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payoff Interviews

Warum Anleger 2026 ihre Erwartungen neu justieren müssen

08.01.2026 8 Min.
  • Dieter Haas
    Redaktor

Herr Geissbühler, wenn Sie auf das Jahr 2026 blicken: Welche drei makroökonomischen Faktoren werden Ihrer Ansicht nach die Finanzmärkte am stärksten prägen?

In Bezug auf die Geldpolitik wird die Wahl des Nachfolgers von Jerome Powell im Mai spannend. Danach wird sich zeigen, wie unabhängig die Fed noch agieren wird. Ungewiss ist auch, ob die immensen Infrastruktur- und Rüstungsausgaben die Konjunktur wirklich anschieben können, oder mehr oder weniger wirkungslos verpuffen. Hinzu kommt die globale Schuldensituation, die sich weiter zuspitzt. In dieser Gemengelage sollten Anlegerinnen und Anleger die langfristigen Kapitalmarktzinsen genau im Auge behalten. Sollten diese rasch ansteigen, wird es an den Finanz- und Aktienmärkten ungemütlich. 

Zuletzt haben Sie betont, dass sich die Weltwirtschaft in einer Phase struktureller Umbrüche befindet. Welche dieser Veränderungen werden aus Investorensicht im Jahr 2026 Chancen und welche Risiken darstellen?

Die USA setzen den Freihandel mit ihrer protektionistischen Zoll- und Handelspolitik unter Druck. Die Folgen sind ein schwächeres Wirtschaftswachstum und steigende Preise. 2026 dürfte die globale Wirtschaft daher erneut unter Potenzial wachsen. Zudem nehmen die Rüstungsinvestitionen weltweit rasant zu. Massive Investitionen braucht es auch im Bereich der Infrastruktur und Energieversorgung. Unternehmen aus entsprechenden Sektoren sollten profitieren. Die Rohstoffpreise dürften aufgrund der hohen Nachfrage ebenfalls weiter steigen. 

Erwarten Sie bis 2026 eine neue Zinsnormalität? Wenn ja, auf welchem Niveau sehen Sie dann mittelfristig die Leitzinsen in den USA, der Eurozone und der Schweiz?

Die Leitzinssenkungszyklen sind weitestgehend abgeschlossen. In der Schweiz gehen wir davon aus, dass die Nullzinsen für eine längere Zeit Bestand haben werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Fed dürften 2026 nur noch ein- bis maximal zweimal die Leitzinsen senken. Mit Ausnahme der Schweiz dürften sich damit die Leitzinsen auf relativ betrachtet erhöhten Niveaus einpendeln.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach die Rolle der Notenbanken entwickeln? Werden Leitzinsen auch künftig ein aktives Steuerungsinstrument bleiben – oder bewegen wir uns in Richtung eines strukturell höheren Zinsniveaus?

Strukturell gesehen spricht vieles für eine erhöhte Inflation. Die demografischen Entwicklungen, die massiven Rüstungsausgaben sowie die Deglobalisierungstendenzen befeuern die Teuerung. Solange die Notenbanken an ihren Inflationszielen von 2% festhalten, werden sie die Zinsen deshalb hochhalten müssen. Es ist allerdings – insbesondere in den USA – nicht auszuschliessen, dass man sich von diesem Ziel explizit verabschieden wird. Im Grunde hat man das eigentlich bereits getan: Seit März 2021 liegt die US-Inflation über der 2-Prozent-Marke. Letztlich sind eine erhöhte Inflation bzw. negative Realzinsen ein Weg, um die hohen Staatschulden schrittweise abzubauen.

Sind Anleihen nach wie vor relevante Bausteine für Portfolios und wo sehen Sie die attraktivsten Segmente im Jahr 2026: Staatsanleihen, Unternehmensanleihen oder High Yield?

Da wir nicht von weiteren signifikanten Zinssenkungen ausgehen, ist bei Obligationen kaum mit Kursaufwertungen zu rechnen. Die Erträge stammen daher fast ausschliesslich aus dem Coupon – und dieser fällt bescheiden aus: Schweizer-Franken-Anleihen guter oder sehr guter Bonität liefern 0.5% bis 1% Rendite. Gleichwohl tragen Obligationen zur Stabilität eines Portfolios bei und sollten nicht aus-ser Acht gelassen werden. Als Beimischung bieten sich Schwellenländeranleihen an, die selbst nach Währungsabsicherungskosten rund 3% abwerfen.

Vor dem Hintergrund höherer Finanzierungskosten: Wie schätzen Sie das Risiko von Kreditereignissen und steigenden Ausfallraten ein?

Diese Risiken sind nicht zu unterschätzen. Die Bondmärkte sind diesbezüglich aber aktuell tiefenentspannt, was die extrem tiefen Credit Spreads zeigen. Das wiederum ist gefährlich und der Hauptgrund, warum wir bei Hochzinsanleihen untergewichtet sind.

Sind Aktienbewertungen Ihrer Meinung nach eher durch Fundamentaldaten oder durch Liquidität und Erwartungshaltung getrieben? Und wie könnte sich dieses Verhältnis im Jahr 2026 verändern?

Sowohl als auch. 2025 verzeichneten die Unternehmen in allen Regionen solide Gewinnwachstumsraten. Da die Aktienmärkte aber noch stärker gestiegen sind, hat eine erneute Bewertungsexpansion stattgefunden. Diese wiederum ist teilweise auf die sinkenden Leitzinsen zurückzuführen. Andererseits sind die Erwartungen für 2026 sehr hoch – insbesondere im Technologiesektor. Da die Bewertungen in fast allen Regionen mittlerweile über den langfristigen Durchschnittswerten liegen, dürfte die Rendite primär von den Gewinnen getrieben werden. 2026 werden die Brötchen deshalb wohl etwas kleiner gebacken werden.

