Interviews
KI ist kein Hype – sie ordnet die Wirtschaft neu
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Susan Niederhöfer
Chefredakteurin
FOMO steht für «Fear of Missing Out» (Angst, etwas zu verpassen): Haben Ihre Kunden derzeit diese Angst?
Zweifellos ist FOMO präsent, aber sie hat ihren Charakter verändert. Im Gegensatz zu früheren Marktphasen zeigen unsere Kunden derzeit keine blinde Hysterie. Es geht nicht mehr darum, «irgendeine» KI-Aktie im Portfolio zu haben. Die FOMO ist differenzierter geworden. Institutionelle Investoren fragen heute sehr gezielt: Wo entstehen die strukturellen Engpässe? Wer kontrolliert die Infrastruktur? Wer monetarisiert Produktivität? Es geht weniger darum, einen kurzfristigen Hype zu verpassen, sondern vielmehr darum, einen langfristigen Produktivitätszyklus zu unterschätzen. Genau darin liegt der Unterschied zu den spekulativen Übertreibungen früherer Jahre.
In den vergangenen Wochen konnten wir einige überraschende Entwicklungen an den Kapitalmärkten beobachten: Langjährige Wachstumsgaranten aus der Tech-Branche wurden von KI-Anbietern überholt und um ihre Marktkapitalisierung gebracht. Wie haben Sie das Ihren Kunden erklärt?
Wir erklären die überraschenden Verschiebungen in der Marktkapitalisierung – insbesondere die Rotation weg von etablierten Wachstumsgaranten und hin zu Titeln aus den Bereichen KI-Infrastruktur und Energie – entlang der Wertschöpfungskette. KI ist nicht nur ein Software-Upgrade, sondern entwickelt sich zu einer kapitalintensiven Industrie. Die Hyperscaler investieren Hunderte Milliarden in Rechenzentren, Chips, Netzwerke und Energie. Kapital wandert somit von Büroflächen in Serverfarmen und von Arbeitskraft in Hardware. In einem solchen Umfeld verschieben sich Bewertungsprämien zwangsläufig. Unternehmen ohne klaren «Burggraben» geraten unter Druck, während Anbieter von Energie, Halbleiterdesign, Netzwerkinfrastruktur oder sicherheitskritischer Software strukturell aufgewertet werden. Dabei geht es weniger um eine Disruption der gesamten Tech-Industrie als um eine Neuverteilung der ökonomischen Renten innerhalb des Sektors.
Nach dem Platzen der grossen Internet- und Telekommunikationsblase in den frühen 2000er-Jahren verloren viele Anleger das Vertrauen in Kapitalmarktprodukte. Ist Ihr Eindruck, dass dies nach den signifikanten Wertverlusten der Tech-Konzerne auch der Fall ist?
Aus unserer Sicht greift ein Vergleich mit dem Platzen der Internet- und Telekommunikationsblase zu Beginn der 2000er-Jahre zu kurz. Damals fehlten Cashflows, Profitabilität und belastbare Geschäftsmodelle. Heute sehen wir hingegen reale Produktivitätsgewinne, steigende Umsätze pro Mitarbeiter und robuste Gewinnentwicklungen. Die globale Wirtschaft wächst solide, die Arbeitsmärkte sind stabil und die Kapitalbasis der Unternehmen ist stark. Was wir derzeit beobachten, ist keine Vertrauenskrise in Kapitalmarktprodukte, sondern eine Phase der Bewertungsnormalisierung und Risikodifferenzierung. Anleger hinterfragen nicht die Geschäftsmodelle an sich, sondern die Multiples.
Hatten Sie die Möglichkeit, Ihre Kunden auf diese Entwicklung vorzubereiten, oder wurden Sie von den Ereignissen überrascht?
Wir waren auf diese Entwicklung vorbereitet, wenn auch nicht in ihrem exakten Timing, so doch in ihrer Struktur. Schon früh haben wir betont, dass nicht der Capex selbst entscheidend ist, sondern die Rendite der Investition. Investitionen sind sichtbar und spektakulär. Die Monetarisierung hingegen nicht. Genau dort liegt das Bewertungsrisiko.
Entsprechend haben wir innerhalb unseres Margaris No.1 Artificial Intelligence Index frühzeitig eine stärkere Differenzierung zwischen Infrastruktur, «Powering AI» und hoch bewerteter Applikationssoftware vorgenommen und unsere Positionierungen angepasst. Parallel dazu haben wir die Technologie auf Gesamtportfolioebene von Übergewicht auf Neutral zurückgenommen und Energie hochgestuft. Gleichzeitig haben wir Absicherungsstrategien gegen Korrekturen von 10% bis 15% empfohlen.
Unser Basisszenario war stets konstruktiv, aber mit Rotation – «bullish mit kleinem b». Genau diese choppy Transformation erleben wir derzeit.
Wie stark wurden die Kursverluste Ihrer Einschätzung nach durch Herdentrieb verursacht? Oder basieren die Effekte auf tatsächlichen Fakten und fundamentalen KPIs?
