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Nestlé: Was tischt der neue CEO auf?
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Wolfgang Hagl
Redaktor
Nach turbulenten Monaten bietet sich für den Lebensmittelkonzern morgen eine gute Gelegenheit, an der Börse Vertrauen zurückzugewinnen. Das Chartbild von Nestlé hat sich schon vor dem Zahlentermin aufgehellt.
Sei es in der Schweiz, der Eurozone oder den USA: Um das Verbrauchervertrauen ist es derzeit in vielen Regionen nicht gut bestellt. Zollstreitigkeiten, eine angespannte Geopolitik, unsichere Wirtschaftsaussichten sowie die mitunter nach wie vor grassierende Inflation lasten auf der Kauflaune. Dieses Umfeld ist alles andere als günstig für Nestlé. Doch bekommt der weltgrösste Lebensmittelkonzern nicht nur die Zurückhaltung vieler Verbraucher an den Supermarktregalen zu spüren. Auch unter Investoren hat der am Genfer See beheimatete Branchenriese viel Vertrauen verspielt. CEO Laurant Freixe stolperte über eine «nicht offengelegte romantische Beziehung», er wurde Anfang September vom bisherigen Nespresso-Chef Philipp Navratil abgelöst. Zum 1. Oktober und damit früher als geplant nahm Paul Bulcke seinen Hut. Das Nestlé-Urgestein wurde von Pablo Isla als Präsident des Verwaltungsrates abgelöst.
Wichtiger Anlass
Während diese Rochade kaum Folgen für die globale Konsumentenstimmung haben dürfte, scheinen die Investoren neues Vertrauen zu schöpfen. Jedenfalls hat die Nestlé-Aktie zuletzt nach oben gedreht. Offenbar trauen Anleger dem Eigengewächs und Kaffeespezialisten Navratil zusammen mit dem früheren Modemanager Isla, der Spanier hat den Zara-Mutterkonzern Inditex 17 Jahre lang mit Erfolg geführt, die Wende zu. Morgen könnte sich ein Stück weit zeigen, mit welchem Menü das neue Führungsduo Analysten und Investoren den Mund wässrig machen möchte. Am Donnerstagmorgen veröffentlicht Nestlé um 7:00 Uhr die Verkaufszahlen für das 3. Quartal 2025. Ab 9:30 Uhr steht der neue CEO zusammen mit seiner für die Finanzen zuständigen Kollegin, Anna Manz, bei einem Call der Börsen-Zielgruppe des Konzerns Rede und Antwort.
Laut einem vom Unternehmen selbst erstellten Konsens gehen Analysten von einer Wachstumsbeschleunigung aus. 19 Researchhäuser haben im Schnitt für das 3. Quartal eine organische Umsatzsteigerung von 3.7% auf dem Zettel. Davon sollen 3.4% auf Preiserhöhungen zurückgehen, während die Experten dem Branchenriesen auch eine kleine Volumensteigerung zutrauen. Im Zeitraum April bis Juni 2025 war Nestlé nur über höhere Preise organisch um 3.0% gewachsen. Vor allem wegen der Schwäche in China gingen die Verkaufsmengen zurück. Noch-CEO Laurent Freixe hielt dennoch am Ausblick fest. Er wollte das organische Wachstum im Vergleich zu 2024, als Nestlé um 2.2% vorankam, verbessern und stellte zudem eine operative Marge von mindestens 16.0% in Aussicht.
L’Oréal-Paket im Fokus
Als eine seiner letzten Weichenstellungen kündigte Freixe die Überprüfung des Geschäfts mit Vitaminen, Mineralstoffen und Nahrungsergänzungsmitteln an. Im September soll Morgan Stanley laut einem Bloomberg-Bericht damit beauftragt worden sein, Optionen, darunter ein Verkauf der Sparte, zu erarbeiten. Der Geschäftszweig könnte rund USD 4 Mrd. wert sein. Neben diesem Thema dürfte beim Call mit Analysten und Investoren auch die Beteiligung an L’Oréal zur Sprache kommen. Nestlé hält gut ein Fünftel am französischen Kosmetikhersteller. Mit dem Verkauf des umgerechnet rund CHF 37 Mrd. schweren Pakets könnte die neue Konzernführung Schulden tilgen, Aktien zurückkaufen oder aber auch massiv in die Neuausrichtung von Nestlé investieren.
Anlagelösung
Nur die kleinsten Andeutungen in diese Richtung würden dem SMI-Schwergewicht wohl einen kräftigen Schub verpassen. Generell stehen die Chancen gut, dass der Lebensmittelriese morgen den Appetit auf die eigenen Anteilsscheine steigert. Aus charttechnischer Sicht gelang es dem Large Cap nach einer doppelten Bodenbildung im Bereich von CHF 71 zuletzt, die 55-Tage-Linie zu überwinden. Jetzt stellt sich Nestlé im Bereich von CHF 76 ein horizontaler Widerstand in dem Weg. Weitere CHF 2 höher hat Vontobel den Strike für den neuen Call-Warrant WNEAUV fixiert. Mit diesem Schein können Trader darauf setzen, dass Philipp Navratil und Pablo Isla ordentlich auftischen und die Nestlé-Aktie weiter Boden gut macht. Aber Achtung: Sollten die Pläne des Duos den Investoren sauer aufstossen, drohen bei dem aus dem Geld notierenden Warrant überproportionale Verluste.
