Learning Curve
US-Dollar: Der Greenback wackelt
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Serge Nussbaumer
Chefredaktor
Mit Zollhammer, Attacken auf den Fed-Chef und steigenden Schulden sorgt Donald Trump seit Monaten für Aufsehen. Damit gefährdet der US-Präsident den Status des Dollars als weltweite Leitwährung. Wir zeigen, wie es um den Greenback und seine Alternativen steht.
Während des amerikanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1861 und 1862 wurden erstmals Dollar-Banknoten mit einer grünen Rückseite gedruckt. Der sogenannte «Greenback» sollte die Stärke und Stabilität der US-Regierung unterstreichen. Die Farbe Grün galt schon damals als Symbol für Vertrauen und Hoffnung und hat zudem eine beruhigende Wirkung. Rund 160 Jahre später steht «Greenback» im Börsenjargon für den US-Dollar, die weltweit führende Währung. Über die Hälfte des globalen Handels wird in Dollar abgewickelt. Zugleich ziehen die USA als sicherer Hafen ausländisches Kapital in grossem Stil an. Laut der US-Notenbank Fed beliefen sich die von internationalen Investoren gehaltenen Vermögenswerte Ende 2024 auf rund USD 57 Billionen (siehe Grafik 1). Neben Direktinvestitionen entfällt der Grossteil davon auf Aktien sowie Staats- und Unternehmensanleihen.

China ist inzwischen nicht mehr der grösste Käufer von US-Staatsanleihen. Diese Rolle haben inzwischen andere Länder übernommen. Insbesondere Japan und europäische Staaten haben ihre Engagements in US-Staatsanleihen ausgebaut, um die entstandene Lücke teilweise zu schliessen (siehe Grafik 2). Auch Grossbritannien sowie andere asiatische und arabische Staaten treten verstärkt als Käufer auf und tragen somit zur Diversifizierung der Käuferstruktur von US-Staatsanleihen bei. Dies verdeutlicht einen wichtigen Wandel im internationalen Finanzgefüge und unterstreicht, dass das Vertrauen globaler Investoren in US-Papiere nicht mehr als einheitlich betrachtet werden kann.

