Interviews
05/08/2021, by Serge Nussbaumer

Herr Dr. Koller, der Sektor Biotechnologie (NBI) hinkt seit März 2020 dem Weltaktienindex leicht hinterher. Woran lag das?
Von der reinen Performance betrachtet, hat der Nasdaq Biotechnology Index mit einem Kursplus von 65% seit den Märztiefs von 2020 nicht schlecht abgeschnitten. Ins Hintertreffen geraten, gegenüber dem Gesamtmarkt, ist Biotech seit Februar als die Sorgen im Hinblick auf die kurzfristig deutlich ansteigende Inflation und mögliche nachgelagerte Zinsanstiege zu Mittelabflüssen aus Wachstumssektoren führten. Seit zwei Monaten sehen wir auch bei Biotechaktien wieder steigende Kurse. Die Märkte für Gesundheitstitel erholten sich nach dem schwachen April und schlossen das 2. Quartal im positiven Bereich.

In den vergangenen Monaten gab es nur wenige Übernahmen im Sektor. Worauf führen Sie das zurück?
Im 2. Quartal beschleunigten die grossen Biopharma-Unternehmen ihre Lizenzierungsaktivitäten während weiterhin sehr geringe Fusionen und Übernahmeaktivitäten zu verzeichnen waren, abgesehen vom Abschluss der Übernahme von Alexion durch AstraZeneca. Vertex entrichtete USD 1.1 Milliarden an Crispr Therapeutics, um die Gewinnbeteiligung an CTX001 von 50% auf 60% zu erhöhen. Und Halozyme schloss mit ViiV Healthcare einen weiterenENHANZE-Deal für die Pipeline von HIV-Medikamenten von ViiV ab.

Sehen Sie Katalysatoren für eine wieder stärkere Dynamik innerhalb des Biotechnologiesektors in den kommenden Monaten?
Auch das 2. Halbjahr 2021 dürfte im Zeichen der SARS-CoV-2-Pandemie stehen. Die Wissenschaft und die Gesundheitsexperten werden das Auftreten von Mutanten des Virus engmaschig überwachen. Bereits zugelassene und grossflächig eingesetzte Impfstoffe werden auf ihre Wirksamkeit gegen neue Mutanten getestet werden. Vor allem aber werden Auffrischungsimpfungen (dritte Abgabe des Wirkstoffs) entwickelt, um die Immunabwehr bereits vollständig geimpfter Personen zu stärken oder eine gezielte Abwehr gegen die komple- xen neu auftretenden Mutanten zu entwickeln. Neben den Weiterentwicklungen des globalen Rollouts von COVID-19-Impfstoffen und Auffrischungsstrategien stehen im 2. Halbjahr 2021 wichtige regulatorische Abschlussentscheidungen nach Überprüfungen an.

«Auch das 2. Halbjahr 2021 dürfte im Zeichen der Pandemie stehen.»

Die am 7. Juni erfolgte bedingte Zulassung des Alzheimer-Wirkstoffs Aducanumab durch die FDA hat wegen der ambivalenten Datenlage Kontroversen ausgelöst. Wie beurteilen Sie die Situation?
So umstritten die Entscheidung der FDA war, es ging schlussendlich darum, ein Zeichen zu setzen, um die Forschung im Bereich Alzheimer zu aktivieren. Der medizinische Bedarf ist enorm. Der Neurologie-Division innerhalb der FDA kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Dass im Anschluss an Aduhelm zwei Alzheimer-Antikörper von Eli Lilly sowie Biogen und Eisai die Breakthrough Designation in der klinischen Entwicklung zugesprochen bekamen, ist ein klares Signal in diese Richtung.

Welche Sektoren im Bereich Biotechnologie erachten Sie mittel- bis längerfristig als am aussichtsreichsten?
Die Corona-Pandemie hat den mRNA-Therapien innerhalb eines Jahres zum grossen kommerziellen Durchbruch verholfen. Wir sind davon überzeugt, dass diese Technologie in Zukunft nicht nur gegen andere Infektionskrankheiten, sondern auch in der Onkologie und bei Autoimmunerkrankungen zum Einsatz kommen wird. Die mit COVID-19 gesammelten Erfahrungen bei klinischen Studien, der Produktion und der Nachverfolgung bei Patienten sollten den mRNA-Krebstherapien einen gewaltigen Schub geben.

Gemäss Cathie Wood, CEO von Ark Invest, ist Genomik ein künftiger Megatrend. Teilen Sie diese Ansicht?
Wir sind der Meinung, dass die Genetische Medizin in gewissen Bereichen dafür prädestiniert ist, um bislang kaum oder nicht behandelbare Krankheiten zu adressieren. Das gilt vor allem für genetisch bedingte, seltene Erkrankungen.

Welchen Unternehmen im Bereich Genetische Medizin räumen Sie ein wichtiges Kurspotential ein?
Spannende Unternehmen sind Crispr mit «ex vivo» laufenden Studien an Patienten mit genetischen Bluterkrankungen, oder Beam mit «in vivo» laufenden Studien an Patienten mit seltenen Erkrankungen sowie Fate aufgrund der Weiterentwicklung zellbasierter Therapien.