Die Kursverluste lassen sich nicht monokausal erklären. Ein Teil davon ist eindeutig auf Herdentrieb und Positionierungsabbau zurückzuführen. Selbst Unternehmen mit exzellenten Zahlen sahen «Sell-the-News»-Reaktionen, da die Erwartungen und die Positionierung extrem waren. Gleichzeitig sind die fundamentalen Faktoren nicht zu ignorieren. Die Bewertungsprämien waren hoch, die Investitionen der Hyperscaler stehen zunehmend unter ROI-Beobachtung und Zinsbewegungen beeinflussen die langfristigen Cashflow-Bewertungen erheblich. Die aktuelle Phase ist daher weniger ein Zusammenbruch der KI-These als eine Disziplinierung durch den Kapitalmarkt.
Sind sichere Häfen seit Beginn der «Tech-Sektorschwäche» wieder stärker gefragt? Und welche Basiswerte würden Sie Ihren Kunden aktuell konkret empfehlen?
Was die Nachfrage nach sicheren Häfen betrifft, beobachten wir eine selektive Umschichtung. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine panische Flucht, sondern um eine taktische Reallokation. Industriemetalle wie Kupfer gelten als «mission critical» für Elektrifizierung, Netzausbau und Rechenzentren. Silber profitiert von Unsicherheit und industrieller Nachfrage zugleich. Energie bleibt strukturell relevant, selbst wenn wir in unserem Basisszenario mittelfristig von moderateren Ölpreisen ausgehen. Europäische Banken und Industriewerte gewinnen durch fiskalpolitische Impulse und günstige Finanzierungsbedingungen an Attraktivität.
Im Technologiesektor sehen wir derzeit besonders attraktive Opportunitäten bei überverkauften Qualitätsunternehmen mit starkem Burggraben. Genau hier setzt unser NextGen Software Moat Index an. Wir investieren gezielt in etablierte Softwarefirmen, die tief in unternehmenskritische Prozesse integriert sind, hohe Wechselkosten aufweisen und über strukturelle Wettbewerbsvorteile verfügen. Die jüngste Verunsicherung, die durch KI ausgelöst wurde, hat viele dieser Titel pauschal unter Druck gesetzt, da der Markt befürchtete, KI könnte klassische Software verdrängen.
Wir sind jedoch überzeugt, dass KI nicht starke Softwareplattformen verdrängt, sondern diese erweitert. Unternehmen mit tief verankerten Datenbeständen, regulatorischer Einbindung und workflow-kritischer Infrastruktur nutzen KI als zusätzliche Monetarisierungs- und Produktivitätsschicht. Der Burggraben wird somit nicht schmaler, sondern breiter. Genau diese Fehlbewertung – strukturelle Stärke bei zyklisch gedrückter Bewertung – nutzen wir aktiv aus.
Ihr Haus bietet auch Produkte an, die für den öffentlichen Vertrieb zugelassen sind. Sehen Sie sich hier in einem Interessenkonflikt oder ist die gleichzeitige Abdeckung von Public Distribution und aktiver Beratung und Vertrieb vielmehr eine Chance, wenn Märkte volatil und Kunden allenfalls verunsichert sind?
Wir sehen die Kombination aus öffentlichem Vertrieb und aktiver Beratung nicht als Interessenkonflikt, sondern als strategischen Vorteil. In volatilen Märkten benötigen professionelle Anleger Transparenz bei der Strukturierung, Flexibilität beim Risikomanagement und Zugang zu massgeschneiderten Lösungen. Dank unserer Fähigkeit, sowohl Emissionsplattform als auch strategischer Berater zu sein, können wir Markteinschätzungen direkt in umsetzbare Strukturen übersetzen. Gerade in Phasen erhöhter Unsicherheit schafft diese Integration Effizienz und Klarheit.
Was wird sich durchsetzen: KI oder Tech?
Die Frage «KI oder Tech?» halten wir letztlich für falsch gestellt. KI ist kein separater Sektor, sondern eine Evolutionsstufe der Technologie. Nicht alle Tech-Unternehmen werden von KI profitieren, aber starke Plattformen mit strukturellem Burggraben werden durch sie eher gestärkt als ersetzt. Die eigentlichen Gewinner werden diejenigen sein, die Infrastruktur, Daten, Energie oder Verteilung kontrollieren. KI ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein Produktivitätszyklus. Sie wird schwache Geschäftsmodelle entlarven, aber starke noch dominanter machen.
Unser Fazit ist klar: Wir erleben keine Blase, sondern eine Neuordnung. Kapital wird selektiver, Bewertungen werden rationaler und Wettbewerbsvorteile werden wieder stärker differenziert. In einem solchen Umfeld gewinnt nicht das lauteste Narrativ, sondern das belastbarste Geschäftsmodell.
Vielen Dank, Herr Porfiri!
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Maurizio Porfiri
Chief Investment Officer bei der Maverix Securities AG
Er ist ein Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den internationalen Märkten. Er begann seine Karriere im Jahr 1993 bei der Schweizerischer Bankverein. Es folgten Positionen bei BNP Switzerland, Goldman Sachs und Thomas Weisel Partners, wo er europäische und schweizerische institutionelle Anleger betreute und sich auf Technologie- und Wachstumsaktien spezialisierte. Von 2010 bis 2020 leitete er den Advisory Desk bei BNP Paribas Wealth Management Switzerland und entwickelte innovative Lösungen für vermögende Kundinnen und Kunden. Heute gestaltet er als Chief Investment Officer bei der Maverix Securities AG die Anlagestrategie des Unternehmens.