Interviews
Biotech im Aufbruch: Warum jetzt ein entscheidender Moment für Investoren ist
-
Serge Nussbaumer
Chefredaktor
Herr Koch, welche fundamentalen Trends beeinflussen derzeit die Attraktivität von Biotech-Investments am stärksten?
Die langfristigen Fundamentaldaten der Biotechnologie sind und bleiben der entscheidende Treiber für die Attraktivität des Sektors. Eine wachsende und alternde Weltbevölkerung sorgt für eine anhaltend hohe Nachfrage nach Therapien gegen chronische und altersbedingte Erkrankungen. Parallel dazu nimmt die wissenschaftliche Innovationsdynamik stetig zu: Fortschritte bei RNA-Medikamenten, neuartigen Biologika, zielgerichteten Small Molecules sowie daten- und KI-gestützten Forschungsansätzen verändern die biomedizinische Entwicklung nachhaltig und schaffen über Jahre hinweg neue Wertschöpfungspotenziale.
Hinzu kommt ein struktureller Branchentrend, der die strategische Bedeutung von Biotech-Innovatoren weiter erhöht: Die Pharma-Industrie steht vor der grössten Patentklippe ihrer Geschichte. Bei Merck & Co. sind rund ein Drittel des Portfolios betroffen, bei Bristol Myers Squibb ist es mehr als die Hälfte. Für viele Pharmaunternehmen reicht organisches Wachstum nicht mehr aus – ohne klare Akquisitionsstrategie droht ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Entsprechend wächst die Nachfrage nach differenzierten, wissenschaftlich führenden Plattformen, insbesondere solchen mit Programmen in späten Entwicklungsphasen.
Diese strukturellen Faktoren wirken über mehrere Jahre und bilden das Fundament dafür, warum Biotechnologie unabhängig vom kurzfristigen Marktumfeld ein attraktives, innovationsgetriebenes Anlagesegment ist.
Meinen Sie, dass jetzt ein besonders günstiger Zeitpunkt ist, um in den Biotech-Sektor einzusteigen? Wenn ja, warum?
Anstatt auf kurzfristige Signale zu setzen, orientieren wir uns an strukturellen Entwicklungen – und diese schaffen derzeit ein günstiges Umfeld. Die Bewertungen liegen nahe historischer Tiefststände, obwohl sich die Fundamentaldaten klar aufhellen. Gleichzeitig entlasten sinkende Finanzierungskosten nach den ersten Fed-Zinssenkungen den Sektor und erleichtern die Kapitalaufnahme für innovative Unternehmen.
Parallel dazu hat die M&A-Aktivität deutlich angezogen: Strategische Käufer sind bereit, für wissenschaftlich differenzierte Plattformen substanzielle Prämien zu bezahlen. Zudem sorgt das regulatorische und preisbezogene Umfeld für mehr Visibilität, da sich internationale Preisstrukturen an neue Rahmenbedingungen wie Zölle und Referenzierungen anpassen.
Wie schätzen Sie die aktuelle Bewertungslage im Vergleich zu früheren Marktzyklen ein?
Die Kombination aus einer sehr soliden operativen Entwicklung vieler Kernbeteiligungen und gleichzeitig gedrückten Sektor-Bewertungen ist historisch betrachtet aussergewöhnlich. Wir sehen wissenschaftliche Fortschritte, steigende M&A-Aktivität und wichtige klinische Meilensteine – doch diese Trends spiegeln sich erst verzögert in den Marktpreisen wider.
Besonders ausgeprägt ist diese Diskrepanz im Bereich der Mid und Small Caps. Viele dieser Unternehmen handeln weiterhin deutlich unter ihren historischen Bewertungsniveaus, obwohl sie klinisch sichtbare Fortschritte oder validierte Plattformen vorweisen. Gerade in diesem Segment reagieren Bewertungen oft verspätet, weil Kapitalflüsse nach Korrekturphasen zunächst in grössere, liquidere Titel zurückkehren.
In früheren Marktzyklen markierten genau solche Phasen häufig den Übergang in nachhaltige Neubewertungsperioden. Die aktuelle Ausgangslage ähnelt deshalb jenen Momenten, in denen Fundamentaldaten klar vorauslaufen und die Bewertungen – insbesondere im Mid und Small Cap-Bereich – anschliessend überproportional nachziehen.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei der Wirkstoffentwicklung und verändert sie das Chancen-Risiko-Profil von Investitionen?
Künstliche Intelligenz verändert die Wirkstoffentwicklung grundlegend. Datengetriebene Forschung, KI-gestütztes Design und agentenbasierte Modelle ermöglichen es Unternehmen, Zielstrukturen präziser zu identifizieren, Wirkstoffkandidaten schneller zu optimieren und komplexe biologische Zusammenhänge in kürzerer Zeit zu modellieren. Dadurch entstehen robustere Hypothesen, klarere klinische Strategien und oftmals schnellere Fortschritte zwischen frühen und späten Entwicklungsphasen.