Was für strategische Schwerpunkte setzt BB Biotech aktuell?
Unser Ziel bleibt es, den Aktionären eine annualisierte Rendite von 15% zu generieren. Antisense, Gentherapien, zellbasierte Therapien, Gene Editing und mRNA-Technologien sind Paradebeispiele für neue Technologien, bei denen BB Biotech erfolgreich auf Newcomer gesetzt hat. Wir werden unsere Anlagetätigkeit weiter auf Opportunitäten bei kleinen und mittleren Unternehmen ausrichten, die bei der Marktreife von neuen Therapieansätzen eine Vorreiterrolle spielen. Wir beobachten auch den Trend, dass sich die anhaltende Datenmenge in der Biopharmaindustrie und der Wissenschaft weiter beschleunigt. Die Konvergenz von IT und Rechnerkapazitäten trägt massgeblich zu dieser Entwicklung bei. Das Investment Team von BB Biotech will sich diesen Trend gezielt zunutze machen und baut daher seine fortschrittlichen Analyse- und KI-Kapazitäten parallel zu seiner Basisdaten-Infrastruktur aus.

«Genetische Medizin ist in gewissen Bereichen dafür prädestiniert, um bislang kaum oder nicht behan-delbare Krankheiten zu adressieren.»

Was spricht für die drei Unternehmen Ionis, Moderna und Argenx , die aktuell im Portfolio BB Biotech am stärksten gewichtet sind?
Allen drei Unternehmen ist gemein, dass sie über eine vielversprechende Pipeline verfügen. Moderna könnte sich bei den neuen Varianten von SARS-CoV-2 mit seinem mRNA-Impfstoff bei erfolgreichen klinischen Tests für die Zukunft noch besser positionieren. Zusätzlich testet Moderna Impfkandidaten gegen den Influenza Virus. Ionis dürfte zusammen mit seinem Entwicklungspartner Biogen die Ergebnisse der Phase-III-Studie für Tofersen zur Verlangsamung des Krankheitsverlaufs bei ALS-Patienten, die Träger einer SOD1-Genmutation sind, vorlegen. Und das Präparat von Argenx, Efgartigimod, dürfte gegen Ende des laufenden Jahres von der FDA zum Vertrieb und Einsatz bei
Symptomen der generalisierten Myasthenia gravis (gMG) zugelassen werden.

Ihr Portfolio enthält eine zunehmende Anzahl an Titeln des im vergangenen Sommer neu geschaffenen Nasdaq Junior Biotechnologie Index. Welches dieser Unternehmen besitzt nach Ihrer Einschätzung die besten Wachstumschancen?
Es ist nicht ganz einfach, hier eine unserer 19 Beteiligungen hervorzuheben, die in diesem Index vertreten sind. Sehr spannend ist sicher was Relay Therapeutics mit seinen computergestützten Verfahren auf der Basis von Künstlicher Intelligenz und Maschinellem Lernen entwickelt, um Wirkstoffkandidaten für klinische Prozesse schneller und effizienter zu identifizieren. In den kommenden Monaten wird Relay klinische Daten für sein erstes Molekül vorlegen.

Was waren die Überlegungen, weshalb die in Zug beheimatete, an der Nasdaq kotierte, Crispr Therapeutics Aufnahme in das Portfolio von BB Biotech gefunden hat?
Die Gene-Editing-Technologie hat in klinischen Studien gezeigt, dass sie in den nächsten Jahren Produkte zur Marktreife bringen kann, welche die Behandlung einzelner Krankheiten revolutionieren. Crispr hat hier mittlerweile zusammen mit Partner Vertex Pharma vielversprechende Daten zu Patienten vorgelegt, die entweder unter Sichelzellenanämie (SZA) oder unter Beta-Thalassämie leiden und mit dem Präparat CTX-001 behandelt wurden.

Das aktuelle Portfolio von BB Biotech enthält derzeit keine Aktie eines an SIX Swiss Exchange kotierten Schweizer Unternehmens. Welche zwei hiesigen Unternehmen kämen am ehesten in Frage für eine Aufnahme?
Natürlich sehen wir uns auch Schweizer Firmen an. Die bahnbrechenden neuen Technologien und Produktzulassungen sind jedoch weiterhin überwiegend in den Labors von US-Firmen zu Hause. Ausnahmen wie Argenx ausBelgien, eine unserer aktuell grössten Portfoliobeteiligungen, bestätigen schlussendlich diese Annahme.

Herzlichen Dank!

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Dr. Daniel Koller kam 2004 zu Bellevue Asset Management und ist seit 2010 Head Invest- ment Management Team der BB Biotech AG. Von 2001–2004 war er als Investment Mana- ger bei equity4life Asset Management AG und von 2000–2001 als Aktienanalyst bei UBS Warburg tätig. Er absolvierte ein Studium in Biochemie an der Eidgenössischen Techni- schen Hochschule (ETH) Zürich und promo- vierte in Biotechnologie an der ETH und bei Cytos Biotechnology AG, Zürich.

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