Learning Curve
Warrants: Tipps für den Einsatz der «Griechen»
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Serge Nussbaumer
Chefredaktor
In den vergangenen drei Ausgaben des Magazins «payoff» haben wir an dieser Stelle die Rolle der Griechen beim Handel mit Warrants beleuchtet. Heute geht es um praktische Kniffe und die Frage, wie sich die Griechen gezielt einsetzen lassen, um Vorteile zu erzielen und Fehler zu vermeiden.
Die sogenannten «Griechen» sind mathematische Grössen, die die Empfindlichkeit des Preises eines Warrants gegenüber Veränderungen verschiedener Einflussgrössen beschreiben. Sie sind hilfreich, um das Risiko und die Preisänderungen von Warrants zu verstehen und zu steuern. Heute geht es nicht um Definitionen, sondern um konkrete Praxistipps. Ein gewisses Grundwissen wird also vorausgesetzt. Wer erfahren möchte, was die einzelnen «Griechen» aussagen, findet die entsprechenden Erklärungen im Bericht «Warrants: Mit den ‹Griechen› den Durchblick behalten» in der August-Ausgabe des Magazins payoff.
Delta: Den Hebel richtig verstehen
Beim Handel mit Warrants achten viele Anleger ausschliesslich auf den einfachen Hebel – das ist ein Fehler. Dieser sagt lediglich aus, um welchen Faktor ein Basiswert teurer ist als ein Warrant. Wenn eine Aktie beispielsweise CHF 100 kostet und ein sich darauf beziehender Warrant CHF 10, dann beträgt der einfache Hebel 10 (bei einem Bezugsverhältnis von 1:1). In dieser Rechnung wird die Sensitivität des Warrants auf Preisveränderungen des Basiswerts jedoch nicht berücksichtigt. Bessere Hinweise auf die Hebelkraft eines Warrants liefert der effektive Hebel, der auch als Omega bezeichnet wird. Dieser ergibt sich aus der Multiplikation des einfachen Hebels mit dem Delta. Es gilt: Ist das Delta eines Warrants hoch (0.8 bis 1.0 bei Calls; -0.8 bis -1.0 bei Puts), dann reagiert der Schein in absoluten Zahlen fast wie der Basiswert. Ist das Delta niedrig (0.1 bis 0.3 bei Calls, -0.1 bis -0.3 bei Puts), dann kommt der Warrant bei Bewegungen des Basiswerts kaum voran. Daraus ergeben sich folgende Faustformeln: Wer schnelle, klare Kursbewegungen handeln möchte, sollte Warrants mit einem Delta von grösser als 0.5 (bei Calls) bzw. kleiner als -0.5 (bei Puts) wählen. Wer eine Trendidee entspannter angehen möchte, setzt auf Warrants mit einem Delta zwischen 0.3 und 0.5 (bei Calls) bzw. zwischen -0.3 und -0.5 (bei Puts). Wichtig zu wissen: Das Delta ist wie alle Griechen keine konstante Grösse, sondern verändert sich im Zeitverlauf (z. B. durch Kursveränderungen des Basiswerts).
Hohes Gamma bei starken Bewegungen
Das Gamma gibt an, wie schnell sich das Delta verändert. Bei kurzen (Rest-)Laufzeiten ist das Gamma hoch. Das bedeutet: Läuft der Kurs in die richtige Richtung, steigt das Delta und der Schein wird aggressiver. Hohe Gamma-Scheine eignen sich gut für das Trading, um Wendepunkte zu nutzen. Sie sollten vermieden werden, wenn der Markt seitwärts läuft.
Vega: Von der Volatilität profitieren
Das Vega gibt an, wie stark ein Warrant auf Veränderungen der impliziten Volatilität des Basiswerts reagiert. Generell gilt: Steigt die implizite Volatilität, dann werden Warrants unter ansonsten gleichen Bedingungen teurer – egal ob Call oder Put. Sinkt die implizite Volatilität hingegen, verhält es sich umgekehrt. Dieser Volatilitätseinfluss lässt sich in der Praxis nutzen. Beispiel: Ist vor wichtigen Ereignissen wie Zinsentscheidungen oder Quartalszahlen die Volatilität des Basiswerts niedrig, aber es werden zugleich kräftige Kursausschläge durch das Ereignis erwartet, kann es sinnvoll sein, sich im Vorfeld mit Warrants mit hohem Vega zu positionieren.
Beispiel für einen Vega-Trade
Angenommen, die Quartalszahlen eines Unternehmens enttäuschen und der Kurs der Aktie bricht um 10% von CHF 50 auf CHF 45 ein. Die erwartete Volatilität der Aktie schnellt als Folge davon von 20% auf 35% nach oben. Weiter angenommen: ein Anleger hat sich kurz zuvor mit Put Warrants mit einer Restlaufzeit von 180 Tagen und einem am Geld liegenden Basispreis von CHF 50 eingedeckt (Bezugsverhältnis 1:1). Hintergrund: Warrants, die am Geld liegen und eine relativ lange Restlaufzeit haben, weisen besonders hohe Vega-Werte auf. Nach dem Kursrutsch darf sich der Anleger doppelt freuen. Sein Schein gewinnt nämlich nicht nur durch die Kursverluste der Aktie, sondern profitiert auch vom Anstieg der Volatilität.
Mehrgewinn durch Vega-Effekt
Auf Basis der obigen Annahmen hat der Put Warrant vor dem Kursverlust der Aktie laut dem Optionspreismodell von Black-Scholes einen fairen Wert von CHF 2.56. Nach dem Kursrutsch schnellt der faire Wert des Put Warrants auf CHF 7.24 nach oben. Der Gewinn beträgt demnach 183%. Doch wie stark hat der Vega-Effekt in diesem Szenario durchgeschlagen? Das zeigt eine Alternativrechnung ohne Berücksichtigung des Vola-Anstiegs. In diesem Fall hätte sich der Wert des Puts nur um 115% auf CHF 5.50 CHF erhöht. Das Beispiel zeigt: Ein hohes Vega kann bei Vola-Sprüngen zu einem beträchtlichen Teil zur Gesamtrendite eines Puts beitragen. Hier sind es stolze 68 Prozentpunkte. Hätte sich der Anleger dagegen mit einem Call positioniert, wäre er auf dem falschen Fuss erwischt worden, das heisst, sein Warrant würde infolge des Aktienverlustes an Wert verlieren. Dem stünde aber zumindest eine positive Volatilitätswirkung auf den Preis des Calls gegenüber.

Achtung: Zeitwertverlust
Abschliessend noch kurz zum Theta, also zum Zeitwertverlust. Grundsätzlich gilt: Je höher das
Theta, desto teurer ist das «Warten», wobei der Wertverlust stärker wird, je näher das Verfallsdatum heranrückt. Hier eine Orientierungshilfe: Bei Restlaufzeiten von mehr als 90 Tagen spielt Zeit noch kaum eine Rolle, bei Restlaufzeiten zwischen 30 und 60 Tagen sinkt der Zeitwert spürbar, bei unter 20 Tagen «frisst» die Zeit den Preis sehr schnell, bei weniger als sieben Tagen kann ein Schein sogar trotz richtiger Richtung an Wert verlieren.
Vier Merksätze
• Delta entscheidet, wie schnell man Geld gewinnt oder verliert.
• Gamma verstärkt Bewegungen – gut für Trends, gefährlich seitwärts.
• Theta frisst den Schein – Zeit ist ein Feind.
• Vega entscheidet, ob man billig oder teuer einkauft.