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payoff Interviews

Konzentrationsrisiken gezielt mit ETFs und Fonds steuern

07.05.2026 7 Min.
  • Susan Niederhöfer

    Susan Niederhöfer
    Chefredakteurin

Jamie Dimon meinte, eine Rezession 2026 sei möglich – er mache sich aber keine Sorgen. Was unterscheidet die aktuelle Lage mit Blick auf Inflation und Geldpolitik von früheren Krisen wie 2022?

Galler: Die aktuelle Situation unterscheidet sich in einigen Punkten vom Krisenjahr 2022, als durch den Ukraine-Krieg ebenfalls Energiesorgen auftraten. Allein was die Inflationsgefahren betrifft, befinden wir uns nicht auf dem gleichen Spielfeld wie 2022. Während die Zentralbanken damals von der Inflation bei Nullzinsen überrascht wurden, sind die Realzinsen heute positiv, das Lohnwachstum schwächt sich ab und die Inflationstrends sind grundsätzlich fallend. Dennoch markiert das 2. Quartal 2026 einen Wendepunkt: Anfang des Jahres war die Erwartung für dieses Jahr noch, dass die Wirtschaft sowohl fiskalisch als auch durch Zinssenkungen monetär massiv unterstützt wird. Dieser Rückenwind wird nun deutlich geringer ausfallen. Denn die Inflationsgefahren nehmen durchaus zu: Der inflationäre Druck durch Energiepreise schränkt den Spielraum der Zentralbanken für Zinssenkungen massiv ein, was den erhofften monetären Schub dämpft.

Verbraucher und Anleger sind derzeit aufgrund des Iran-Konflikts verunsichert. Können aktive ETFs angesichts der Eskalation einen Mehrwert bieten?

Durdevic: Aktive ETFs bieten gerade in geopolitisch angespannten Zeiten wie aktuell im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt einen entscheidenden Vorteil: Sie ermöglichen es Fondsmanagern, flexibel und schnell auf neue Marktentwicklungen zu reagieren. Während passive ETFs starr einen Index abbilden, können aktive Manager gezielt Risiken steuern und Chancen nutzen – beispielsweise mittels Über- oder Untergewichtung von Einzeltiteln, aber auch Sektoren oder Regionen. In volatilen Marktphasen, wie sie durch geopolitische Krisen ausgelöst werden, kann diese Flexibilität helfen, Abwärtsbewegungen zu begrenzen oder Erholungspotenziale frühzeitig zu nutzen.

Aktive ETFs werden häufig als Ersatz für passive Index-Exposures oder als Alternative zu traditionellen Fonds betrachtet. Studien zeigen jedoch, dass über drei Viertel der Anleger sie bislang lediglich als Beimischung einsetzen. Welche Strategie verfolgt J.P. Morgan AM, um aktive ETFs stärker als Kerninvestment zu etablieren?

Durdevic: Wir bieten eine breite Palette an aktiven ETFs, die sich explizit als Kernbausteine für die strategische Vermögensallokation eignen. Ein Beispiel sind unsere Research Enhanced Index (REI)-Strategien, die durch ihre breite Diversifikation, niedrigen Tracking Error und konsistente Outperformance mit Track Record überzeugen. Diese wurden zumeist zur Diversifizierung bisher rein passiver Allokationen genutzt und somit zur Reaktivierung passiver Investmentstrategien. Aber grundsätzlich bieten diese ja ähnliche Merkmale wie reine Indextracker auf den MSCI World etc., nur eben mit der Chance auf Mehrertrag.

Noch einfacher wird es mit unseren seit Anfang des Jahres verfügbaren drei Multi-Asset-Strategien, die auf unterschiedliche Risikoprofile zugeschnitten sind: Diese Strategic Allocation ETFs investieren in ein global diversifiziertes Portfolio unserer bewährten aktiven Aktien- und Anleihen-ETFs. Die Allokation erfolgt auf Basis unseres seit drei Jahrzehnten bewährten langfristigen Kapitalmarkt-Researchs «Long-Term Capital Market Assumptions», das bisher zumeist für institutionelle Asset-Allokation genutzt wurde, verbunden mit einem disziplinierten Rebalancing-Prozess. Damit ermöglichen wir einen besonders einfachen Zugang zu breit gestreuten, aktiv gemanagten Portfolios – und das in einer effizienten ETF-of-ETFs-Struktur. Unser Ziel ist es, Anlegern die Vorteile aktiver ETFs als langfristige Kerninvestments zu vermitteln – durch gezielte Aufklärung, Vermittlung von Finanzwissen sowie Entwicklung von Produkten, die klassische Indexexposures sinnvoll ergänzen oder ersetzen können.

Gold glänzt, doch wie profitieren Aktienanleger von steigenden Rohstoffpreisen, und welche Regionen und Sektoren sind dabei besonders begünstigt?

Galler: Einige Aktienindizes profitierten angesichts der Gewichtung rohstoffbezogener Sektoren im Index von höheren Rohstoffpreisen. Der Energiesektor ist seit Jahresbeginn und seit Beginn des Krieges in den meisten Regionen der Sektor mit der besten Performance. Auch Versorger haben sich gut entwickelt. Die starke Performance dieser Sektoren entspricht der historischen Entwicklung, wenn man frühere Ölschocks seit 1970 betrachtet.

