Learning Curve
Warrants: Trading-Strategien mit griechischer Note
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Serge Nussbaumer
Chefredaktor
Die «Griechen» sind Sensitivitätskennzahlen, die die Auswirkungen verschiedener Einflussfaktoren auf den Preis eines Warrants messen. Wer diese Kennzahlen versteht und gezielt einsetzt, kann nicht nur Risiken besser steuern, sondern auch Strategien entwickeln, um von unterschiedlichen Marktsituationen zu profitieren.
Delta-Trading: Auf eine Marktrichtung setzen
Zu den wichtigsten «Griechen» gehört das Del-ta. Es misst die Veränderung des Preises eines Warrants im Verhältnis zur Änderung des Kurses des Basiswerts. Ein Delta von beispielsweise 0.5 bedeutet, dass ein Call-Warrant um CHF 0.5 hinzugewinnt, wenn der Kurs des Basiswerts um CHF 1 steigt. Anleger, die eine starke Richtungsbewegung des Basiswerts erwarten, können mit Warrants mit einem hohen Delta davon profitieren. Solche Papiere reagieren stärker auf Kursänderungen als Warrants mit einem niedrigeren Delta. Dabei gelten folgende Faustformeln: Je weiter ein Warrant aus dem Geld notiert, desto niedriger ist sein Delta. Je niedriger das Delta, desto weniger reagiert der Warrant auf Veränderungen des Basiswerts. Bei Warrants, die am Geld liegen, beträgt das Delta etwa 0.5 (Calls) bzw. -0.5 (Puts). Je weiter sich ein Warrant im Geld bewegt, desto höher ist das Delta, bis es sich dem maximalen Wert von 1 bei Calls bzw. -1 bei Puts nähert. Ein hohes Delta ist bei Warrants dann nützlich, wenn Anleger eine starke Kopplung an den Basiswert anstreben und schnell auf erwartete Marktbewegungen nach oben (Call) oder unten (Put) reagieren wollen. Der Haken ist: Warrants, die tief im Geld notieren und damit ein hohes Delta aufweisen, sind wegen des hohen inneren Werts teurer als Scheine, die am oder aus dem Geld liegen.
Exkurs: Hohes Delta zur Kapitalfreisetzung nutzen
Eine weitere High-Delta-Strategie nennt sich «Cash Extraction». Die Überlegung dahinter ist, dass Call-Warrants mit einem Delta nahe 1 unter bestimmten Voraussetzungen als Ersatz für eine Direktanlage in den Basiswert genutzt werden können. Denn während sich Warrant und Basiswert nahezu gleich entwickeln, muss für den Warrant aufgrund des Hebels weniger Kapital aufgewendet werden. Die auf diese Weise gesparten Mittel können für andere Investments verwendet werden.
Gamma-Trading: Auf einen Anstieg des Deltas setzen
Obwohl das Delta zu den wichtigsten «Griechen» gehört, muss beim Handel mit Warrants auch die Rolle des Gammas berücksichtigt werden. Denn es beschreibt, wie stark sich das Delta eines Warrants verändert, wenn der Basiswert um eine Einheit steigt oder fällt. Ein Gamma von 0.02 bei einem Delta von 0.7 bedeutet demnach, dass das Delta auf 0.72 steigt oder auf 0.68 sinkt, wenn der Kurs des Basiswerts um CHF 1 steigt oder fällt. Das Gamma ist für Trader nützlich, da sich mit dieser Kennzahl einschätzen lässt, in welchem Ausmass ein Warrant zum aktuellen Zeitpunkt zusätzliche Hebelwirkung aufbaut, wenn sich der Basiswert (weiter) in die gewünschte Richtung entwickelt. Wie die Praxis zeigt, weisen kurzlaufende, am Geld notierende Warrants die rasantesten Delta-Veränderungen und somit die höchsten Gamma-Werte auf. Solche Papiere eignen sich für Trader, die eine starke Kursbewegung des Basiswerts in die gewünschte Richtung innerhalb eines oder weniger Tage erwarten.
Vega-Trading: Volatilität im Fokus
Das Vega gibt an, wie stark ein Warrant auf Veränderungen der impliziten Volatilität des Basiswerts reagiert. Eine steigende implizite Volatilität wirkt sich unter ansonsten gleichen Bedingungen positiv auf den Zeitwert und somit auf den Preis des Warrants aus – und umgekehrt. Dies gilt sowohl für Calls als auch für Puts. Grundsätzlich weisen am Geld notierende Warrants den höchsten Zeitwert und damit auch das höchste Vega auf. Die Praxis zeigt, dass die implizite Volatilität immer dann rasant nach oben schnellt, wenn es zu plötzlichen Kurskorrekturen oder Markteinbrüchen kommt. Denn solche Schocks erfolgen meist ruckartig und sind oftmals mit hohen Schwankungen verbunden.
Beispiel für einen Vola-Trade mit Put
Aus den oben genannten Punkten ergibt sich eine besonders spannende Trading-Chance für Anleger, die mit Put Warrants von eben solchen unvermittelten Kursverlusten profitieren möchten. Dazu folgendes Beispiel: Ein Anleger erwartet, dass die Quartalszahlen eines Unternehmens unter den Erwartungen ausfallen werden und die Aktie, die aktuell bei CHF 100 steht, folglich unter Druck geraten wird. Er kauft daher kurz vor dem Reporting einen am Geld liegenden Put-Warrant auf die Aktie mit einer Restlaufzeit von zwölf Monaten und einem Bezugsverhältnis von 1:1. Bei einer impliziten Volatilität von 15% der Aktie zum Kaufzeitpunkt des Warrants ergibt sich aus dem Black-Scholes-Optionspreismodell ein fairer Wert pro Put von CHF 5.98*. Das Vega des Warrants liegt bei hohen 0.40. Angenommen, die Erwartung des Anlegers geht auf und die Aktie bricht nach Vorlage schlechter Quartalszahlen um 5% auf CHF 95 ein, während ihre implizite Volatilität auf 40% nach oben schiesst. In diesem Fall wäre der faire Wert des Puts auf CHF 18.08 gestiegen. Dieser Preis ergibt sich zum einen aus dem Aufbau eines inneren Werts in Höhe von CHF 5 und zum anderen aus dem Anstieg des Zeitwerts von zuvor CHF 5.98 auf nunmehr CHF 13.08. Der Anleger hat in diesem Szenario also doppelt profitiert – von den Kursverlusten des Basiswerts und vom Anstieg der Volatilität. In der Rechnung nicht berücksichtigt ist der Zeitwertverlust, der bei einer Haltedauer von wenigen Tagen aber überschaubar ist.
Übung macht den Meister
Es ist wichtig zu wissen, dass sich die «Griechen» im Zeitverlauf verändern. Aber wer sie im Griff hat, und das ist nur mit Übung möglich, kann nicht nur Marktbewegungen antizipieren, sondern auch seine Positionen optimal an die eigene Risikoneigung und das Marktumfeld anpassen. Musterdepots zum Experimentieren und Ausprobieren können hierbei für Einsteiger eine wertvolle Hilfe sein.