondern auch die Konsumlaune.
Damit hängt ein weiteres Problem zusammen: der vergleichsweise schwache Binnenkonsum. Viele chinesische Haushalte sparen aus Vorsicht, unter anderem wegen unsicherer Jobperspektiven und eines weniger ausgeprägten Sozialsystems. Auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit trägt zur Verunsicherung bei. Das lange erfolgreiche exportgetriebene Modell stösst zunehmend an Grenzen. Handelskonflikte, insbesondere mit den USA, steigender Protektionismus und die Verlagerung von Lieferketten in andere Länder schwächen das chinesische Erfolgsmodell.
Insgesamt lässt sich sagen, dass China zwar weiterhin wächst, aber unter schwierigeren Bedingungen und mit geringerer Geschwindigkeit, was eher typisch für grosse, bereits entwickelte Volkswirtschaften ist.
Der Volkskongress hat Anfang März 2026 den 15. Fünfjahresplan verabschiedet. Welche Impulse könnten sich daraus ergeben?
Der 15. Fünfjahresplan könnte den Übergang von einer primär exportorientierten Produktionswirtschaft hin zu einer innovationsgetriebenen Führungsrolle weiter beschleunigen.
Die chinesische Legislative hat dabei mehrere zentrale Säulen definiert: Innovation und wissenschaftlicher Fortschritt, industrielle Aufwertung, digitale und grüne Transformation sowie die Förderung eines technologiebasierten Binnenkonsums. Das übergeordnete Ziel ist es, die globale Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken und Abhängigkeiten von ausländischen Schlüsseltechnologien systematisch zu reduzieren.
Offiziell liegt die strategische Ambition darin, eine grössere Unabhängigkeit und Stärke in Wissenschaft und Technologie zu erlangen, um die Entwicklung neuer, hochwertiger und produktiver Kräfte zu steuern. Für Investoren bedeutet dies: Staatliche Strategie und unternehmerische Innovation greifen eng ineinander. Wer das strukturelle Wachstum in China analysiert, muss diese politische Steuerungslogik als integralen Bestandteil der Investmentthese berücksichtigen.
Gemäss dem Plan sollen Technologie und Innovation massiv vorangetrieben werden. Hat China das Zeug sich von der Werkbank der Welt zur führenden und autonomen Technologienation zu entwickeln?
In den vergangenen 30 Jahren haben Schwellenländer kontinuierlich an Bedeutung für die Weltwirtschaft gewonnen, wobei Asien heute im Zentrum dieser Transformation steht. Der Anteil der asiatischen Schwellenländer am globalen Bruttoinlandsprodukt hat mittlerweile die Eurozone überholt und konkurriert auf Augenhöhe mit den USA. Prognosen des Internationalen Währungsfonds zufolge könnten die asiatischen Schwellenländer bis 2030 ein Bruttoinlandsprodukt von rund USD 38 Billionen erreichen – nahezu eine Verdopplung im Vergleich zu vor etwa zehn Jahren. Dies unterstreicht die beeindruckende strukturelle Wachstumsdynamik der Region.
China spielt dabei eine zentrale Rolle. Während das Land über Jahrzehnte als «Werkbank der Welt» bekannt war, liegt der Fokus heute verstärkt auf technologischer Souveränität und qualitativ hochwertiger Wertschöpfung. Dieser Wandel ist allerdings weder garantiert noch verläuft er völlig reibungslos. Während China in mehreren Zukunftsfeldern bereits über eine starke Position verfügt und in einigen Bereichen wahrscheinlich zur Weltspitze gehören oder diese sogar anführen dürfte, ist eine vollständige technologische Autonomie schwer zu erreichen, weil moderne Technologien global verflochten sind. Es bleibt daher eher ein Wettlauf der führenden und fortschrittlichsten Volkswirtschaften mit offenem Ausgang. Wahrscheinlicher ist ein Szenario, in dem China in bestimmten Schlüsselindustrien führend sein wird, in anderen Bereichen allerdings weiterhin auf internationale Zusammenarbeit angewiesen sein könnte.
Könnte in der chinesischen Affinität zur Technologie und den massiven Investitionen in technologische Schlüsselbereiche wie KI und Robotik eine Chance für Anleger liegen?
Ein besonders spannendes Feld im globalen Wettbewerb ist die künstliche Intelligenz – und gerade hier wird deutlich, wie konsequent China seine technologische Führungsrolle anstrebt. Denn um im KI-Rennen vorne mitzuspielen, reicht gute Software allein nicht aus. Entscheidend sind die strukturellen Voraussetzungen – und genau in diesem Bereich bringt China mehrere strategische Stärken mit.
