Trading Desk
Trading-Schatz im Silbersee
-
Martin Raab
Investment-Stratege
Die Wild-West-Action im Edelmetallmarkt elektrisiert die Trader. Innerhalb eines Monats +65 % und +384 % seit einem Jahr rufen jetzt die ersten «Short-Banditen» auf den Plan.
Nach Jahrzehnten der Stille im «Silbersee», setzte im letzten Jahr bereits heftiger Wellengang ein. Kürzlich kam jedoch der ultimative Preis-Tsunami nach oben! Ähnlich einem plötzlichen Überfall der einheimischen Apachen in der Prärie des Wilden Westens, sind die Kurse für eine Unze Silber explodiert – um 65 % innerhalb von 30 Tagen. Weltrekord! Betrachtete man die Chartkurve, konnte man den Eindruck kaum verkennen, dass Silber kurz davorstand, das Periodensystem neu zu ordnen.
Fundamental liess sich der Anstieg teilweise begründen. Steigende industrielle Nachfrage in diversen Sektoren. Die industrielle Nachfrage macht historisch betrachtet 50–60% der globalen Silbernachfrage aus (Elektronik, Ausrüstung für Rechenzentren, Solartechnik und natürlich Elektromobilität). Diese strukturellen Treiber bleiben stark. Doch ähnlich wie in den weltbekannten Abenteuerromanen des deutschen Autors Karl May mischte sich seit Monaten eine fiebrige Schatzsuchermentalität in den Silberpreis. Die geopolitische Nervosität und der altbekannte Reflex, Edelmetalle als Krisenpuffer zu nutzen, heizten die Silberkurse weiter an. Mit dem bizarren «Grönland-Plan» von Donald Trump und der FED-Unsicherheit folgte dann die ultimative Kursexplosion – ähnlich rasch wie gespitzte Apachen-Pfeile.
Jetzt bewegt sich Silber in absolut abenteuerlichen Kurssphären. Die technischen Indikatoren senden Signale, die man höflich als «ambitioniert» bezeichnen könnte. RSI und MACD wirken wie wild gewordene Mustangs. Wer sich die Mühe macht und die jüngsten ETF-Flows in Silberprodukten analysiert, reibt sich die Augen: Es gibt eine auffällige, wachsende Diskrepanz zwischen dem Headline-Preis von derzeit rund USD 120 und den stark steigenden Verkaufsorders bzw. Sell-Flows. Während selbsternannte «Silver Influencer» weiterhin optimistische Märchen von USD 300 pro Unze erzählen, zeigen sich erste Hedgefonds bei der Short-Sondierung aktiv. Auch erste europäische Retail-Trader stürmen ins Lager der «Short-Bandits».
Klar ist: Es wird keinen hektischen Zusammenbruch bei Silber geben, aber der Knall könnte laut werden. Aktuell kaufen «Short-Bandits» Bear-Hebelprodukte, Mini-Futures Short und nutzen Leerverkäufe von bekannten Silber-ETFs – selbstverständlich auf Margin. Der Hedgefonds «Avantgarde» greift sogar teilweise zu 6- bis 9-monatigen Silber-Futures an der CME. Aus markttechnischer Sicht wäre eine gesunde Konsolidierung sogar wünschenswert, da sie es erlauben würde, reale Nachfrage von spekulativen Kursabenteuern zu trennen und Silber wieder zu einem seriösen Basiswert zu machen. In jedem Fall ist erstklassiges Risikomanagement in Echtzeit gefragt, sonst droht – wie im Roman – keiner der Silber-Glücksritter auch nur den Hauch einer glänzenden Trading-Performance realisieren zu können.