Trading Desk
K.I.nflation: Milliardengrab oder Next Big Thing?
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Martin Raab
Investment-Stratege
Die künstliche Intelligenz hat die Märkte fest im Griff – so fest, dass selbst alte Börsenhasen sich inzwischen fragen, ob es klug ist, weiterhin «long» zu sein.
Sie möchten innerhalb kurzer Zeit ein paar Millionen US-Dollar Venture Capital von fremden Leuten einsammeln? Dann basteln Sie ein ansprechendes Pitchdeck mit viel «AI» im Namen, mieten Sie ein Büro in Amerika oder London und verwenden Sie einige Male «generative blockbuster technolgy als Überschrift. Spass beiseite: Laut den aktuellsten Branchendaten flossen seit Januar dieses Jahres rund USD 89 Milliarden an Venture Capital in KI-Start-ups. Das ist ein historischer Rekord und entspricht etwa einem Viertel des globalen Wagniskapitals. Je nach Analyse existieren derzeit weltweit über einhundert AI-Unicorns, also Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde.
An den Börsen sieht es ähnlich aus: Nvidia, das Symbol des KI-Booms, hat sich zur USD 4.9 Billionnen schweren Legende entwickelt. ETF-Anbieter verzeichnen Rekordzuflüsse in KI-Themenfonds, deren Volumina innerhalb eines Jahres um teilweise mehr als 100% gewachsen sind. Mittags hört man jetzt im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf häufig: «Yes, we just launched an AI-thematic fund, too.». Anleger kaufen, was nach Zukunft klingt – nicht zwingend, was nach nachhaltigem Gewinn aussieht.
Doch was passiert, wenn der Zukunftsklang verstummt? Viele der hochgejubelten Start-ups schreiben noch immer rote Zahlen. Ihre Bewertungen basieren auf Fantasie statt auf dem Free Cashflow. Ein Datencenter, das heute gebaut und ausgerüstet wird, kostet USD 200 Millionen. Die dort verbauten KI-Chips müssen nach drei Jahren ersetzt werden, da sie dann technisch veraltet sind. Das kostet weitere USD 120 Millionen. Dieses Beispiel veranschaulicht, dass die Milliardeninvestitionen innerhalb extrem kurzer Zeit amortisiert werden müssen. Aus Börsensicht zeigt sich bei vielen Chartverläufen ein Muster, das zuletzt in der Dotcom-Ära zu beobachten war.
Börsenpsychologen wissen: Blasen platzen nicht, weil die zugrunde liegende Idee falsch ist, sondern weil zu viele Menschen dieselbe Idee gleichzeitig haben. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Zu viel Kapital, zu hohe Bewertungen, zu wenig konkrete Umsätze – von Gewinnen ganz zu schweigen. Künstliche Intelligenz mag die Zukunft sein, doch ihre Preise sind bereits aus der Zukunft importiert.