Ein zentraler Faktor ist die Energieverfügbarkeit. KI-Modelle und Rechenzentren sind sehr stromintensiv, und China gehört weltweit zu den führenden Ländern in der Energieproduktion. Gleichzeitig treibt das Land den Ausbau erneuerbarer Energien massiv voran. Eine stabile und skalierbare Energieinfrastruktur ist damit ein klarer Wettbewerbsvorteil. Hinzu kommt der Zugang zu kritischen Ressourcen. China dominiert die Produktion seltener Erden, die für Halbleiter, Hochleistungsprozessoren und viele Zukunftstechnologien unverzichtbar sind. Diese starke Position in den globalen Lieferketten verschafft dem Land zusätzlichen Einfluss.
Ein weiterer Punkt ist das Humankapital. In den MINT-Fächern (Mathematik, IT, Naturwissenschaft, Technik) bringt China jedes Jahr deutlich mehr Absolventen hervor als etwa die USA. Das sorgt für einen breiten Talentpool – von der Grundlagenforschung bis zur industriellen Anwendung. Nicht zuletzt hat China seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den vergangenen Jahren massiv erhöht und zählt heute zu den weltweit führenden Innovationsstandorten. Der Abstand zu den USA ist dabei deutlich kleiner geworden.
Ob China am Ende tatsächlich die Führungsrolle in der KI übernimmt, bleibt offen. Klar ist aber: Die strukturellen Voraussetzungen sind vorhanden und werden systematisch weiter ausgebaut.
Für Anleger bedeutet das, dass asiatische Innovationszentren längst nicht mehr als Nachzügler betrachtet werden sollten, sondern als ernstzunehmende Wettbewerber mit eigener Dynamik. Gerade in Bereichen wie KI, Robotik, grüner Technologie oder autonomem Fahren eröffnen sich interessante Chancen. Gleichzeitig sollten jedoch auch geopolitische Risiken, regulatorische Eingriffe und die teils hohe Marktvolatilität im Blick behalten werden.
Der Yuan hat in Relation zum US-Dollar in den vergangenen Monaten aufgewertet. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Währung? Und könnte die People’s Bank of China versuchen, die Aufwertung des Yuan umzukehren?
Die jüngste Aufwertung des chinesischen Yuan gegenüber dem US-Dollar ist vor allem das Ergebnis mehrerer gleichzeitig wirkender Faktoren: einer zwischenzeitlichen Schwäche des Dollars, Kapitalzuflüssen nach China sowie einer bewusst tolerierten, aber klar gesteuerten Haltung der People’s Bank of China. Entscheidend ist dabei, dass der Yuan keine frei floatende Währung ist, sondern innerhalb eines von der Zentralbank eng überwachten Rahmens gehandelt wird.
Ein stärkerer Yuan hat aus chinesischer Sicht durchaus Vorteile, etwa günstigere Importpreise – insbesondere für Rohstoffe – sowie eine dämpfende Wirkung auf die Inflation. Zudem passt eine graduelle Aufwertung zur strategischen Neuausrichtung der Wirtschaft hin zu mehr Binnenkonsum. Gleichzeitig achtet die Zentralbank darauf, dass die Bewegung nicht zu schnell verläuft. Eine zu starke oder abrupte Aufwertung würde die Wettbewerbsfähigkeit der exportorientierten Industrie beeinträchtigen, die nach wie vor eine zentrale Rolle für das Wachstum spielt.
Vor diesem Hintergrund verfolgt die People’s Bank of China eine typische «Glättungsstrategie»: Sie lässt Marktkräfte grundsätzlich wirken, greift aber ein, sobald die Dynamik zu einseitig wird. Das zeigt sich etwa in Anpassungen bei Wechselkursfixings oder regulatorischen Massnahmen, die Spekulationen entweder bremsen oder erleichtern – je nachdem, in welche Richtung sich der Yuan bewegt. Ziel ist kein klarer Auf- oder Abwertungstrend, sondern ein stabiler Wechselkurs in einem politisch gewünschten Korridor.
Eine gezielte Umkehr der Aufwertung, also eine aktive Abwertung des Yuan, erscheint derzeit eher unwahrscheinlich. Sie wäre politisch heikel und würde international schnell den Vorwurf der Währungsmanipulation hervorrufen. Zudem hat China ein langfristiges Interesse daran, Vertrauen in die eigene Währung aufzubauen und ihre internationale Nutzung zu fördern.
Ihr Haus hat Anfang des Jahres den Vontobel Rising Economies Disruptors Index (R.E.D.) aufgelegt. Worin liegt der Nutzen für Anleger?