Einzigartiges Erfolgsmodell
Der stetige Mittelzufluss half den Vereinigten Staaten, ihr wachsendes Handelsdefizit zu fi-nanzieren. Gleichzeitig konnten sich die Kapitalgeber auf die hohe Bonität der US-Schuldner sowie auf faire Marktbedingungen verlassen. Angetrieben wurde dieses System vom robusten Wachstum der weltweit grössten Volkswirtschaft. Die US-Notenbank übernahm dabei gewissermassen die Rolle eines Kontrollraums und versorgte die Finanzmärkte mit dem nötigen Schmierstoff. «Eine unabhängige Federal Reserve ist bereit, als Kreditgeber der letzten Instanz zu fungieren und die Liquidität und Stabilität der Märkte zu gewährleisten», erklärt J. P. Morgan. Doch ausgerechnet die New Yorker Grossbank zählt zu den Stimmen, die die Sonderstellung des US-Dollars zunehmend kritisch sehen. «Internationale Investoren beginnen, das ‹exorbitante Privileg› und den Status des Dollars als sicheren Hafen infrage zu stellen», warnen ihre Ökonomen.
Verspieltes Vertrauen
Gerade der Mann, für den das Motto «Make America Great Again» eigentlich über allem steht, sorgt für Zweifel. Seit Donald Trump im Januar ins Weisse Haus zurückgekehrt ist, löst er beinahe täglich Schockmomente aus. Ein vorläufiger Höhepunkt war der als «Liberation Day» angekündigte 2. April. An diesem Tag zückte Trump den Zollhammer und drohte den Handelspartnern der USA mit hohen Importabgaben. Wie bekannt, lenkte er nur gut eine Woche später ein. Am 9. April setzte der Republikaner die umstrittenen Zölle – mit Ausnahme Chinas – aus. Dem vorausgegangen war ein Ausverkauf am Markt für US-Staatsanleihen. Investoren warfen Treasuries im grossen Stil aus den Depots. Wenngleich sich die Wogen etwas geglättet haben und Washington sich handelspolitisch mittlerweile auch Peking annähert, ist das Vertrauen erst einmal weg.
Das zeigen nicht zuletzt die weiter gestiegenen Renditen bei den Treasuries. Gleichzeitig steht der Greenback unter Druck. So ist der US-Dollar-Index im April auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahren gefallen. Dieser Benchmark bildet die Entwicklung der US-Währung gegenüber den Zahlungsmitteln wichtiger Handelspartner ab.
Das an den Kapitalmärkten grassierende Motto «Sell America!» hat Trump mit Attacken auf die Unabhängigkeit der Notenbank weiter verstärkt. Da die Folgen des Zollhammers auf Wirtschaft und Inflation noch nicht klar sind, nimmt das Fed eine abwartende Haltung ein. Der Präsident fordert dagegen Zinssenkungen und scheut vor persönlichen Angriffen nicht zurück. So bezeichnete er Fed-Präsident Jerome Powell unter anderem als «Mr. Zu Spät» und «grossen Loser».
Kostspielige Geschenke
Geradezu in Schwärmen gerät Trump dagegen, wenn es um seine Haushaltspolitik geht. Ende Mai hat die «Big Beautiful Bill» das Repräsentantenhaus passiert. So bezeichnet der Präsident ein Gesetzespaket, welches dem amerikanischen Volk massive Steuersenkungen bringen soll. Doch Geschenke kosten Geld. Das Congressional Budget Office (CBO) hat ausgerechnet, dass die Erleichterungen das Staatsdefizit um annähernd USD 3.8 Billionen erhöhen könnten. Angesichts eines Schuldenbergs von aktuell knapp USD 37 Billionen überrascht es nicht, dass Trump mit seiner «Big Beautiful Bill» an den Kapitalmärkten nicht punkten kann. Im Gegenteil: Mit Moody’s hat nun auch die dritte grosse US-Ratingagentur die Kreditwürdigkeit der USA herabgestuft.
Der US-Dollar-Index droht, die wichtige Unterstützungsmarke von 100 Punkten zu unterschreiten. J.P. Morgan rechnet damit, dass diese Unterstützung nicht halten wird, und hat das Kursziel für Ende des Jahres bei 95 Punkten angesetzt. Die Devisenexperten verweisen neben fundamentalen Argumenten auch auf den Effekt der Mean Reversion: Im Zeitverlauf neigen Währungen dazu, zu ihren langfristigen Durchschnittswerten zurückzukehren. Der US-Dollar-Index liegt trotz der jüngsten Korrektur noch immer deutlich über dem Mittelwert der vergangenen 20 Jahre, wie Grafik 3 zeigt.

Es bleibt abzuwarten, ob es der US-Regierung gelingt, das volle Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen. Der Druck auf Trump nimmt jedenfalls selbst innerhalb der eigenen Partei zu. Mit Blick auf die Zwischenwahlen 2026 fürchten viele Republikaner um ihre politische Zukunft.
Gefragte Alternativen
Fest steht: Investoren wenden sich zunehmend alternativen Währungen zu. Besonders Gold erlebt derzeit einen regelrechten Boom. Nicht nur institutionelle und private Anleger setzen auf das Edelmetall, sondern auch Zentralbanken, die es nutzen, um ihre Währungsreserven zu diversifizieren.
Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres verteuerte sich die Feinunze um rund ein Viertel auf zuletzt etwa USD 3’300. Auch Bitcoin legte deutlich zu und notiert derzeit rund 18% über dem Stand von Ende 2024. Die Nachfrage nach der wichtigsten Kryptowährung speist sich nicht nur aus der Schwäche des Dollars. Als zusätzlicher Treiber gilt Donald Trumps ausgeprägte Sympathie für diese Anlageklasse. Er kündigte staatliche Fördermassnahmen sowie eine Deregulierung des Marktes an und hegt sogar Pläne für eine nationale Bitcoin-Reserve.
Noch ist es nicht so weit. Doch der unberechenbare und machtbewusste US-Präsident bringt das globale Währungssystem spürbar ins Wanken. Gleichwohl hat der Greenback in seiner Geschichte schon viele Krisen und Rückschläge überstanden – ganz verblasst ist sein Grün nie.