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payoff Focus

Silber: Ein Edelmetall ausser Rand und Band

05.02.2026 7 Min.
  • Wolfgang Hagl
    Redaktor

Während Gold seit Jahren von einem Hoch zum nächsten eilt, hat das zweitwichtigste Edelmetall in den vergangenen Monaten regelrecht abgehoben. Neben dem Status als «Safe Haven»-Anlage treibt eine strukturelle Knappheit den Silberpreis. Allerdings hat die Rally zuletzt einen herben Dämpfer erlebt – wir nehmen den Silbermarkt ausführlich unter die Lupe.

Am 20. Januar hat sich die Rückkehr von Donald Trump in das Weisse Haus zum ersten Mal gejährt. In dieser kurzen Zeitspanne trieb der US-Präsident seine Agenda «Make America Great Again» (MAGA) mehr denn je voran. Abzulesen ist dies auch und gerade an der Zahl der so genannten Executive Orders (EOs). Seit der Vereidigung Anfang 2025 unterzeichnete Trump mehr als 230 solcher Dekrete. Zum Vergleich: In seiner gesamten ersten Amtszeit von 2017 bis 2021 setzte er seine Unterschrift unter 220 EOs. Trumps damaliger Nachfolger Joe Biden hat während seiner vierjährigen Amtszeit im Oval Office «nur» 162 Dekrete signiert. Die MAGA-Offensive im Weissen Haus macht das Federal Register, auf diesem Portal werden die EOs dokumentiert, zur Standardlektüre für Investoren, Analysten und Strategen. Mit seiner Unterschrift kann Trump an den Märkten jederzeit für Aufsehen respektive starke Kursausschläge sorgen.

Das gilt auch und gerade für den Handel mit Metallen. Der Präsident hat die sichere Versorgung der USA mit diesen Rohstoffen, allen voran Seltenen Erden, zur Chefsache erklärt. Dabei greift er auf Sektion 232 des US-Handelsausdehnungsgesetzes zurück. Diese mehr als 60 Jahre alte Regelung erlaubt besondere Massnahmen für den Fall, dass die nationale Sicherheit gefährdet ist. In April 2025 hat Trump mit der EO 14272 eine Untersuchung angestossen. Sie soll überprüfen, inwieweit die Abhängigkeit der USA von einer kleinen Gruppe an Lieferanten dieser Mineralien die nationale Sicherheit gefährdet. Mittlerweile ist die Evaluierung abgeschlossen, Trump hat einen neuen Auftrag ausgesprochen: Der US-Handelsminister und der Handelsbeauftragte sollen mit Handelspartnern Vereinbarungen zur Einfuhr von verarbeiteten kritischen Mineralien und deren Derivatprodukte erzielen. Sollten diese Gespräche ins Leere laufen, könnte Washington Mindestpreise festlegen oder weitere Zölle erheben.

Extra-Schub aus den USA

Dieser kleine Exkurs in das Gebaren der Trump-Administration legt einen zentralen Treiber hinter der jüngsten Rallye am Silbermarkt offen. Mittlerweile zählt das Edelmetall offiziell zu den kritischen Mineralien. Mit dieser Einstufung verpasste das U.S. Geological Survey (USGS) dem Höhenflug von Silber im vergangenen November einen kräftigen Extra-Schub. Nachdem die Behörde ihre aktuelle, mit insgesamt 60 Rohstoffen bestückte, Liste publiziert hat, hat sich der Preis für eine Feinunze mehr als verdoppelt. Notierte Silber damals noch im Bereich von USD 50, kletterte das Edelmetall im Januar über die runde Marke von USD 100. Ein Blick auf die langfristige Chart macht das Ausmass dieser historischen Rallye deutlich: 2011 kostete das Edelmetall in der Spitze knapp USD 50. Dieses Allzeithoch hatte bis in den vergangenen Herbst hinein Bestand – um dann regelrecht pulverisiert zu werden (siehe Grafik 1). Während Gold seit längerem von Rekord zu Rekord eilt, ist Silber jetzt aus dem Schatten des «grossen Bruders» getreten. Auf Sicht von einem Jahr hat sich das weisse Metall um 144% verteuert und damit gegenüber Gold eine Outperformance von rund 80 Prozentpunkten erzielt.

Strukturelle Knappheit

Diese enorme Diskrepanz ist auch auf den speziellen Charakter von Silber zurückzuführen. Einerseits wirkt der mit Gold vergleichbare Status als «Sicherer Hafen». Donald Trump hat die Anleger mit einer erratischen Handelspolitik, der Ausweitung der Staatschulden, Tiraden gegen die Notenbank und zuletzt dem Griff nach Grönland regelrecht zu diesen Assets getrieben. Auf diese Weise wurde eine bereits bestehende Verknappung des Metalls verschärft. Diese wiederum geht auf die Verwendung von Silber in verschiedenen technischen Applikationen zurück. Laut Zahlen aus dem Silver Institute (SI) kommen knapp 60% des jährlichen Bedarfs aus der Industrie. «Die überlegenen elektrischen und thermischen Leitfähigkeitseigenschaften von Silber werden für den technologischen Wandel, der die Weltwirtschaft antreibt, immer wichtiger», erklärt die Branchenorganisation. Ein bedeutender Abnehmer ist die Photovoltaik (PV). 2024 wurden knapp 200 Millionen Unzen Silber in den Modulen zur Erzeugung von Sonnenstrom verbaut. Innert fünf Jahren ist der Bedarf in diesem Sektor damit um rund 160% gewachsen.