Der Vontobel Rising Economies Disruptors Index umfasst einen breit diversifizierten Aktienkorb von rund 50 Unternehmen aus aufstrebenden Volkswirtschaften, die als «Disruptoren» in Bereichen wie Technologie, Energie oder Finanzdienstleistungen gelten. Für Anleger entfällt damit die Notwendigkeit, einzelne Titel zu analysieren und auszuwählen oder direkte Marktzugänge in oft komplexen Emerging Markets zu organisieren.
Ein weiterer zentraler Vorteil liegt darin, dass Anleger Risiken über mehrere Regionen und Sektoren streuen können. Viele der dynamischsten Innovationen entstehen heute in Emerging Markets und der R.E.D-Index bündelt gezielt solche Unternehmen, die in ihren jeweiligen Märkten strukturelle Veränderungen vorantreiben.
Welche Strategie verfolgt der Index bzw. in welche Unternehmen und Bereiche wird investiert?
Der Vontobel Rising Economies Disruptors Index verfolgt eine klar thematische und wachstumsorientierte Anlagestrategie. Im Zentrum stehen dabei gezielt Unternehmen aus Schwellenländern, die als treibende Kräfte von Innovation und strukturellem Wandel gelten. Der geografische Fokus liegt insbesondere auf China sowie weiteren asiatischen Volkswirtschaften, denen nach Einschätzung des Indexsponsors Vontobel Asset Management künftig eine immer bedeutendere Rolle in der globalen Innovationslandschaft zukommen dürfte.
Inhaltlich konzentriert sich der Index auf Unternehmen, die Innovationen aktiv vorantreiben, disruptive Produkte entwickeln oder entsprechende Technologien in ihren Geschäftsmodellen einsetzen. Die relevanten Fortschritte lassen sich dabei in vier zentrale Themenbereiche gliedern: Basistechnologien, Automatisierung, Gesundheitstechnologie und Konsumententechnologie. Die Identifikation geeigneter Unternehmen erfolgt durch den kombinierten Einsatz eines LLM-basierten Machine-Learning-Modells sowie einer sogenannten quantamentalen Selektion, die sowohl attraktive Fundamentaldaten als auch quantitative Kennzahlen berücksichtigt.
Im Unterschied zu klassischen Emerging-Markets-Indizes steht folglich nicht eine möglichst breite Marktabdeckung im Vordergrund. Stattdessen liegt der Fokus auf einer gezielten Auswahl von Unternehmen, die durch technologische Innovationen, digitale Geschäftsmodelle oder staatlich geförderte Zukunftsindustrien ein Wachstumspotenzial aufweisen und somit als besonders dynamische Akteure innerhalb ihrer Märkte gelten.
Welche Rolle spielt China im Vontobel Rising Economies Disruptors Index?
Der Auswahlprozess beim Vontobel Rising Economies Disruptors Index umfasst mehrere Schritte und beinhaltet das Screening potenzieller Indexmitglieder anhand qualitativer und quantitativer Kriterien. Auf diese Weise werden bis zu 50 Aktien aus den relevanten Themenbereichen ausgewählt, die für die Strategie als am attraktivsten erachtet werden. China hat dabei eine sehr dominante Rolle. Je nach Zeitpunkt der Zusammensetzung liegt das Gewicht chinesischer Unternehmen typischerweise im Bereich von rund 50% oder sogar darüber.
Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist China innerhalb der Schwellenländer der mit Abstand grösste und technologisch dynamischste Markt. Zum anderen erfüllt ein besonders grosser Teil der chinesischen Unternehmen die Kriterien des Index – nämlich als Disruptoren in Bereichen wie Digitalisierung, E-Mobilität, Batterietechnologie oder erneuerbare Energien. Firmen wie Tencent oder CATL stehen exemplarisch für diese Ausrichtung. Unternehmen anderer Länder, etwa Indien, Südkorea oder südostasiatische Volkswirtschaften, sind ebenfalls vertreten, haben aber ein deutlich geringeres Gewicht.
Für Anleger bedeutet das: Die Wertentwicklung des Index hängt auch stark von der wirtschaftlichen, politischen und regulatorischen Entwicklung in China ab.
Vielen Dank für das spannende Gespräch, Herr Wolff!
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Benjamin Wolff
Vontobel Public Distribution Execution
Benjamin Wolff verfügt über umfassende Expertise im Bereich Strukturierte Produkte. Seine regelmässigen Auftritte als Interviewpartner bei «Der Aktionär TV» verdeutlichen sein Engagement und seine Präsenz in der Finanzbranche. Zudem teilt er seine Leidenschaft und sein Fachwissen zu Strukturierten Produkten mit einem breiten Publikum sowohl auf Branchenveranstaltungen in der Schweiz als auch in Webinaren.