Für uns im Portfolio Management spielt KI ebenfalls eine immer wichtigere Rolle. KI-gestützte Research-Systeme verbessern die Fähigkeit, Chancen früh zu erkennen, Risiken gezielt zu steuern und wissenschaftliche Differenzierungen präziser zu bewerten.
KI verändert sozusagen das Chancen-Risiko-Profil des gesamten Sektors: Nicht, weil sie die Biologie ersetzt, sondern weil sie sie verstärkt – durch präzisere Modelle, schnellere Iterationen und eine deutlich höhere Qualität in der wissenschaftlichen Entscheidungsfindung.
Wie beurteilen Sie die Qualität und Reife der aktuellen klinischen Pipelines? Befinden wir uns in einer Phase aussergewöhnlicher Innovation?
Wir sehen seit Jahren eine konstant hohe Innovationsrate – aber nichts, was man als aussergewöhnliche Phase bezeichnen müsste. Auch in Zeiten, in denen der Sektor schwächer performt hat, gab es fundamentale wissenschaftliche Fortschritte, die sich schlicht nicht im Kursniveau widerspiegelten. Innovation verläuft also deutlich stabiler als die Marktstimmung.
Vor diesem Hintergrund ist die Qualität und Reife vieler klinischer Pipelines im Moment solide, vor allem weil mehrere Programme in wichtige Spätphasen übergehen. Wir sehen eine Reihe von potentiellen Highlights, etwa bevorstehende Zulassungen wie Mitapivat von Agios Pharmaceuticals bei Thalassämie, Troriluzol von Biohaven bei spinozerebellärer Ataxie oder Apitegromab von Scholar Rock gegen spinale Muskelatrophie sowie relevante Phase-III- oder Proof-of-Concept-Daten in Bereichen wie Sichelzellanämie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurologischen Indikationen – unter anderem aus Programmen von Agios, Edgewise Therapeutics, Wave Life Sciences, Neurocrine Biosciences und Relay Therapeutics.
Wird die M&A-Aktivität der grossen Pharmakonzerne in den nächsten Monaten weiter anziehen? Wenn ja, warum?
Die letzten Monate stimmen mich optimistisch, dass dies der Fall sein wird. Ein zentraler Indikator ist, dass wir in unserem eigenen Portfolio zuletzt mehrere Unternehmen hatten, die übernommen wurden – ein klares Zeichen dafür, dass grosse Pharmafirmen gezielt nach differenzierten, wissenschaftlich starken Plattformen suchen.
Darüber hinaus beobachten wir auch ausserhalb unseres Portfolios eine sehr hohe Transaktionsdynamik: Im Markt wurden zuletzt grosse Übernahmen im Milliardenbereich angekündigt, darunter die Transaktionen von Pfizer (Metsera), Roche (89bio), Genmab (Merus) und Merck (Verona Pharma). Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Organisches Wachstum allein reicht für viele Pharmaunternehmen nicht aus, um ihre Ertragsziele langfristig zu sichern, und Unternehmen ohne klare Akquisitionsstrategie riskieren, an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Gleichzeitig stehen zahlreiche Blockbuster vor Patentabläufen, was den Druck zur externen Innovation weiter erhöht. Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, dass die M&A-Welle nicht nachlässt, sondern sich im kommenden Jahr eher noch intensiviert.
Gibt es Ihrer Meinung nach bestimmte Indikationen oder Therapiegebiete, die in den kommenden Jahren besonders profitieren werden?
Wir sehen strukturell starke Dynamik in Bereichen mit klarer biologischer Validierung und hohem medizinischem Bedarf. Dazu gehören seltene genetische Erkrankungen, neurologische Indikationen, kardiometabolische Erkrankungen sowie auto-immune Krankheitsbilder. Parallel gewinnen RNA-basierte Therapien, weiterentwickelte Antikörperformate mit ver-
längerter Wirkdauer und neue Protein-Engi-
neering-Ansätze an Bedeutung. Diese Felder verbinden klinische Relevanz mit sichtbaren Datenkatalysatoren und guten Kommerzialisierungschancen.
Wo sehen Sie die grössten Risiken für Investoren – klinisch, regulatorisch oder finanziell?
Die grössten Risiken liegen weiterhin in der Klinik, der Regulierung und der Finanzierung – allerdings in sehr unterschiedlicher Gewichtung. Klinische Risiken bleiben klar dominant. Selbst sehr überzeugende wissenschaftliche Hypothesen können durch negative oder inkonsistente Studiendaten ausgebremst werden, insbesondere in spätphasigen Programmen, wo Erwartungen und Bewertungsniveaus oft hoch sind.
Regulatorisch beobachten wir eine zunehmend selektive und datensensitive FDA. Die Behörde legt heute einen stärkeren Fokus auf robuste Endpunkte, klare Wirksamkeitsnachweise und konsistente Sicherheitsprofile. Dies gilt insbesondere für First-in-Class-Therapien, für beschleunigte Zulassungswege und für Programme, die stark auf Surrogat-Endpunkte setzen. Gleichzeitig werden die Post-Marketing-Anforderungen häufiger und umfangreicher. Für Unternehmen bedeutet dies: Gut designte Studien, überzeugende klinische Relevanz und saubere Datenqualität sind wichtiger denn je. Programme, die diese Anforderungen erfüllen, profitieren von höherer Sichtbarkeit und Planbarkeit. Andere geraten durch zusätzliche Auflagen oder Verzögerungen schneller unter Druck.