Auch wenn in Europa nicht viel Öl produziert wird und höhere Ölpreise das BIP-Wachstum eher belasten als ankurbeln, machen rohstoffbezogene Aktien bis zu 13% der europäischen Aktien aus und sorgen für ein besseres Gewinnwachstum. Wir schätzen, dass ein Anstieg der Ölpreise um 10% das jährliche Gewinnwachstum des STOXX Europe 600 um etwa 2 Prozentpunkte erhöht. Im FTSE 100 und im MSCI Emerging Markets Index ist die Gewichtung der rohstoffbezogenen Sektoren sogar noch höher.

83% aller ETF-Neuauflagen 2025 waren aktive Strategien. In welchen Bereichen können aktive ETFs ihre Vorteile am besten ausspielen?

Durdevic: Aktives Management auf Basis von fundamentalem Research ist unserer Erfahrung nach immer sinnvoll, um auf Marktveränderungen und neue Informationen zeitnah reagieren zu können und so über verschiedene Marktphasen hinweg einen kontinuierlichen Mehrwert zu erzielen. 

Typischerweise wird darauf verwiesen, dass aktives Management vor allem in ineffizienten oder komplexen Märkten, etwa bei Anleihen oder Schwellenländern, sinnvoll ist. Im Anleihenmarkt, der durch eine enorme Vielfalt an Emittenten, Laufzeiten und Bonitäten geprägt ist, können aktive Manager etwa Ineffizienzen gezielt nutzen, Risiken steuern und auf Marktveränderungen reagieren. Auch in volatilen Marktphasen oder bei speziellen Strategien wie Income- oder Buffer-ETFs zeigen aktive Produkte ihre Vorteile, wie vorhin beschrieben.

Aber auch im indexnahen Bereich mit einem Marktbeta von 1 lässt sich mit aktivem Management Mehrwert generieren – dies belegen unsere seit mehr als sieben Jahren erfolgreichen Research Enhanced Index (REI)-ETFs, die inzwischen Strategien rund um den Globus und natürlich auch in liquiden Aktienmärkten wie den USA oder Europa verfügbar sind. Der Ansatz ist sehr einfach und sehr effektiv: Viele kleine, auf Fundamentalanalyse basierende Über- und Untergewichtungen einzelner Titel schaffen einen kontinuierlichen Mehrertrag (Alpha) – bei gleichzeitig indexähnlichem Risiko- und Sektorprofil. Seit Auflage des REI-Prozesses 1988 konnte so über verschiedene Marktzyklen hinweg ein stabiler Mehrwert gegenüber der Benchmark erzielt werden, und das bei einem niedrigen Tracking Error. Diese Strategie wird deshalb sehr gern genutzt, um ein passives Investment zu diversifizieren oder auch in Teilen zu reaktivieren.

In welchen Segmenten sind dagegen passive ETFs überlegen?

Durdevic: Passive ETFs können in sehr effizienten Märkten wie den USA sinnvoll sein. Hier ist es für aktive Manager erfahrungsgemäss schwerer, nach Kosten den Index zu schlagen. Passive Produkte haben häufig sehr niedrige Gebühren und aufgrund des Index-Trackings eine einfache Nachvollziehbarkeit der Investments. Sie eignen sich daher für Anleger, die eine marktnahe Abbildung grosser Indizes wie MSCI World oder S&P 500 suchen.

Vielen Dank für das Gespräch!  

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Ivan Durdevic
Co-Head ETF-Vertrieb bei J.P. Morgan Asset Management

Ivan Durdevic, Managing Director, ist als Co-Head des ETF-Vertriebs EMEA bei J.P. Morgan Asset Management tätig. In dieser Funktion ist er von Zürich aus für die Entwicklung des ETF-Geschäft der Region verantwortlich. Bevor er 2018 zu J.P. Morgan Asset Management kam, war er mehr als sieben Jahre bei Amundi tätig, zunächst als Senior Client Relationship Manager für ETFs und Indexprodukte in Deutschland und zuletzt als stellvertretender Vertriebsleiter für ETFs, Index- und Smart Beta-Produkte in der Schweiz. Zuvor war er Senior Business Development Associate bei BlackRock in Deutschland für die iShares Produkte, wo er das ETF-Geschäft auf- und ausbaute, und bei der NOMURA Bank Deutschland im Vertrieb für Aktienprodukte. Der studierte Betriebswirt begann seine Karriere bei INVESCO in Deutschland.

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Tilmann Galler
Managing Director, globaler Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management

Tilmann Galler ist dafür verantwortlich, forschungsbasierte Einblicke in die globale Wirtschaft und die Finanzmärkte sowohl für Privat- als auch institutionelle Kunden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Zentral- und Osteuropa (CEE) bereitzustellen. Vor seinem Eintritt bei J.P. Morgan Asset Management war Tilmann sechs Jahre bei UBS Global Asset Management tätig, wo er als Client Portfolio Manager Aktien- und ausgewogene Mandate für institutionelle Kunden betreute und Mitglied des europäischen Aktien-Portfoliokonstruktionsteams war. Zuvor arbeitete er bei Commerzbank Securities als Aktienhändler. Tilmann hat ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre (BWL) von der Universität Hohenheim. Er ist zertifizierter EFFAS Financial Analyst (CEFA) und CFA Charterholder.

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