Welche Regionen oder Märkte haben aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren das beste Risiko-Rendite-Profil – und wo sind Sie eher vorsichtig?

Aus Sicht von Schweizer Anlegern ist der Heimmarkt zu präferieren. Die Bewertung ist attraktiv, insbesondere wenn wir die Risikoprämien betrachten. Hinzu kommen Dividendenrenditen von 3%. Als Beimischung kommen selektiv auch Schwellenländeraktien in Frage. Deutlich skeptischer bin ich aufgrund der sehr hohen Bewertung für den US-Aktienmarkt. Basierend auf unseren Kapitalmarktprognosen ist in den kommenden zehn Jahren mit einer unterdurchschnittlichen Rendite zu rechnen. 

Welche strukturellen Investmentthemen (z. B. KI, Energie, Demografie, Deglobalisierung) dürften Ihrer Meinung nach im Jahr 2026 noch immer unterschätzt werden?

Das Thema «Künstliche Intelligenz» stand stark im Fokus und die Erwartungen sind sehr hoch. Dieser Trend wird kurzfristig wohl eher über- als unterschätzt. Unterschätzt wird der Hunger nach Rohstoffen: Investitionen in (Energie-)Infrastruktur, der Aufbau von neuen Lieferketten sowie die steigenden Rüstungsausgaben werden zu einem Nachfrageschub führen. 

Welche Rolle sollten alternative Anlagen wie Immobilien, Infrastruktur oder Private Markets in einem ausgewogenen Portfolio im Jahr 2026 spielen?

Privat Markets sind für Privatanleger aufgrund der fehlenden Liquidität nicht zu empfehlen. Zudem waren insbesondere im Private-Equity-Bereich die Performances zuletzt enttäuschend, weshalb Institutionelle Anleger ihre diesbezüglichen Investitionen gedrosselt haben. Das ist mit ein Grund, warum jetzt die Retail-Anleger in den Fokus der Private-Equity-Häuser geraten sind. Das ist ein Trend, den ich mit Sorge verfolge. 

Viele Privatanleger reagieren stark auf kurzfristige Marktschwankungen. Welche strategische Haltung empfehlen Sie hingegen Anlegern mit einem längeren Anlagehorizont?

Langfristig betrachtet gibt es aus meiner Sicht zwei Möglichkeiten, um an den Börsen erfolgreich zu sein. Die eine Strategie basiert auf einer aktiven, antizyklischen Trading-Strategie. Dafür braucht es aber Disziplin und man muss permanent am Markt sein. Die andere Strategie ist die eher langweilige «Buy-and-Hold»-Strategie mit einer breiten Diversifikation. Dabei schaut man am besten nur einmal im Jahr auf die Börsen, macht gegebenenfalls ein Rebalancing und lässt ansonsten die Märkte für einen arbeiten. Unseren Kunden empfehlen wir die zweite Variante, wobei wir in der Vermögensverwaltung anlagetaktisch starke Marktbewegungen antizyklisch nutzen und die Portfolios entsprechend adjustieren. 

Wenn Sie heute ein typisches Schweizer Anlegerportfolio auf das Jahr 2026 ausrichten müssten – welche Anpassung wäre aus Ihrer Sicht die wichtigste?

Ich empfehle einen starken Home Bias. Dafür spricht schon allein die langfristige Währungsentwicklung, denn der Franken ist und bleibt die stärkste Währung der Welt. Zudem würde ich bei Techaktien Gewinne mitnehmen und verstärkt in die vernachlässigten Pharma- und Konsumgüteraktien investieren. Gold gehört – trotz der starken Performance – aus Diversifikationsgründen mit einer Quote von 7% bis 8% weiterhin ins Portfolio. 

Abschliessend noch eine persönliche Frage: Gibt es eine Lieblingsaktie in Ihrem Portfolio, also eine Aktie, von der Sie sich nur sehr schweren Herzens trennen würden? Falls ja, um welche handelt es sich?

Ich halte mich bewusst ans Motto «Never fall in love with a stock». Persönlich investiere ich nach einem «Value»-Ansatz mit starken Qualitätskriterien. Dabei kaufe ich Aktien, die unter ihrem Buchwert handeln und gleichzeitig eine sehr solide Bilanz haben. In der Schweiz erfüllen derzeit Titel wie Swatch Group, Starrag Tornos, Feintool oder V-Zug diese Kriterien. Sobald diese Aktien ihren Buchwert erreichen, trenne ich mich von ihnen – mit leichtem Herzen. 

Vielen Dank!

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Matthias Geissbühler
CIO Raiffeisen Schweiz

Matthias Geissbühler wurde 1975 in Bern geboren. Nach seinem Betriebswirtschaftsstudium an der Universität St. Gallen folgten Tätigkeiten bei verschiedenen Banken im Bereich Aktien-
Research sowie Portfolio- und Fondsmanagement. 2010 übernahm er die Leitung der Anlagestrategie bei der Bank La Roche in Basel und verantwortete diesen Bereich auch nach dem Zusammenschluss mit der Bank Notenstein. Seit Oktober 2018 ist Matthias Geissbühler als Chief Investment Officer (CIO) für die Anlagepolitik von Raiffeisen Schweiz verantwortlich. Geissbühler hält einen Abschluss als lic. oec. HSG sowie die Titel Chartered Financial Analyst (CFA) und Chartered Market Technician (CMT).

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