Finanzielle Risiken betreffen vor allem Firmen ohne ausreichende Kapitalbasis oder ohne klaren Fahrplan zu wertschaffenden klinischen Wendepunkten. Die Phase gedämpfter Kapitalmärkte hat gezeigt, wie schnell sich Finanzierungsbedingungen für hochinnovative, aber noch nicht profitable Unternehmen verschärfen können.
Genau deshalb fokussieren wir uns auf Firmen mit klarer wissenschaftlicher Differenzierung, soliden Bilanzen und gut definierten klinischen Katalysatoren. Dieses Profil eliminiert zwar nicht alle Risiken, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass wissenschaftliche Innovationen auch tatsächlich in nachhaltige Wertschöpfung übersetzt werden.
Welche Unternehmensgrössen erscheinen aktuell am interessantesten – Large Caps, Mid Caps oder eher kleine, hochinnovative Firmen?
Für uns steht weniger die Unternehmensgrösse im Vordergrund als vielmehr eine Kombination qualitativer Faktoren: wissenschaftlich differenzierte Plattformen, eine solide Kapitalbasis und sichtbare klinische oder kommerzielle Wendepunkte mit attraktivem Risiko-Ertrags-Profil. Nun finden wir dieses Profil besonders im Bereich der Mid Caps, um auf die Kapitalisierung zurückzukommen. Das heisst, es geht um Unternehmen, die bereits eine starke wissenschaftliche Validierung erreicht haben, aber noch genügend Aufwertungspotenzial besitzen, um überproportional von klinischen Fortschritten, Zulassungen oder Markteinführungen zu profitieren. Entscheidend ist nicht die Grösse an sich, sondern die Kombination aus wissenschaftlicher Reife, Kapitalstärke und klaren Katalysatoren.
Welche Biotech-Titel oder -Segmente werden in der Branche derzeit als «heiss» gehandelt und warum?
Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten derzeit RNA-Plattformen, innovative Antikörpertechnologien, Programme im Bereich Adipositas sowie genetisch definierte seltene Erkrankungen. Diese Segmente gelten als «heiss», weil sie starke klinische Fortschritte, klare Endpunkte und teilweise sehr grosse Marktpotenziale kombinieren. Zusätzlich stehen Unternehmen mit sichtbaren spätklinischen Daten oder bevorstehenden Zulassungsmeilensteinen im Fokus – besonders in einem Umfeld, in dem strategische Käufer gezielt nach differenzierten Plattformen suchen.
Bei welchen drei Titeln sehen Sie zukünftig das grösste Potenzial? Anders gefragt: Wenn Sie nur drei Titel halten dürften, welche wären das?
Ich bin grundsätzlich von allen Unternehmen in unserem Portfolio überzeugt – sonst wären sie nicht darin vertreten. Wenn ich mich allerdings auf drei fokussieren müsste, würde ich jene wählen, die aktuell eine sehr starke Kombination aus wissenschaftlicher Differenzierung, klinischen Wendepunkten und kommerzieller Dynamik zeigen.
Ionis hat im vergangenen Quartal gleich mehrere entscheidende Meilensteine erreicht: positive Phase-III-Daten zu Olezarsen, bestätigende Ergebnisse zu Zilganersen und die FDA-Zulassung von Donidalorsen. Diese Fortschritte festigen die führende Position des Unternehmens in der RNA-basierten Medizin und schaffen starke Werttreiber für die kommenden Jahre.
Alnylam überzeugt durch ein wachsendes Franchise im Bereich der Transthyretin-Amyloidose und positive Zwischenergebnisse aus nachfolgenden Programmen. Die starke Marktdurchdringung von Amvuttra unterstreicht die kommerzielle Reife und das Potenzial der Pipeline .
Argenx zeigt eine anhaltend hohe Nachfrage nach Vyvgart – sowohl intravenös als auch subkutan – und treibt parallel dazu die globalen Zulassungsanträge für weitere Indikationen voran. Diese Kombination aus breiter Anwendung und wachsendem Marktpotenzial macht Argenx zu einem unserer wirkungsvollsten Wachstumstreiber.
Vielen Dank.
__
Dr. Christian Koch
Head BB Biotech & Executive Board Member bei Bellevue Asset Management
Dr. Christian Koch ist seit 2014 bei Bellevue Asset Management tätig. Von 2013–2014 war er Sell-side Pharma & Biotech Aktienanalyst bei der Bank am Bellevue in Küsnacht und von 2010–2013 Research Associate am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften an der ETH Zürich. Er promovierte im Bereich Computer-Assisted Drug Design am Pharmazeutischen Institut der ETH Zürich und studierte Bioinformatik an der Goethe-Universität Frankfurt.