Grosse Mengen von dem Metall gehen in die E-Mobilität. Im Batteriemanagement steckt Silber genauso, wie in der Ladeinfrastruktur oder in elektrischen Kontakten. Auf ein Elektrofahrzeug heruntergebrochen kommen zwischen 25 und 50 Gramm zusammen. Das sind dem SI zufolge zwischen 67% und 79% mehr, als bei einem Verbrenner. Das Institut zählt einen weiteren Trend auf, der die Nachfrage anschiebt: Künstliche Intelligenz (KI). Zwar haben die Experten keine Zahlen, die den Bedarf an Silber für diese Technologie respektive den rasanten Ausbau der Rechenzentren einhergeht. Doch die Verbindung sei klar. Der enorme Anstieg der IT-Kapazität führt zum verstärkten Einsatz von Hardware samt den darin verbauten Rohstoffen. «Silber wird in den kommenden zehn Jahren als ‹Metall der nächsten Generation› eine zentrale Rolle in den Branchen spielen, die für die Energiewende und die digitale Transformation von entscheidender Bedeutung sind», bringt das SI die Lage auf den Punkt.

Strukturelles Defizit

Angesichts dieser Prognose ist es schwer vorstellbar, dass sich die prekäre Versorgungslage entspannt. Seit Jahren reicht das im Bergbau und aus dem Recycling produzierte Material nicht aus, um der globalen Silbernachfrage Herr zu werden. Grafik 2 zeigt zwar, dass das Defizit 2025 voraussichtlich geschrumpft ist. Allerdings bleiben die Mittelzuflüsse von physisch hinterlegten Anlageprodukten (ETPs) auf Silber bei dieser Berechnung aussen vor. Im vergangenen Jahr kamen hier Netto-Investments mit einem Volumen von 200 Millionen Unzen zusammen. Nimmt man diese Menge hinzu, könnte zwischen Angebot und Nachfrage eine Lücke von knapp 300 Millionen Unzen Silber klaffen – das wäre mehr, als im Coronajahr 2020. Man darf gespannt sein, wie die Prognose aus dem SI für das laufende Jahr ausfällt, respektive welches Defizit die Organisation erwartet. 

Fest steht, dass die Rallye tiefe Spuren in der Bewertung hinterlassen hat. Hier ist das Gold-Silber-Ratio ein viel beachteter Indikator. Diese Kennziffer gibt an, für wie viele Unzen Silber sich dieselbe Menge an Gold kaufen lässt. Für das Ratio wird also einfach der Gold- durch den Silberpreis dividiert. Ende Januar ist das Ratio zum ersten Mal seit fast 14 Jahren unter die runde Marke von 50 gefallen. Gleichzeitig bewegt sich das Verhältnis weit unter dem langfristigen Durchschnitt (siehe Grafik 3). Gerade diese enorme Diskrepanz mahnt zur Vorsicht. In der Vergangenheit hat sich das Gold-Silber-Ratio nach Übertreibungen immer wieder dem Mittelwert angenähert.

Auch die Charttechnik zeigt eine Überhitzung oder sogar Blasenbildung an. Zwischenzeitlich notierte Silber um mehr als das Doppelte über dem 200-Tage-Durchschnitt. J.P. Morgan bezeichnete die Noteirung schon Mitte Januar als anfällig für eine plötzliche, einschneidende Korrektur. «Die Silberpreise haben unsere prognostizierten Durchschnittswerte bereits deutlich überschritten», stellten die Analysten der US-Bank fest. Es sei zwar nahezu unmöglich, ein Top vorherzusagen. Dennoch gab J.P. Morgan Gold den Vorzug. Neben der Überhitzung sehen die Experten auch fundamentale Warnlichter. Dazu zählt der Versuch der PV-Produzenten, mit weniger Silber auszukommen. Obwohl so viele Sonnenstromanlagen installiert wurden, wie nie zuvor, hat der Bedarf des Sektors im vergangenen Jahr abgenommen. Sollte es den Herstellern gelingen, erfolgreich auf Alternativen wie Kupfer umzustellen, könnte die Nachfrage aus dem PV-Sektor laut J.P. Morgan in den kommenden Jahren um 50 bis 60 Millionen Unzen jährlich zurückgehen. 

Abwarten – oder spekulieren

Noch ist es nicht soweit. Gleichwohl hat die Hausse bei den Edelmetallen Ende Januar ein jähes Ende gefunden. Silber gab gegenüber dem Top von USD 121.64 innerhalb von zwei Tagen um bis zu 40% nach. Was zeigt, wie viel Spekulation respektive Übertreibung gerade in diesem Markt existiert. Umso mehr gilt es für Anleger, einen kühlen Kopf zu bewahren. Sie sollten sich nicht dazu verleiten lassen, überhastig einzusteigen. Vielmehr könnte es sinnvoll sein, eine Beruhigung respektive Bodenbildung abzuwarten. Möglichkeiten, in Silber zu investieren, ohne das Metall im eigenen Tresor oder einem Schliessfach einzulagern, gibt es genügend. In der Rubrik «Learning Curve» stellen wir die entsprechenden Partizipationszertifikate vor.

Laut Irene Brunner, Head Sales & Marketing für den Bereich Exchange Traded Solutions Schweiz bei BNP Paribas, hat in den vergangenen Monaten die Nachfrage nach Hebelprodukten auf das zweitwichtigste Edelmetall stark zugenommen. «Mittlerweile hat Silber sogar den DAX als beliebtesten Basiswert abgelöst», erklärt sie. Im Interview mit der erfahrenen Struki-Expertin lesen Sie, welche Strukturen im Fokus stehen und worauf Anleger beim Einsatz von Hebelprodukten achten sollten.   

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